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Auto & Verkehr

09. Dezember 2016 | 00:58 Uhr

Senioren am Steuer : Führerschein ja, Autofahren nein

vom
Aus der Onlineredaktion

Nicht ungewöhnlich – vor allem bei der älteren Generation. Die Schwierigkeiten kommen beim Wiedereinstieg in den Straßenverkehr.

Führerschein mit 20, dann die frühe Heirat mit Familiengründung und hinter dem Steuer des Familienautos saß stets der Ehemann. „Das ist früher der Klassiker gewesen“, sagt Gerhard von Bressensdorf von der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF). Deshalb kehren vor allem ältere Führerscheininhaberinnen nach einer längeren Auszeit wieder in den Straßenverkehr zurück, erklärt der Experte. „Wollen oder müssen Frauen – und übrigens genauso auch Männer – dann wieder selbst Autofahren, fangen sie oft fast bei Null an“, sagt der Fahrlehrer. „Viele sind nie richtig gefahren, die haben es besonders schwer.“ Wer vor der Pause schon einige Jahre im Straßenverkehr unterwegs war, der komme deutlich schneller wieder rein. „Da ist es wie beim Fahrradfahren: das verlernt man nie“, sagt von Bressensdorf.

Auf die leichte Schulter nehmen sollten Wiedereinsteiger die Rückkehr aber nie. „Eine gute Selbsteinschätzung ist ebenso wichtig wie ein Blick von außen“, sagt Sven Rademacher vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Er rät daher, das Fahrvermögen von einer anderen Person beurteilen zu lassen. „Auf keinen Fall sollte man allein und unvorbereitet im öffentlichen Straßenverkehr üben.“ „Wer fünf Jahre lang nicht am Steuer saß, hat vor allem die Übung verloren. Wer noch länger nicht Auto gefahren ist, hat oft auch viel Respekt davor, sich überhaupt wieder ans Steuer zu setzen“, sagt auch Constantin Hack vom Auto Club Europa (ACE).

Entsprechend könne es schon ausreichen, zunächst einen Verkehrsübungsplatz aufzusuchen, um sich über Trainingsrunden in einem geschützten Rahmen wieder ans Fahren zu gewöhnen. Hier beginnen die Preise bei circa zehn Euro pro Stunde.

Der ADAC zum Beispiel unterhält bundesweit 21 öffentliche Verkehrsübungsplätze, auf denen jeder abseits des Straßenverkehrs Alltagssituationen trainieren kann. Daneben gibt es über 50 Fahrsicherheitszentren, die verschiedene Aufbaukurse anbieten, in denen Autofahrer lernen, auch in schwierigen Situationen richtig zu reagieren.

Eine Alternative ist die professionelle Begleitung durch die Fahrschule. Je nach Umfang und Dauer müssten Wiedereinsteiger mit Kosten zwischen 250 und 1000 Euro rechnen, sagt von Bressensdorf: „Alle Fahrschulen bieten auch Nachschulungskurse an.“ Er rät Wiedereinsteigern als ersten Schritt, sich in einer Fahrschule des Vertrauens beraten zu lassen. „Wer sich im Alter wieder hinters Steuer setzt, ist oft auch ängstlich. Daher ist es wichtig, auf den Fahrlehrer und seine Fähigkeiten zu vertrauen.“

Ein standardisiertes Nachschulungsprogramm gebe es nicht, dazu seien die Anforderungen zu individuell. Der Fahrlehrer überprüft den praktischen und theoretischen Wissensstand und gibt dann eine Empfehlung für den Umfang der Nachschulung. „Ob ein Wiedereinsteiger am normalen Theorieunterricht in der Fahrschule teilnehmen soll, muss im Einzelfall entschieden werden“, so von Bressensdorf.

Abgesehen davon, dass dies inhaltlich oft nicht passe, sei der Gruppenunterricht vielen Wiedereinsteigern unangenehmen, sie empfinden den Besuch fester Theoriestunden eher als belastend. „Bei vielen Wiedereinsteigern sind die Grundkenntnisse ja noch vorhanden, es geht also darum, ganz gezielt nachzuschulen“, so die Erfahrung des Fahrlehrers. Die Fahrstunden werden dann in der Regel auch nicht nur mit dem Fahrschulauto durchgeführt.„Der Fahrschulwagen wird meist nur für die ersten Stunden genutzt, anschließend wird auf den Privatwagen des Wiedereinsteigers umgestiegen, denn mit dem ist derjenige dann ja auch unterwegs“, erklärt von Bressensdorf. Es gehe darum, ganz gezielt den Umgang mit dem eigenen Auto zu üben. Wiedereinsteiger seien beispielsweise oft mit den Fahrerassistenzsystemen nicht vertraut, weil es die früher schlicht nicht gab.

Schwierigkeiten haben ältere Wiedereinsteiger nach Erfahrung des BVF sonst vor allem mit komplexeren Kreuzungsverkehren und dem Mitschwimmen im Verkehr. „Die Geschwindigkeit anderer Verkehrsteilnehmer richtig einzuschätzen, fällt vielen schwer“, sagt von Bressensdorf. Dies resultiere dann oft in einer zu defensiven Fahrweise und Angst vor dem Einfädeln auf Autobahnen oder im Kreisverkehr.

Wie wichtig eine gründliche Auffrischung ist, zeigt auch ein Blick auf die Unfallzahlen. Denn wenn ältere Autofahrer an einem Crash beteiligt sind, sind sie überdurchschnittlich oft auch schuld daran. „In der Altersgruppe ab 75 werden drei Viertel der Unfälle von den älteren Menschen verursacht, ein höherer Anteil als in der Hochrisikogruppe der jungen Autofahrer bis 25 Jahre“, sagt Rademacher.

Je nach allgemeinem Gesundheitszustand könne es zudem sinnvoll sein, sich vor einem Wiedereinstieg einmal gründlich durchchecken zu lassen. „Man sollte die Anforderungen im Auto nicht unterschätzen, das reicht vom Reaktionsvermögen bis hin zu einer gewissen Beweglichkeit hinterm Steuer“, so Rademacher.

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erstellt am 26.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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