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Beruf & Karriere

07. Dezember 2016 | 15:27 Uhr

Test-Dämpfer bei Schulstudie : Wie viele Bäume pflanzt Jonas?

vom
Aus der Onlineredaktion

Deutsche Grundschüler sind im internationalen Vergleich Mathemuffel – ist der „Denkzettel“ bei der Timss-Studie ein schlechtes Omen für die neue Pisa-Studie?

„Jonas pflanzt je 8 Bäume in 5 Reihen. Wie viele Bäume pflanzt er insgesamt?“, heißt es in der Aufgabe. „A: 13, B: 32, C: 35, D: 40.“ Fast jeder vierte Viertklässler in Deutschland ist nicht in der Lage, Aufgaben wie diese richtig zu lösen, erreicht nicht einmal die Kompetenzstufe III.

Hier geht es um elementare Kenntnisse der Rechenarten. Und wer die am Ende der Grundschule nicht beherrsche, werde es später auf der weiterführenden Schule schwer haben. „Mathematisches Lernen in der Sekundarstufe I wird dieser Schülergruppe erhebliche Schwierigkeiten bereiten“, weiß Wilfried Bos. Der Bildungsforscher stellte gestern in Berlin die Ergebnisse der Timss-Studie vor, eines Grundschul-Leistungsvergleichs für Mathematik und Naturwissenschaften.

 

Der Befund: Gegenüber der Vorgängerstudie von 2011 haben sich Deutschlands Viertklässler nicht verbessert. Im internationalen Vergleich sind sie im Fach Mathe ins Mittelfeld abgerutscht und liegen in Naturwissenschaften sogar unter dem EU-Schnitt. Andere Länder wie Ungarn, Schweden oder Slowenien haben dagegen deutlich aufgeholt.

Kaum hatte der deutsche Timms-Chefforscher Bos die Ergebnisse gestern präsentiert, begann das Ringen um die Interpretation. „Kein Grund für überschwängliche Euphorie, kein Grund, in Sack und Asche zu gehen“, analysiert die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Bremens Schulsenatorin Claudia Bogedan (SPD). „Wir sind gut und können noch besser werden“, ergänzte Stefan Müller (CSU), Staatssekretär im Bundesbildungsministerium. Experten warnen dagegen vor Schönfärberei. Ein bisschen mehr Selbstkritik hätte er sich eine Woche vor den Befunden der neuen Pisa-Studie schon gewünscht, erklärte Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbandes, gestern im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Ansprüche heruntergeschraubt, der Unterrichtsumfang zu gering, die Grundschule eine Spielwiese für Reformen, so seine Analyse.

timss aufgabe1
Antworten

Aufgabe 1a: 8 Zeds; 1b: 3 Zeds

 

Einmal mehr zeigen sich auch in dieser Studie bekannte Probleme des deutschen Bildungssystems: Migrantenkinder konnten zwar etwas aufholen, doch liegen sie mit ihren Mathematik-Leistungen immer noch 31 Punkte hinter denen von Altersgenossen mit in Deutschland geborenen Eltern – das entspricht einem Rückstand von fast einem Schuljahr. Noch stärker ist der Nachholbedarf von Migrantenkindern in Naturwissenschaften. Darüber hinaus zeigt sich, dass es beim engen Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Schulleistungen bleibt. Der Leistungsvorsprung von Viertklässlern aus Haushalten mit mehr als 100 Büchern gegenüber Klassenkameraden, die von weniger als 100 Büchern daheim berichten, liegt im Fach Mathematik bei mehr als einem Schuljahr. In nur fünf untersuchten Ländern sind sozial bedingte Unterschiede in Mathematik-Leistungen größer als in Deutschland, in zwölf Staaten wie Niederlande, Italien oder Finnland deutlich geringer.

timss aufgabe2
Antworten

Aufgabe 2: Kreuz im unteren Kästchen

Erklärung: Zwei gleiche Seiten eines Magneten stoßen sich ab.

 

Während der Lehrerverband die Studie als „Denkzettel“ bezeichnet, warnt Timss-Forscher Bos vor nachlassendem Reformeifer. Sowohl am unteren als auch am oberen Rand des Leistungsspektrums müsse angesetzt werden. Wenn es so weitergehe, „muss man in Deutschland Angst haben, abgehängt zu werden“, mahnt der Experte. Spannend dürfte sein, wie Deutschlands Neuntklässler beim Pisa-Test abgeschnitten haben, dessen Ergebnisse am Dienstag vorgestellt werden. Wie jetzt bei Timss wird es dabei auf Drängen der Kultusminister keinen Leistungsvergleich zwischen einzelnen Bundesländern geben.  
 

Kommentar: "Nicht schönreden" von Rasmus Buchsteiner
Wieder nur Mittelmaß! Die Ergebnisse der neuen Studie lassen sich nicht schönreden. Liegen sie doch zum Teil unterhalb des EU-Durchschnitts. Die Selbstgerechtigkeit, mit der Bildungspolitiker die Befunde kommentieren, spricht Bände. Andere Länder ziehen vorbei, die Bildungsrepublik Deutschland, die sich nach dem Pisa-Schock zu Beginn des Jahrtausends bereits auf dem Weg der Besserung sah, stagniert inzwischen wieder. Eine Industrienation, die in einer immer dynamischeren Welt etwas auf sich hält, darf sich mit solchen Ergebnissen nicht zufrieden geben oder sie auf eine zunehmende Heterogenität der Schülerschaft schieben. Wenn ein Viertel der Schüler nach vier Jahren Unterricht noch größte Probleme mit den Grundrechenarten hat, muss die Frage erlaubt sein, was an Deutschlands Grundschulen schief läuft.  Das erforderliche Fundament für spätere Lernerfolge wird früh gelegt.  Die Ergebnisse  sind ein Alarmzeichen. Sie sollten für die Schulpolitiker  Anlass sein, ihren Kurs auf den Prüfstand zu stellen und für mehr, vor allem aber für besseren Unterricht zu sorgen.  


 

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erstellt am 30.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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