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Digital

11. Dezember 2016 | 12:54 Uhr

Piratensender : Die Jagd nach den illegalen Livestreams

vom
Aus der Onlineredaktion

Nutzer bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Externe Dienstleister durchsuchen Webseiten nach Verstößen gegen TV-Rechte

Die Bundesliga ist voll im Gange. Und wieder stellen sich viele die Frage: Wo kann ich Fußball umsonst schauen? Betreiber illegaler Livestreams locken auf dubiose Seiten. Gegen die Piratensender gehen Ligen und TV-Sender entschieden vor. „FC Bayern München – Borussia Dortmund Live Stream kostenlos“: Mit Schlagworten wie diesen ziehen illegale Livestreams jedes Wochenende viele Internetnutzer auf ihre Seiten. Die Sender sehen einen erheblichen finanziellen Schaden. Unbekannt ist die Zahl der Nutzer sowie die der illegalen Sender. Zur Verfolgung der Piratensender werden nun auch professionelle Jäger eingesetzt.

Die Kosten für TV-Rechte in Deutschland

König Fußball ist in Deutschland ein lukratives Geschäft. 673 Millionen Euro kassieren die Proficlubs in der Fußball-Bundesliga dieses Jahr für die TV-Erlöse. Mehr Geld erwarten sie 2017 durch den neuen Fernseh-Deal, der ihnen rund 1,16 Milliarden Euro einbringt. Zwischen 25 und 50 Euro müssen Kunden des Pay-TV-Senders Sky für ein monatliches Abonnement hinlegen. Bei den Inhalten illegaler Livestreams geht es daher vor allem um eins: Fußball, Fußball, Fußball.

Wie das Geschäft funktioniert

Es beruht auf einem finanziellen Kreislauf, der im Wesentlichen über drei Stellen läuft: Kanal-Anbieter, Aggregatoren und Werbetreibende.

Die Kanal-Anbieter stellen die technischen Voraussetzungen zur Verfügung, damit ein Fernsehsignal als Livestream ins Internet übertragen werden kann. Um den Stream auf einer Webseite einzubinden, wird ein Embed-Code benötigt, dessen „Signal“ von einem Flash Player als Bewegtbild übersetzt wird.

Im nächsten Schritt sind Aggregatoren dafür zuständig, die unterschiedlichen Embed-Codes zu sammeln und diese in Form von Links auf Webseiten aufzubereiten, die mit kostenlosen Sportübertragungen werben. Klickt ein Nutzer auf einen Link, wird er zur Livestream-Seite geleitet. Jetzt kommt die Werbung ins Spiel: Ein Werbenetzwerk bereitet einzelne Anzeigen so auf, dass sie visuell über dem Livestream liegen - man spricht hier von sogenannten Overlays. Klickt ein Zuschauer auf eine Anzeige, wird er auf die Seite des Unternehmens geschickt.

Das Werbenetzwerk hat seinen Zweck erfüllt und wird für das Anlocken des Kunden von den Werbetreibenden bezahlt. Das Werbenetzwerk wiederum honoriert die Anbieter oder Aggregatoren für das Bereitstellen ihrer technischen Dienste.

Gefahr von Schadsoftware droht

Mit Pop-Ups auf Livestream-Seiten wollen Hintermänner nicht nur Geschäfte machen. Oft führen sie auf dubiose Seiten, die zur Installation von Programmen mit versteckter Schadsoftware auffordern. Eine Studie der belgischen KU Leuven belegt anhand der Analyse von 23  000 Livestream-Seiten, dass jede zweite Seite sogenannte Malware enthielt. Installiert man versehentlich eine gefälschte Flash-Player-Aktualisierung, können sich getarnte Trojaner auf dem System einnisten.

Das Problem der Strafverfolgung

Gegen die Betreiber vorzugehen, ist schwierig, vor allem wenn sich die Server außerhalb der EU befinden, sagen Experten. Mehr als 60 Prozent der identifizierten Streams hatten beim Test der KU Leuven ihren Standort im zentralamerikanischen Belize, der Schweiz, Kanada, den Niederlanden und Schweden.

Sieg vor Gericht gegen Website

Einen juristischen Erfolg gab es 2013 in Großbritannien: Die Premier League gewann einen Rechtsstreit gegen die Webseite FirstRow1. EU, die unerlaubterweise Fußballspiele übertrug. Per Gerichtsbeschluss wurde die Seite gesperrt. Allein durch sie sei ein jährlicher Schaden von 10 Millionen Pfund (damals rund 12 Mio Euro) entstanden, berichtete die BBC.

Nutzer illegaler Livestream-Angebote bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Konkrete höchstrichterliche Entscheidungen, ob allein schon das Anschauen eines illegalen Streams eine Rechtsverletzung darstellt, gibt es laut Rechtsportal „irights.info“ bislang nicht. Ein Restrisiko für Ärger gibt es also auch für Stream-Zuschauer.

Ärger können Nutzer den Angaben nach schon bekommen, wenn es sich um eine offensichtlich rechtswidrige Quelle handelt. Lässt sich also ohne große Recherche feststellen, dass ein Portal oder eine Webseite sicher keine Genehmigung hat, die angebotenen Filme, TV-Shows oder Sportübertragungen zu streamen, schützt Unwissenheit nicht vor Strafe.

Schaden kaum abschätzbar

Der finanzielle Schaden, den illegale Fußballstreams durch den Wegfall potenzieller Pay-TV-Kunden insgesamt anrichten, ist kaum schätzbar. Auch die Deutsche Fußballiga (DFL) kann ihn nicht beziffern, sieht aber die Geschäftsmodelle und die „qualitativ hochwertige TV-Berichterstattung“ der Bundesliga bedroht. Die DFL geht zudem davon aus, dass das Angebot illegaler Onlinestreams zuletzt zugenommen hat und sich immer mehr professionalisiert.

Um den Schaden einzudämmen, hat der Privatsender Sky eigene Piratenjäger eingesetzt. Die Mitarbeiter der Anti-Piraterie-Abteilung spüren illegale Übertragungen auf, indem sie während eines Spieltags sich wie Nutzer verhalten und nach Streams googeln, sagt Sky-Sprecher Stefan Bortenschlager. Ziel sei, jedes Sky-Signal zu identifizieren und zurückzuverfolgen, um herauszufinden, wer das Sendesignal ursprünglich weiterverbreitet hat. Auch die DFL überwacht während des Spieltags illegale Livestreams und ergreift rechtliche Schritte gegen professionelle Anbieter.

Alternatives Geschäftsmodell

Die Hintermänner des Stream-Netzwerks setzen daneben auf eine zweite Geschäftspraktik. Sie schalten die Spiele auf einem Portal, das Zuschauer gegen eine monatliche Gebühr nutzen können. Damit kopieren sie nicht nur die Inhalte der Bezahlsender, sondern auch deren Geschäftsmodell. Erst im März nahm die Bundespolizei den Betreiber der Streaming-Plattform „istreams.to“ fest. Er wird verdächtigt, für die Nutzung illegaler Sport- und Unterhaltungsprogramme eine monatliche Gebühr verlangt zu haben.

Die Abräumer des Internets

Ob Livestream oder Video-Upload: Inzwischen haben sich externe Dienstleister spezialisiert, Webseiten nach Verstößen gegen TV-Rechte zu durchsuchen. Das Sportvermarktungsnetzwerk Athletia aus Köln hat ein Tool entwickelt, mit dem sich illegale Inhalte auf vielen Social-Media-Kanälen aufspüren lassen.

„Wir löschen ein Video nicht sofort, sondern schauen es uns erst an, ob tatsächlich ein Rechteverstoß vorliegt“, sagt Athletia-Geschäftsführer, Lukas Klumpe. „Dadurch, dass wir jedes Video anschauen und bewerten, können wir inhaltlich sehr gut zwischen Fan-Content und Piraterie-Content unterscheiden.“ Für YouTube entwickelte Google eine Art digitalen Fingerabdruck, um Nutzer-Uploads mit geschützten Inhalten abzugleichen.

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Der erste Livestream war ein Baseball-Spiel
Die Übertragung des Baseball-Spiels zwischen den New York Yankees und den Seattle Mariners in den USA 1995 gilt als erstes Event, das per Livestream im Internet übertragen wurde. Technisch war dies erst nach der Entwicklung des Webbrowsers möglich, der eine grafische Darstellung umsetzbar machte. Im Netz übertragen wurde das Spiel 1995 vom Unternehmen Progressive Networks, der Firma des ehemaligen Microsoft-Managers Rob Glaser, die sich später in RealNetworks umbenannte, wie Wissenschaftler der KU Leuven in einer dieses Jahr veröffentlichten Studie berichten.

 

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