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So spricht MV

01. Oktober 2016 | 08:59 Uhr

Kaufhalle statt Supermarkt, Astronaut oder Kosmonaut, Lehment Kümmel und  Klötenkööm – Sprache ist auch Heimat. Gemeinsam mit  unseren Lesern gehen wir auf im neuen Jahr auf Wortschatzsuche. Wir drucken Ihre Lieblingswörter, Begriffe und Redewendungen.

Beiträge

funzen: Der Trend zur Ökonomie in der Jugendsprache zeigt sich auch bei dem Verb „funzen“. Dieses Wort steht für funktionieren. Wenn also der PC nicht mehr funzt, dann funktioniert der Computer eben nicht mehr.

Hühnerschreck: Ein Fahrrad mit angebautem Motor bezeichnet, der mit einem Benzin-Öl-Gemisch angetrieben wurde. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Mode gekommen, war dieses Vehikel aufgrund seines kurzen Auspuffstutzens eine ohrenbetäubende Höllenmaschine.

Murring und Farring: Mutter und Vater.

Letscho: Ist eine ursprünglich wohl aus Ungarn stammende Paprika-Tomaten-Gemüsemischung. Letscho war damals besonders als Beilage zu Grillgerichten beliebt und wurde oft selbst gemacht. Auch im Internet finden sich dafür einige Rezepte. Heute kommt Letscho „nach ungarischer Art“ im Glas übrigens häufig aus dem Spreewald. Und selbst bei Bundeskanzlerin Angela Merkel kommen nach eigener Aussage auch heute nach wie vor typische Speisen aus der DDR-Vergangenheit auf den Tisch, darunter Soljanka, Schaschlik und eben auch Letscho. Im damaligen Westen waren Begriff und Mischung dagegen fast unbekannt.

Krabauter: Aus der umfangreichen Sammlung plattdeutscher Kosenamen unseres Lesers Wolfgang Hohmann aus Oettelin stammt auch der Krabauter. Womit ein lebhaftes Kind gemeint ist.

griechen: Auch dieses Verb stammt aus der Jugendsprache und ist schon ein bisschen gemein – es bedeutet nämlich „verschwenden“. Und so kann es zum Beispiel sein, dass jemand für dieses oder jenes bald 50 Euro „vergriecht“ hat …

Haushaltstag: Das DDR-Wort „Haushaltstag“ wurde normalerweise einmal im Monat werktätigen Frauen bei voller Bezahlung gewährt. Gesetzlich eingeführt worden war der Haushaltstag in der DDR 1952 zunächst für verheiratete Frauen. Ab 1965 galt er auch für unverheiratete Frauen mit Kindern unter 18 Jahren, und 1977 wurde das Anrecht auf den Haushaltstag auch unverheirateten, vollzeitbeschäftigten Frauen ab 40 Jahren ohne Kinder sowie teilweise auch Männern zugestanden - alleinstehend mit Kindern oder mit erkrankter Ehefrau unter bestimmten Bedingungen.

„Em is nich gaut an de Mütz.“ Der Ausdruck werde oft gebraucht, wenn sich eine Erkältung ankündigt oder wenn jemand mit etwas nicht zufrieden ist.

Doktor Holiday: Der „Doktor Holiday“ ist ein Begriff aus der Jugendsprache. Er bezeichnet einen Arzt, der jemandem ohne Probleme eine Krankmeldung ausschreibt – auch wenn der vielleicht gar nicht krank ist.

drall und drallig: Die „Dralle Diern“ - das ist ein hübsches molliges Mädchen oder eine ebensolche junge Frau. Aber Vorsicht: „nen bäten drallig“ bedeutet dagegen, ein bisschen eigensinnig zu sein.

Spökenkieker: Was ist ein Spökenkieker? Das plattdeutsche Wort steht wortwörtlich genommen für einen Gespensterseher. Es kann dem jeweiligen Spökenkieker aber auch gewissermaßen hellseherische Fähigkeiten zubilligen, die manchmal nicht schaden können. Solche Menschen verfügten angeblich über ein „zweites Gesicht“, um in die Zukunft schauen zu können. Und in dem einen oder anderen norddeutschen Ort hat man dem „Spökenkieker“ sogar ein Denkmal gesetzt.

Flugschimmel steht für Wolken.

St. Pauli gibt es nicht nur in Hamburg, sondern auch in Grabow im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Dort bezeichnet St. Pauli einen Platz, auf dem nach der Wende die Händler wie auf dem Hamburger Fischmarkt zu finden waren.

Sputnik: Zu den Begriffen aus DDR-Zeiten, die uns unsere Leserin Christel Dräger aus Rostock vorgeschlagen hat, gehört auch der Sputnik. Ursprünglich bezeichnete dieses russische Wort für Begleiter oder Gefährte die ersten zehn von der Sowjetunion gebauten und auf eine Erdumlaufbahn gebrachten Satelliten.  Auf diese Sputniks bezog sich auch ein Liederbuch für die Vorschulerziehung mit dem Titel „Sputnik, Sputnik, kreise“ und ein beliebtes Märchenbuch mit sechs Märchen, die allesamt ohne „Es war einmal …“ begannen. Außerdem wurde der Begriff Sputnik  für viele andere Dinge übernommen, wie Züge, Kindergärten, Jugendzentren – und auch ein Sender des MDR heißt heute noch so.

Verklaukfideln: Dieses schöne plattdeutsche Verb verdankt die Wortschatzredaktion wieder einmal unserem Leser Dr. Behrend Böckmann aus Kirch Rosin. Verklaukfideln bedeutet, jemandem etwas erklären. Aber vielleicht kennen Sie noch andere Begriffe für das Erklären? Wir geben auch diese gern an alle weiter.

Aant: Eine Aant ist das plattdeutsche Wort für eine Ente. Dieses Wort hat uns unser Leser Karl-August Puls aus Schwerin geschickt. Man kann die Ente mit dem langen a aber auch wie in den Wörterbüchern von Frau Prof. Renate Herrmann-Winter angegeben folgendermaßen schreiben: Ånt. Und die männliche Ente, der Erpel, heißt auf Plattdeutsch Arpel.

Volksbuchhandlung: Die Volksbuchhandlung war zu DDR-Zeiten eine volkseigene, also staatliche Buchhandlung. Die ersten waren bereits im November 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gegründet worden. Zuletzt gab es im gesamten „Leseland DDR“ rund 700 derartige Volksbuchhandlungen, in denen etwa vier Fünftel des Literatur-Umsatzes realisiert wurden. Allerdings bekam man auch dort einige besonders begehrte Bücher nur, wenn man einen Buchhändler oder eine Buchhändlerin kannte. Und manche Bücher gab es hierzulande überhaupt nicht. Manchmal hieß es dann: „Zurzeit nicht lieferbar.“

Perlhuhn: Ein Perlhuhn bezeichnet in der Jugendsprache ein hübsches und sehr gepflegtes Mädchen, welches viel Zeit beim Shoppen und beim Friseur verbringt. Und dieses Perlhuhn ist vielleicht auch ein wenig eitel.

Dierning: Hatten wir gestern schon den kleinen Jungen vorgestellt, so wollen wir heute gleich noch mal in die große Kiste mit plattdeutschen Kosenamen unseres Lesers Wolfgang Hohmann aus Oettelin greifen und den Begriff Dierning für ein kleines Mädchen hinzufügen. Dazu gibt es aber auch noch das lütt Dierning.

Buttjer und Butscher: Aus der umfangreichen Sammlung mit plattdeutschen Kosenamen unseres Lesers Wolfgang Hohmann aus Oettelin haben wir heute den Buttjer ausgewählt. Ein Buttjer ist ein Stromer oder Herumtreiber. Das dazugehörige Verb lautet buttjern – sich herumtreiben. Mitunter wird aber auch ein kleiner Junge als Buttjer bezeichnet. Der kann aber auch der Butscher sein.

Subbotnik: Da heute Sonnabend ist, wollen wir über den Subbotnik reden – ein zu DDR-Zeiten weit verbreiteter Begriff, der sich ursprünglich von dem russischen Wort subbota für Sonnabend ableitete. Bei einem Subbotnik handelte es sich nach sowjetischem Vorbild um einen (mehr oder weniger) freiwilligen und unbezahlten Arbeitseinsatz am Sonnabend. Später wurden auch bezahlte Sonderschichten ironisch so bezeichnet. Inzwischen taucht der Begriff aber auch in Mecklenburg-Vorpommern für den alljährlichen Frühjahrsputz in Städten und Dörfern öfter wieder auf.

Datenzäpfchen: Das Datenzäpfchen kommt aus der Jugendsprache und ist eine originelle Bezeichnung für einen USB-Stick, also für ein elektronisches Bauteil, welches über einen Universal Serial Bus (USB) mit einem anderen Gerät durch Einstecken und ohne zusätzliches Kabel verbunden wird. Zumeist wird ein USB-Stick als USB-Speicherstick für Daten verwendet.

Maless: Auch diesen niederdeutschen Begriff verdanken wir unserem Leser Karl-August Puls aus Schwerin, der in der Griesen Gegend mit Platt aufgewachsen ist. Maless bedeutet soviel wie Misere, also Unglück oder Notlage. Es ist über das lateinische miseria (Elend) und das gleichbedeutende französische misère zu uns gelangt.

Kein Unglück, sondern Glück – sowohl im Spiel als  auch mit der Liebe – hatten drei der zahlreichen Leser, die unserem Aufruf folgten und Begriffe für, von und über Verliebte schickten. Dafür herzlichen Dank! Ein Frühstück von der Mecklenburger Landpute Severin erhalten heute pünktlich zum Valentinstag

Wiesenpieper: Wissen Sie, was ein Wiesenpieper ist? Nein, dieser hier ist kein Frühlingsvogel, sondern so lautete nach Mitteilung von Dr. Behrend Böckmann aus Kirch Rosin zu DDR-Zeiten die Bezeichnung für Pfefferminzlikör.

Nebenbei bemerkt gibt es allerdings tatsächlich  richtige Wiesenpieper (Anthus pratensis). Das sind auch in unserer Region vorkommende Zugvögel aus der Familie der Stelzen und Pieper – etwa so groß wie Grünfinken.

friegen: Für unseren Leser Karl-August Puls aus Schwerin war und ist das Mecklenburger Platt schon 
seit seiner Kindheit immer ein Stück Identität mit seiner Heimat – mit der Griesen Gegend. 
Herr Puls hat uns auch eine ganze Reihe von orginellen Wörtern mitgeschickt, die ihm aus seiner Kindheit dort noch in Erinnerung sind und die von ihm auch heute noch so gebraucht werden. Dazu gehört zum Beispiel friegen – heiraten. Allerdings gibt es dazu auch die Variante heuråden und auch ein hübsches Sprichwort: „Heuråden is gaut, nich heuråden is bäder.“ Oder wie?

Ik heww di bannig leiw: So sagt man das auf Platt, wenn man verknallt ist. Und was die Liebe eigentlich ist, da haben sich Schriftsteller und Dichter schon immer so ihre Gedanken gemacht. Hier eine kleine Auswahl ihrer Definitionen: Liebe ist … 
...ein vorübergehendes Unwohlsein, heilbar durch Heirat. (Ambrose Bierce, 1842-1914) 
...ein Wahnsinn. (Heinrich Heine, 1797-1856)
...das Amen des Universums. (Novalis, 1772-1801)
...wenn sie dir die Krümel aus dem Bett macht. (Kurt Tucholsky, 1890-1935)
...der Stoff, den die Natur gewebt und die Phantasie bestickt hat. (Voltaire, 1694-1778)

Leef oder Leev: De Leef oder manchmal auch de Leev ist ein schönes plattdeutsches Wort, beinahe genauso schön wie das Unbeschreibliche, worum es geht – die Liebe. Und wer kennt sie nicht, die vielleicht schönste Liebeserklärung up platt? Dat du min Leevsten büst … - ein Klassiker!
Und wenn man sich gern hat, dann sagt man zum Beispiel leef hemm, giern hemm oder lieden mœgen.

Muck: Einem Hinweis unseres Lesers Karl-August Puls aus Schwerin verdanken wir den heutigen Begriff „Muck“. Dieser hat aber nichts mit dem bekannten Märchen vom Kleinen Muck oder mit einem prominenten Sänger und Moderator zu tun, sondern er bezeichnet ein Trinkgefäß ohne Henkel und Unterschale und soll nach der Erklärung von Herrn Puls etwas mit Muckefuck, einem kaffeeähnlichen Getränk ohne Koffein zu tun haben. Und was den Muckefuck selbst angeht, so könnte sich dessen Name nach einigen Quellen aus dem Französischen für Mocca faux = falscher Kaffee ableiten und zum Beispiel schon unter Napoleon oder mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 auch in unsere Region gelangt sein.

Briefkasten: Der Briefkasten ist nicht unbedingt immer ein Briefkasten – zumindest nicht in der Jugendsprache. Denn dort bezeichnet er ein Dekolleté, mit dem weibliche Personen ganz wie gewünscht mehr oder weniger Haut und somit Ausstrahlung zeigen können.

Brigadier: Wie uns unser Leser Dr. Hans Bomke aus Schwerin schreibt, sei in Mecklenburg, wie in der gesamten DDR, der „Brigadier“ bekannt gewesen. „Er war der von der Werkleitung ernannte Leiter einer Arbeitsbrigade, der neben der produktiven Arbeit auch Leitungs-, Organisations- und Kontrollaufgaben zu erfüllen hatte. In der Landwirtschaft gab es den Feldbau-Brigadier und den Viehzucht-Brigadier. Im Zusammenhang mit seinem Wortschatz-Beitrag zu unserer Aktion „So spricht MV“ erinnert Dr. Bomke auch an das Bild „Der Brigadier“ von Willi Sitte, geschaffen in der von der SED-Kulturpolitik geforderten Methode des Sozialistischen Realismus.

Den Begriff „Brigadier“ kenne aber auch das Militär – allerdings nicht in der DDR. In der Kirche von Gadebusch ist nach den Angaben von Dr. Bomke ein Brigadier (Generalmajor) von Bülow beigesetzt, der vor 300 Jahren in der Schlacht bei Wakenstädt im Dezember 1712 gefallen war.

Sabbeltasch: Ihre schönste plattdeutsche Redewendung hat unsere Leserin Angret Jorzik aus Roggendorf, die unsere Leseraktion als gebürtige Mecklenburgerin und Verfechterin der niederdeutschen Sprache übrigens mit großem Interesse verfolgt, von einem Moderator von Radio MV gehört. Er hatte zu ihr gesagt: „Du büst ‘ne smüstergrienige Sabbeltasch, wo dat Muulwark utkoppelt näbenbi löpt!“ Also auf Hochdeutsch habe er ihr sagen wollen, so erläutert Frau Jorzik, dass sie zwar gern und viel erzähle, das dies aber mit einem Schmunzeln oder einem hintergründigem Lächeln verpackt sei.

Augensex - dieser Begriff entstammt wieder einmal der Jugendsprache und meint einen heftigen Blickkontakt oder auch einen heißen Flirt, der eben mit dem Blick in die Augen des Gegenübers beginnt. Und manchmal fängt auch die große Liebe so an.

Du denkst, di slögt n Perd: Mit einigen  Wörtern und Redewendungen möchte sich auch unsere Leserin Ingrid Riedl aus Zarrentin am Schaalsee an unserer Wortschatzsuche  beteiligen. Dazu gehört oben genannte Redewendung, auf hochdeutsch: „Du denkst, dich schlägt ein Pferd.“ Das bedeutet, jemand erleidet schwere körperliche oder seelische Schmerzen.  Im Übrigen kann diese Redewendung nach Auskunft von Behrend Böckmann auch  so geschrieben werden: „Ik glöw, mi sleit / schleit 'n Pierd.“ oder „Ik glöw, mi schlöcht 'n Pierd.“

Verdammig! Auch auf Plattdeutsch kann man gut schimpfen, wie der heutige Ausdruck „Verdammig!“ für „Verflucht!“ beweist. Geschickt hat ihn uns mit vielen anderen,  von denen wir immer einige in unsere Veröffentlichungen einstreuen werden, unser Leser Dr. Behrend Böckmann. Und Dr. Böckmann hat gleich noch eine Liste hinzugefügt, wie man im Niederdeutschen das Schimpfen selbst bezeichnen kann: anbölken, anblaffen, anblarren, anblubbern, anfohren, anranzen, anschnuwen; dålmåken, grummeln, keifen, kläffen, knurren, afkuranzen, utputzen; zacherellen, zackerieren, zapperellen, zaustern, zabbern, zawen... – Das reicht jetzt aber.

Öging: Aus der umfangreichen Sammlung mit plattdeutschen Kosewörtern unseres Lesers Wolfgang Hohmann stammt auch der heutige Ausdruck Öging. Das bedeutet soviel wie Äuglein. Und wem gefällt es nicht, wenn man ihm oder ihr schöne Äuglein macht …

Landfilm: „Unter fünf Besuchern wird nicht gespielt!“ So hieß es beim früheren Landfilm in der DDR, an den sich sicher noch viele erinnern können, die eben auf dem Lande aufgewachsen sind: Kindheitserinnerungen pur. Wie man Anfang der 50er Jahre etwas umständlich formulierte, obliege dem Landfilm die filmische Betreuung der Landbevölkerung. Am Anfang war das Fernsehen übrigens noch keine Konkurrenz. Und so brachten noch bis zur Wende Filmvorführer aus den Städten in den Dörfern mit Hilfe von transportablen Tonkinokofferanlagen – oft vom legendären Typ Zeiss TK 35 - und zahlreichen Filmrollen aktuelle und ältere Produktionen für Kinder und Erwachsene auf die Leinwand in Gaststätten, Dorfklubhäusern oder anderen Räumlichkeiten. Und inzwischen heißt es in so mancher Gemeinde „Der Landfilm ist wieder da.“ – auch in MV. Außerdem waren und sind es oft mehr als fünf Kinofreunde …

Apfelhandy: Das Apfelhandy entstammt der Jugendsprache und bezeichnet logischerweise ein iPhone. Schließlich werden diese Smartphones von dem US-amerikanischen Unternehmen Apple Inc. angeboten – eben dem Unternehmen mit dem Apfel-Logo (mit Biss) als Markenzeichen und die derzeit wohl wertvollste Marke der Welt.

Brigadetagebuch: Als es zu DDR-Zeiten noch Kollektive und Brigaden gab, wurden auch jede Menge Brigadetagebücher geschrieben – mitunter sogar recht anspruchsvoll und durchaus gelungen. Diese Brigadetagebücher sollten auf literarisch-dokumentarische Weise die Entwicklung der jeweiligen Arbeitskollektive samt Fortschritten und Hemmnissen darstellen. Außerdem sollten kulturelle und gesellschaftliche Höhepunkte im Leben der Brigade festgehalten werden. Und entsprechend dem Wollen und Können der jeweiligen Tagebuchschreiber stellen sie zum Teil erstaunlich qualitätsvolle Zeugnisse dieser Zeit und nicht zuletzt der Sprache dieser Tage dar –  und somit auch eine Quelle für unsere Wortschatzsuche. In nicht wenigen Fällen wurden damals auch Kontakte zu den Zirkeln schreibender Arbeiter oder schreibender Genossenschaftsbauern gesucht. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Leuwagen oder Leiwagen: Am Montag hatten wir an dieser Stelle über den „Leihwagen“ geschrieben. Allerdings war das nicht ganz richtig, wie uns einige Leser sofort mitteilten. So stellte Dr. Behrend Böckmann klar: „Dat gifft keinen Leihwagen, sonnern blot einen Leuwagen un hier un dor ok mal ‘n Leiwagen. Oewer nie nich ward it Wurt mit ,h‘ schräben.“ Und Nils Schummer merkte an: „Leuwagen gehörten neben Feudel immer zur Ausrüstung eines neuen Schiffes der früheren Warnowwerft.“

Min Plattdütsch: So spricht MV – das geht nicht ohne Plattdeutsch. Und Plattdeutsch, das geht nicht ohne das Werk der niederdeutschen Dichterin Ursula Kurz aus Wittenburg, die am heutigen Freitag ihren 90. Geburtstag feiern kann. Herzlichen Glückwunsch! Und natürlich soll die Jubilarin selbst zu Wort kommen - mit der ersten Strophe ihres Gedichts „Min Plattdütsch“: „Min plattdütsch Sprak, de hürt tau’t Land,
as Holt un Heid un Waterkant.“

... Ogen sünd wedder gröter as de Mag: Heute wieder ein Vorschlag aus der umfangreichen Liste von plattdeutschen Redensarten unseres Lesers Wolfgang Hohmann zum Thema Essen: „Ogen sünd wedder gröter as de Mag.“ Die Augen sind größer als der Magen. Jemand überschätzt angesichts appetitlichen Essens seinen Hunger.

Freundschaftszug: Zu den Begriffen aus DDR-Zeiten, die  unsere Leserin Christel Dräger aus Rostock in Erinnerung gerufen  hat, gehört auch der Freundschaftszug. Mit Freundschaftszügen reisten Jahr für Jahr  tausende Jugendliche und Erwachsene aus der DDR als Auszeichnung  vor allem in die damalige Sowjetunion. Über die Frage, wer mitfahren durfte,  entschieden unter anderem die Schule oder der Betrieb, die FDJ und das Jugendreisebüro Jugendtourist.

Texas gibt es nicht nur in Amerika, sondern diese Bezeichnung tragen auch eine Siedlung und eine Bushaltestelle nahe Hagenow. Wie Waldemar Siering und Robert Siering dazu in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Von Aalbude bis Zitterpenningshagen. Orte mit kuriosen Namen in Mecklenburg-Vorpommern“ anmerken, erweise sich das zur Gemeinde Kirch Jesar gehörende Texas als ein Einzelgehöft, bestehe zumindest seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und habe „als Ausbau von etwas rauer Art“ gegolten – daher die volkstümliche Bezeichnung. Rinder, wie auf dem Gebiet des gleichnamigen amerikanischen Bundesstaates würden dort aber nicht geweidet.

Leihwagen: Frau Lange benennt zum einen den „Leihwagen“ – allerdings nicht in dem Sinne, wie man ihn heute wohl eher versteht: als ein Mietauto. Sondern nach ihrer Erklärung handelt es sich bei einem Leihwagen um einen Gegenstand, „der ein Querstück aus Holz hat und einen Stiel, da wird ein Feudel umgeschlagen und zum Aufwischen benutzt.

Galaktisch: Der Begriff galaktisch stammt aus der Jugendsprache und bezeichnet etwas, das ganz besonders, außerordentlich oder einfach toll ist – eben galaktisch. Eine weitere Steigerungsform wäre dann eigentlich nur noch außergalaktisch.

Dat löt sik äten: Unser Leser Wolfgang Hohmann aus Oettelin, der sich schon seit seiner Schulzeit mit Plattdeutsch beschäftigt und in seiner Gemeinde die „Zepeliner Plattdütsch Runn“ leitet, hat uns aus seiner umfangreichen Sammlung zum Mecklenburger Platt eine Reihe von Redewendungen zum Thema Essen zukommen lassen _ so auch die heutige anerkennende Wendung: „Dat löt sik äten.“ Das lässt sich essen. Es schmeckt also nicht schlecht.

UTP: Eine ganze Reihe von Begriffen aus DDR-Zeiten hat uns unsere Leserin Christel Dräger aus Rostock zugesandt. Dazu gehört auch UTP – der Unterrichtstag in der Produktion, bei dem Schüler ab Klasse 7 die Welt der Arbeit in Industrie und Landwirtschaft kennenlernten. UTP ergänzte die theoretischen Fächer ESP (Einführung in die sozialistische Produktion) und TZ (Technisches Zeichnen) um eine praktische Komponente.

Schietbüdel: Unser Leser Ralf Pöhl weist uns auf den Schietbüdel hin. Dieser Ausdruck entstamme der plattdeutschen Sprache und ist  in seiner  wörtlichen Übersetzung, ein - sagen wir - vulgäres Wort, also eher nicht angenehm und nett. Im Plattdeutschen hingegen klingt es, wie viele andere übrigens auch, eher freundlich, gemütlich und nicht so hart. Inhaltlich trifft es auch besser die hochdeutsche sinngemäße Übersetzung von Windelpaket, Säugling oder Baby.

Kaderschmiede: Lange nicht gehört tauchte die Kaderschmiede in der Berichterstattung unserer Zeitung kürzlich über den Brand im Gebäude der ehemaligen Bezirksparteischule auf dem Schweriner Großen Dreesch wieder auf. Dort wurden SED-Führungskräfte ausgebildet. Diesen Begriff gibt es aber auch anderswo.  In der  Beschreibung der Geschichte des Schlosses Haldenstein in Graubünden  in der Schweiz findet sich der Satz: „Die Leistung der Haldensteiner Erzieher beeinflussten als Kaderschmiede das geistige, kulturelle, politische und wirtschaftliche Geschehen im bündnerischen 19. Jahrhundert entscheidend …“

Wunnerwarken: Das schöne Wort Wunnerwarken steuerte  Leser Jürgen Grebin bei. Er schreibt: „Ich habe mal für mich und unseren Verein – Reiseklub 55PLUS – die aufgesuchten besonderen Orte zusammengetragen und nannte sie hochdeutsch ,Besonderheiten in M-V‘. Nun bin ich von Geburt ein Mecklenburger und wollte das auch deutlich werden lassen. So habe ich mich des plattdüütschen Wortes Wunnerwarken erinnert.“ Und das heißt soviel wie staunen und rumwundern.

Zornröschen... ist ein hübscher, fast poetischer Begriff aus der Jugendsprache, der eine besondere Sorte von Mädchen beschreibt. Ein Zornröschen ist ein beleidigtes, zickiges Mädchen. Ob es schon ein Märchen vom Zornröschen gibt?

Dwallerwatsch ... ist  auch ein schönes plattdeutsches Wort, welches schon so ein bisschen klingt wie das, was es bedeutet. Ist jemand dwallerwatsch, dann ist man wunderlich oder einfach albern.

Plietsch: Wenn jemand plietsch ist, dann drückt diese plattdeutsche Bezeichnung eine große Anerkennung aus. Plietsch bedeutet soviel wie schlau und pfiffig, oder auch aufgeweckt und gescheit, jedenfalls ziemlich lebenstüchtig. Der Begriff soll übrigens auf Umwegen ins Niederdeutsche gekommen sein und zwar als Ableitung des hochdeutschen Adjektivs „politisch“, welches im 17. Jahrhundert im übertragenen Sinne französisches Benehmen bezeichnete und damals soviel wie „geschickt“ oder „pfiffig-verschlagen“ meinte – eben plietsch.

Nullchecker: Ein Nullchecker ist in der Jugendsprache jemand, der gar nichts begreift, ein gewissermaßen hoffnungsloser Fall oder – etwas undiplomatischer ausgedrückt – einfach ein Dummkopf: „Du peilst auch rein gar nichts, du Nullchecker!“ Das Gegenteil ist übrigens ein Expresschecker, also jemand, der schnell durchsieht. In beiden Begriffen steckt das englische Verb check im Sinne von verstehen – oder auch nicht.

Achterport kommt aus dem Plattdeutschen und bezeichnet eine Hintertür oder einen Hinterausgang. Manchmal heißt es allerdings auch Achterdöör. Der Wortteil „achtern“ weist im Niederdeutschen immer auf etwas Hinteres hin. Ansonsten ist es im Leben wohl niemals von Schaden, noch eine Achterport oder eine Achterdöör offen zu haben.

rolexen stammt aus der Jugendsprache, hat natürlich mit der berühmten Rolex am Handgelenk zu tun und meint soviel wie angeben. Heute schon rolext?

Teepott: Bezeichnung des 1967 nach Plänen des Bauingenieurs Ulrich Müther entworfenen Schalenbaus neben dem Leuchtturm an der Warnemünder Seepromenade. Das denkmalgeschützte Gebäude beherbergt das gleichnamige Seerestaurant.

Melkschemel: So nennen die Schweriner das 1971 eingeweihte, dreibeinige Wahrzeichen an der Ludwigsluster Chaussee, das Besucher und Touristen in der Landeshauptstadt willkommen heißt. Auf der Spitze ist der Stadtwappen zu sehen.

ABV: Der ABV kommt hier aufgrund seiner Buchstabenkombination auf ungewöhnliche Weise zu neuen Ehren. Die Abkürzung meinte einen „Abschnittsbevollmächtigten“ der DDR-Volkspolizei, der in seinem Abschnitt (Revier) Streifendienst versah und als Ansprechpartner für die Bürger fungierte. Außerdem war er für Aufnehmen und Weiterleiten von Strafanzeigen, Verkehrskontrollen und Kontrollen der Meldepflicht zuständig. Der ABV wurde auch gefragt, wenn es um die Wiedererteilung einer Fahrerlaubnis oder um die Genehmigung einer Reise in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) ging. Sein Dienstgrad war meist der eines Unterleutnants oder eines Leutnants der VP (Volkspolizei). Zu den berühmtesten ABV gehörte der „Leutnant vom Schwankietz“, so der Titel eines dreiteiligen Films des DDR-Fernsehens  aus dem Jahr 1974.

Kaufhalle: Die Kaufhalle ist ein in der alten Bundesrepublik weitgehend  unbekannter Begriff. Dort hieß es von jeher Supermarkt. Aber auch die Kaufhalle war ein große Geschäft, vorzugsweise ein nicht weiter unterteilter Selbstbedienungsladen, in dem Lebensmittel und sogenannte Waren des täglichen Bedarfs gehandelt wurden. Kaufhallen gab es vor allem in den Städten. Betreiber waren entweder die staatliche HO (Handelsorganisation) oder der genossenschaftliche KONSUM. Nach Wende und Wiedervereinigung wurden viele Kaufhallen geschlossen, manche wurden privatisiert und manche dienen heute ganz anderen zum Beispiel kulturellen Zweck.

Kinosommer: Der Kinosommer war zu DDR-Zeiten eine traditionelle Veranstaltungsreihe, bei der in den Sommermonaten oft auch in Freiluftkinos oder eben in Sommerkinos in Leichtbauweise neue, zumeist heitere und unterhaltsame Produktionen gezeigt wurden.

Bannig: Bannig ist ein schönes und kräftiges plattdeutsches Wort. Es stammt wohl vom Ende des 18. Jahrhunderts, ist seit dem 19. Jahrhundert im Norden stärker verbreitet und bedeutet soviel wie sehr, stark, gewaltig oder auch großartig. Ein Beispiel: He het bannig wat op'n Kassen: Er hat schwer was auf'm Kasten. Er ist also sehr klug. Oder: Dat deit mi bannig Leed. Tschuldigung …

Achterport: Achterport kommt aus dem Plattdeutschen und bezeichnet eine Hintertür oder einen Hinterausgang. Manchmal heißt es allerdings auch Achterdöör. Der Wortteil „achtern“ weist im Niederdeutschen immer auf etwas Hinteres hin. Ansonsten ist es im Leben wohl niemals von Schaden, noch eine Achterport oder eine Achterdöör offen zu haben.