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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

09. Dezember 2016 | 16:31 Uhr

Gastbeitrag : Walisischer Schiefer für Dobbertin

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Dr. Claus Cartellieri aus Dobbertin erzählt in seinem Gastbeitrag, wie der Schiefer ins Klosterdorf kam

Was verbindet Dobbertin mit Wales? Diese Frage kann nun beantwortet werden. Dr. Claus Cartellieri aus Dobbertin ist der Geschichte nachgegangen und erzählt Ihnen, liebe Leser, nun die Geschichte, was Dobbertin und Wales miteinander verbindet.

Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Schiefer aus Wales zu Dachreparaturen im Kloster Dobbertin verwendet wurde. Die benutzte Partie wurde 1856 nach Wismar verschifft. Ein Bericht aus der Wismarschen Zeitung meldete die Ankunft der „Dorothe Mary“ unter Kapitän Roberts aus Port Madoc am 26. April 1856. Simone Schulz vom Stadtgeschichtlichen Museum der Hansestadt Wismar stellte dazu einen Auszug aus dem Schiffsregister von Gustav Wulf zur Verfügung, in dem „Dorothea Maria“ als Schiff von „67,5 x 20,5 x 9 Fuß Tiefgang, 38 Lasten“ beschrieben wird. Schiffer und Eigner war Jochim Schacht, der bis 1806 in Östhammar (Schweden) und danach wieder in Wismar lebte. Eine Nachfrage in Östhammar blieb leider unbeantwortet.

Dr. David Jenkins, Kurator für Transportgeschichte des Walisischen Nationalmuseums der Schieferindustrie in Llanberis, hält es hingegen unter Berufung auf Archivunterlagen für nicht ausgeschlossen, dass die Beförderung mit der 1854 in Porthmadog (Schreibweise ab 1974) gebauten „Dorothy and Mary“ erfolgte. Dafür spräche auch der Name des Kapitäns – Roberts ist im Nordwesten von Wales (aber nicht nur dort) ein recht häufiger Nachname.

Dr. Dafydd Roberts, ebenfalls Fachkurator in Llanberis, bestimmte das 2008 im Haus 8 von Kloster Dobbertin bei Reparaturen gefundene Stück als Abrechnungsplatte, wie sie Mitarbeiter in den dortigen Schieferbrüchen führten, um Lohnzahlungen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Diese Platten wurden später weggeworfen, gelegentlich auch in Bergspalten verwahrt oder als erledigt einer Lieferung beigefügt. Sie dienten der Erfassung der Arbeitsergebnisse, bezogen auf unterschiedliche Plattengröße und Qualität. Auf der Dobbertiner Platte ist der Zeitraum einer Arbeitswoche (11. bis 16. Mai …5) wohl für mehrere Arbeitskräfte festgehalten, deren Namen leider nicht mehr lesbar sind. Eintragungen erfolgten mit von Schmieden in den Brüchen gefertigten Stahlstiften. Woher aber kam dieser Schiefer genau und wie kam er nach Dobbertin? Da in den Schieferbrüchen am Wochenende nicht gearbeitet wurde, ist nicht ausgeschlossen, dass es sich um eine Arbeitswoche im Jahr 1835 handelt. Das leicht spaltbare und dabei feste Material wurde in Nordwales schon während der römischen Besetzung genutzt. Für 1760 ist belegt, dass Methusala Jones ein kleines Unternehmen gründete, in dem Schiefer gespalten wurde. Es entwickelten sich daraus zahlreiche Abbauorte, in denen Schiefer im Tagebau und unterirdisch abgebaut wurde. So gab es im Schieferbergwerk Oakeley – einmal das größte Schieferbergwerk der Welt – 80 Kilometer unterirdische Schienenwege. Zeitweise waren bis zu 17000 Menschen in der Gegend beschäftigt, der Markt wuchs ständig. Die Gruben galten als derart sicher, dass Bilder der Nationalgalerie in London dort während des Zweiten Weltkriegs eingelagert wurden. Nach widersprüchlichen Berichten sollen sogar die britischen Kronjuwelen hier verwahrt worden sein.

Lastpferde und Pferdefuhrwerke transportierten die Platten zum 1811 gegründeten etwa 20 Kilometer entfernten Hafen Portmadoc. Schließlich konnte ein Grubenbesitzer einen Investor davon überzeugen, Geld für eine Pferdebahn bereitzustellen, die bis 1836 gebaut wurde. Die gewählte Spurweite von zirka 60 Zentimetern erlaubte kleine Kurven und ließ den Pferden genug Raum. Von den Abbauorten in den Bergen bis zum Hafen konnten die Wagen natürliches Gefälle nutzen, zwei mitfahrende Bremser verhinderten zu große Beschleunigung. Unten angekommen, wurden die Loren entladen und von Pferden wieder nach oben gezogen, die später mit dem Zug wieder ins Tal gebracht wurden. Erst 1863 wurden zwei Dampflokomotiven angeschafft. Die Ffestioniog Railway ist die älteste noch funktionierende Schmalspurbahn der Welt und noch immer in Privatbesitz.

Der für kleinere Schiffe ab 1830 angelegte Hafen „Port Madoc“ entwickelte sich mit der Schieferproduktion, da das Material hier direkt verladen werden konnte. Die Bevölkerung wuchs rasch an und das bis zum 1.Weltkrieg, als die Schieferlieferungen nach Deutschland eingestellt wurden. Dr. Roberts bestätigte ebenfalls, dass Deutschland im 19. Jahrhundert größter Abnehmer für walisischen Schiefer, besonders aus dem Gebiet von Blaenau Ffestioniog war. Mit Stolz bezeichnete sich der Ort als „Schieferhauptstadt von Wales“ und Zulieferer „für die Dächer der Welt“. Nach dem großen Stadtbrand in Hamburg im Mai 1842 wurden dorthin besonders große Mengen geliefert.

Joanna Vincent, Mitarbeiterin der Ffestiniog and Welsh Highland Railways, half bei der Zuordnung der Lieferung nach Dobbertin. Das Produkt der Schieferbrüche konnte lila, rot, grün und gelb aussehen, „die meisten der Brüche um Blaenau Ffestioniog liefern blau-grauen Schiefer“ – der Farbton der Dobbertiner Platte.

 



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erstellt am 30.Jun.2014 | 22:00 Uhr

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