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Flug4U9525

02. Juli 2016 | 02:12 Uhr

Flug 4U9525 : Zweifel an der Selbstmordthese

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Luftfahrtpsychologe nennt die schnellen Schuldzuweisungen unverantwortlich / Piloten hegen Zweifel an den offiziellen Ermittlungsergebnissen

Der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen hat die Nation paralysiert. Mit der frühen Festlegung der französischen Ermittler auf die These vom erweiterten Selbstmord des jungen Piloten Andreas L. schien wenigstens die Schuldfrage zügig geklärt. Doch nach Ansicht anerkannter Luftfahrtexperten war das vorschnell und sogar unverantwortlich .

So wirft nach Ansicht der Pilotenvereinigung Cockpit der Umgang mit den bisherigen Ermittlungsergebnissen erhebliche Fragen auf. „Was wir bisher wissen, ist sehr dünn“, sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg unserer Zeitung. „Die daraus abgeleiteten Thesen sind demzufolge höchst forsch“, meint der Sprecher des Berufsverbandes. Er hält sogar die These vom bewusst herbeigeführten Absturz noch längst nicht für erwiesen.

Nach Kenntnis der Pilotengewerkschaft wurde vom schnell gefundenen Voice-Recorder, also der Sprachaufzeichnung aus dem Cockpit, zunächst nur eine Tonspur ausgewertet, die zudem beschädigt gewesen sei. „Der Rekorder zeichnet jedoch mehrere Spuren auf“, sagt Handwerg, der selbst Flugkapitän ist. Ihm ist „unklar, wie man aus der einen Spur herausgehört haben will, dass der Co-Pilot vorsätzlich die Schalter für den Sinkflug und zum Blockieren des Tür-Codes betätigte. Woraus will man das gehört haben?!“ Immerhin herrsche im Cockpit regulär ein Geräuschpegel von 75 bis 80 Dezibel. Das entspricht etwa dem Lärm eines Rasenmähers oder Straßenlärm. Außerdem müssten zumindest in der letzten Flugphase diverse Warnsignale alles übertönt haben. Die These, dass der Co-Pilot etwa durch giftige Gase in Verbindung mit Medikamenten „weggetreten“ war, hält Handwerg noch längst nicht für ausgeschlossen.

Verwunderung herrscht bei Piloten zudem darüber, dass angeblich bis heute der Flugdatenschreiber nicht gefunden wurde. Zwischenzeitlich hatte es sogar geheißen, die Hülle der „Blackbox“ sei gefunden, nicht aber ihr Inhalt. „Das ist technisch kaum vorstellbar“, sagt Pilot Handwerg. Zudem seien Voicerecorder und Flugdatenschreiber dicht beieinander im Flugzeug verbaut, so dass sie in vergleichbarem Abstand zur Aufprallstelle gelandet sein müssten. „Ich will gewiss keiner Verschwörungstheorie Vorschub leisten“, betont Handwerg. „Aber die Umstände geben schon arg zu denken.“ Eine Auswertung des Voicerecorders, so sagt der Pilot, mache eigentlich nur Sinn im Abgleich mit den Flugdaten aus der Blackbox. „Nur so kann man die Abläufe synchronisieren und genau sagen, zu welchem Geräusch welche fliegerische Aktion passt.“

Andere Experten bezweifeln sogar, dass die komplexe Computersteuerung der Maschine es erlauben würde, mit unverändert hoher Reisegeschwindigkeit bis in die geringe Absturzhöhe zu fliegen. Flugzeugtechniker sehen hier einen Grund, warum die Blackbox angeblich noch nicht gefunden wurde. „Es kam schon oft vor, dass sie dann plötzlich doch auftauchte - mit unerklärlichen Aufzeichnungslücken“, sagte einer, der nicht zitiert werden möchte.

Doch selbst wenn man der Einzeltäter-These folgte, ist etwa für den Luft- und Raumfahrt-Psychologen Professor Dietrich Manzey von der Technischen Universität Berlin (TUB) noch nichts geklärt. Manzey zeigte sich im Gespräch mit unserer Redaktion entsetzt über die bisherige Berichterstattung vor allem überregionaler Medien. Die habe er „zunächst mit einigem Befremden, dann zunehmender Verärgerung und Sorge zur Kenntnis genommen“. Vor allem hat ihn befremdet, „mit welcher Sicherheit sich sogenannte Experten zur psychischen Verfassung des jungen Copiloten äußerten“. Da sei von einer „narzisstischen Persönlichkeit“ die Rede, von einem „kaltblütigen Amokläufer“ oder gar „Massenmörder“. „Selbst in der aktuellen Ausgabe des Spiegels kann man derartige Zuschreibungen noch lesen“, entrüstet sich Manzay . „Und das anhand immer noch nur sehr spärlicher Informationen.“

Manzey wirkte lange Jahre an der Auswahl von Piloten mit. „Nur etwa zehn Prozent der Bewerber bestehen die sehr gründliche psychologische Eignungsuntersuchung.“ Heute betreut der Professor Kosmonauten wie Astronauten arbeits-psychologisch. Seiner Ansicht nach deutet derzeit zwar vieles darauf hin, dass sich Andreas L. in einer psychologischen Ausnahmesituation befunden haben muss, die schließlich zu der so unfassbaren Tat führte. „Ob das aber kaltblütig war, geplant wie ein Mord oder eine Kurzschlussreaktion, ist damit nicht gesagt.“ Wer sich zu solchen Spekulationen hinreißen lasse, „disqualifiziert sich und verhält sich verantwortungslos – sowohl gegenüber den Angehörigen der Opfer als auch jenen des Piloten.“

Wenn es etwas gibt, das man aus diesem schrecklichen Ereignis lernen kann, dann die Einsicht, das auch Verkehrspiloten „nur“ Menschen sind, deren persönliche Entwicklungen und Verhaltensweisen sich niemals perfekt werden vorhersagen lassen, auch nicht durch noch so viele zusätzliche Tests. Professor Manzey formuliert es so: „Wir werden also damit leben müssen, nicht nur im technischen, sondern auch menschlichen Bereich mit Restrisiken zu leben.“

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erstellt am 02.Apr.2015 | 08:00 Uhr

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