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Existenz auf der Kippe

30. Juli 2010 | von Jenny Pfeifer


Kein Verständnis: Nora und Reiner Ludwig fühlen sich ungerecht behandelt. Irene Burow

STADTWEIDE - Er kann vor Schmerzen kaum sprechen. Jede Bewegung fällt ihm schwer. Sein Leben lang hat Reiner Ludwig (55) als Klempner und Installateur gearbeitet. Dann traf ihn das Schicksal. Beim Sturz von einem Dach brach er sich zweimal die Wirbelsäule. Nun ist er für den Rest seines Lebens berufsunfähig. Die Arbeitsagentur und das Sozialamt verweigern ihm bisher die finanzielle Unterstützung. Und bis der Antrag auf Rente bestätigt ist, bleibt noch ein langer Weg.

28 Jahre arbeitete Ludwig bei einer Rostocker Firma. Dann ging sie 1997 pleite. "Anschließend hat mein Mann durch das Arbeitsamt einen Job in Schweden als Klempner vermittelt bekommen", sagt seine Ehefrau Nora. In Överlida nahm er sich eine Wohnung und zahlte dort alle Sozialabgaben. Dann kam der 5. Juni 2009. Ludwig wollte auf einem Gebäude einen Lüftungsschacht installieren. Einen Moment war er unkonzentriert und trat ins Leere. Er stürzte vom Dach und verletzte sich schwer. Doppelt brach er sich die Wirbelsäule. "In Schweden wurde Reiner mehrfach operiert, bekam dort nur unzureichende Reha-Behandlung", berichtet Nora Ludwig. Damit sich die besorgte Ehefrau um ihren Mann kümmern und ihm eine bessere Behandlung zukommen lassen konnte, brachte sie ihn zurück nach Rostock. "Hier haben die Ärzte festgestellt, dass die Versteifungen für die Wirbelsäule viel zu früh herausgenommen wurden", sagt Nora. Somit muss er sich weiteren Operationen unterziehen.

 

660 Euro müssen zum Leben reichen

 

Neben ärztlicher Hilfe hoffte Reiner Ludwig in Deutschland auch auf finanzielle Unterstützung. "Ich bekomme nur 660 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente und mein Mann nichts", sagt seine Frau. Doch schon die ersten Besuche bei der Arbeitsagentur und dem Hanse-Jobcenter ließen die Hoffnung der beiden schwinden. Arbeitslosengeld wird er nicht bekommen. "Dafür muss man dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen", sagt Grit Ehlers, Sprecherin der Rostocker Agentur für Arbeit. Das kommt jedoch für den schwerst geschädigten Mann, der sich alle zwei Stunden einen Katheter setzen muss, nicht mehr infrage. Somit steht ihm auch eine Folgeleistung des Arbeitslosengeldes II nicht zu. "Darüber hinaus flatterte uns eine Verzichtserklärung ins Haus", sagt Nora Ludwig. Darin stehe, dass das Ehepaar von allen Leistungsansprüchen zurücktreten solle. "Wir wollen ja nicht schmarotzen, aber es kann doch nicht sein, dass Reiner gar nichts bekommt, obwohl er jahrelang gearbeitet hat", sagt die Rentnerin, die nur über die Runden kommen will. Einen Antrag für Sozialhilfe könne sie nicht ausfüllen, da sie die Finanzen der gesamten Familie offen legen soll. "Mein Onkel lebt bei uns. Er bekommt eine kleine Rente, möchte diese aber nicht angeben", sagt sie. So bleibt dem Ehepaar nur zu hoffen, dass der Rentenantrag für die Erwerbsunfähigkeit möglichst bald greift. Bis dahin leben Reiner und Nora Ludwig am Existenzminimum.

 

 

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