zur Navigation springen

Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

10. Dezember 2016 | 09:55 Uhr

Lutheran : Sturm bei Windkrafterörterung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Investor versucht, umfangreiche Einwände von Einwohnern zu entkräften. Scharfe Kritik an Verhalten des Unternehmens

Wie am Sonnabend als Ankündigung berichtet, fand gestern im Dorfgemeinschaftshaus die Erörterung der Einsprüche von Einwohnern gegen das geplante Vorhaben der UKA Nord Projektentwicklung GmbH & Co. KG statt, in Lutheran ein neues, insgesamt rund 200 Meter hohes Windrad zu errichten – nur gut 100 Meter von zwei alten, wesentlich niedrigeren Anlagen entfernt, die dafür abgebaut werden sollen. UKA-Prokurist Dr. Kay Jachmann verdeutlichte vor dem Einstieg in die Diskussion: „Dies ist ein Bestandteil des Genehmigungsverfahrens, das wir freiwillig förmlich, also mit Einbeziehung der Öffentlichkeit, führen möchten. Verpflichtet sind wir dazu nicht, es ist ein Entgegenkommen von uns.“

Laut Versammlungsleiter Henning Remus vom Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) – die Behörde, die letztlich die Genehmigung für den Bau erteilt oder sie versagt – liegt eine gültige, von 53 Personen unterstützte Einwendung vor, die gültig sei.

Schon unmittelbar darauf gab es die erste Kritik eines Zuhörers, der fragte, warum man den Termin mitten in der Woche auf 10 Uhr vormittags gelegt habe, wo viele arbeiten beziehungsweise einen Tag Urlaub nehmen müssten, wenn sie teilnehmen wollten: „Ist das Schikane?“

Eine andere Besucherin fügte hinzu, dass sie die Terminwahl aus „Unding“ empfinde und sie belege, dass sich die Verantwortlichen eben nicht der Konfrontation aller stellen wollten. Der Antwort des StALU zufolge dauere eine Erörterung erfahrungsgemäß zwei Tage lang, so dass das Vorhaben organisatorisch nicht anders zu bewältigen sei. „Und uns ist auch klar, dass nicht alle mit dem Plan einverstanden sind“, so Michael Rörig von der UKA-Projektentwicklung. „Aber wir wünschen uns Diskussion und wollen Fragen beantworten.“

Die UKA gehe davon aus, dass sie eine Baugenehmigung bis Jahresende bekommen kann – immer in Verbindung damit, dass auch das Unternehmen körperliche Unversehrtheit und Gesundheit ohne Abstriche als höchstwichtige Vorschriften ansehe. „Wir werden stringent kontrolliert und sehen alle Vorschriften geachtet“, sagt Dr. Jachmann.

Auch hier gab es Widerspruch. „Hier wird auf Vorschriften von 1968 zurückgegriffen, wo man nicht einmal im entferntesten an Windenergieanlagen heutiger Größe gedacht hat – paradox!“, sagt Birgit Breuer aus Beckendorf, die einen 20-seitigen Widerspruch verfasst und im Namen vieler Bewohner eingereicht hat. Besonders schlimm sei das mit Windrädern verbundene Problem Infraschall, den man nicht bemerke, der sich aber verheerend auf die Gesundheit auswirke. So seien in Dänemark ansonsten völlig friedliche Nerze auf einer Farm in der Nähe von Windkraftanlagen plötzlich ungewöhnlich aggressiv geworden und hätten sich gegenseitig totgebissen, worüber 2013 auch eine Studie veröffentlicht worden sei. „Um es klar zu sagen: Wir sind nicht gegen Windenergie, aber unumstößlich dafür, die Menschenrechte einzuhalten!“, sagt die Beckendorferin.

Das StALU gehe davon aus, dass die neuen Vorschriften insbesondere hinsichtlich des Abstandes zu Wohnbebauung ab 2018 gelten. „Ich verstehe Ihren Unmut, aber wir können nur nach den jetzt geltenden Gesetzen arbeiten“, sagt sein Mitarbeiter Dr. Rene Bernitz. Nach Meinung von Dr. Jachmann könne die Verabschiedung der neuen Vorschrift sogar noch länger dauern.

Wenn die hiesigen Einwohner glaubten, dass die Entfernungen zu Windkraftanlagen schon jetzt nicht zu akzeptieren seien, zeige ein Blick auf den Rest von Deutschland, dass man sich in Mecklenburg-Vorpommern „auf einem Weg mit hohen Werten“ befinde. Eine Energiewende wäre in Deutschland nicht möglich, wenn man zum Beispiel überall Abstände wie die in Bayern geltenden (zehnfache Höhe der Anlage) verordnen würde. Die Aussage, dass es diesbezüglich eine Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation gebe (2000 Meter), brachte das Fass bei Birgit Breuer erneut zum Überlaufen: „Das ist doch begründet und keine blaue-Dunst-Entscheidung!“

Angst hätten die Einwohner zudem vor der „Vollbefeuerung“, also der 24-Stunden-Beleuchtung der Anlagen. Diesbezüglich äußerte die UKA, dass man mit dem Hersteller eines neuen Systems im Gespräch sei, das sich nur bei Bedarf anschaltet.

Nach Meinung von Birgit Breuer wolle die UKA alte Vorschriften ausnutzen, um auf Kosten der vor Ort lebenden Menschen ein – so wörtlich – „Exempel zu statuieren“.

Sowohl UKA als auch StALU äußerten sich so dazu, dass in dem Lutheraner Windkrafteignungsgebiet Planungsrecht bestehe und man nur nach dem handele, was der Gesetzgeber zulasse – ohne Interpretation. „Und ich kann die Ablehnung eines Vorhabens zum Beispiel auch nicht damit begründen, dass mit dem Bau eines Windrades eventuell ein Immobilienwertverlust verbunden ist, zumal ich davon nicht überzeugt bin“, so Dr. Bernitz. „Da spielen auch andere Dinge eine Rolle.“

zur Startseite

von
erstellt am 01.Nov.2016 | 19:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen