zur Navigation springen

Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

30. Juni 2016 | 08:41 Uhr

Archäologie : Stoppelacker gibt Geschichte preis

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Hamburger Archäologiestudenten lüften mit heimischen Bodendenkmalpflegern Geheimnisse um das verschollene Dorf Cesemowe

Wenn die abgeernteten Getreidefelder Stoppeln tragen, schlägt hierzulande mancherorts „die Stunde der Archäologen“. So war es dieser Tage auch auf einem Roggenacker unweit der Ortslage Karbow. Archäologiestudenten der Uni Hamburg gruben mit tatkräftiger Unterstützung ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger aus der Region nach Spuren des sagenhaften Cesemowe.

„Das schmale Zeitfenster zwischen Ernte und Wiederbestellung, welches uns die örtliche Agrargenossenschaft freundlicherweise gewährte, konnten wir erfolgreich nutzen“, resümiert Prof. Dr. Frank Nikulka die zweieinhalbwöchige Grabungskampagne an einer Stelle, die etwa acht Jahre zuvor auf speziellen Luftbildern aufgefallen war.

Der Leiter des Lehrstuhls vor- und frühgeschichtliche Archäologie an der Universität Hamburg gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er auch nur andeutungsweise auf die inzwischen verfügbaren Methoden der nichtinvasiven Prospektion (zerstörungsfreien Voruntersuchung) der streng geschützten Bodendenkmäler zu sprechen kommt.

Hier beim mecklenburgischen Dorf Karbow hatte seinerzeit Dr. hc. Otto Braasch bei seiner systematischen Landesbefliegung „herausragend gute“ Luftbilder aufgenommen, welche u.a. Bewuchsanomalien offenbarten, die auf frühgeschichtliche Befestigungsanlagen und Hausgrundrisse hindeuteten. Nach aufwändiger Computerbearbeitung konnten auch die dazu passenden Ortskoordinaten ermittelt und in einer zweiten Phase der Prospektion geophysikalisch verifiziert werden (wir berichteten).

Damals waren Hamburger Archäologiestudenten u.a. mit einem sogenannten Geomagnetik-Modul (montiert auf einem speziellen Handkarren) fündig geworden. Mit den dabei gewonnenen Daten habe sich das Bild des vielversprechenden Fundplatzes soweit konkretisiert, dass die Forscher eine 10 mal 20 Meter messende „Testfläche“ festlegen konnten, welche nun nach allen Regeln der Archäologie grabend untersucht wurde. Während die Studierenden seiner „Meisterklasse“ – Sophie Rotermund (schultertief in einer frisch ausgehobenen, rechteckigen Grube stehend) und Felicitas Görke (oben auf dem Planum hockend) – das frische Schnittprofil exakt vermessen, umreißt ihr Professor kurz den bereits gewonnenen Erkenntnisstand. Danach sei an Ort und Stelle tatsächlich ein uralter Siedlungsplatz nachgewiesen worden, dessen Anfänge höchstwahrscheinlich in der Eisenzeit (vor etwa 2000 Jahren) lagen. Aufgefundene Keramikscherben – wie sie Elias Bernzen, der jüngste der hier agierenden Hamburger Archäologiestudenten, gerade freudestrahlend auf seiner Schaufel hält – datieren eine weitere Siedlungsphase auf die Slawenzeit (ab dem 10. Jahrhundert).

Und dann sind da als Drittes zahlreiche Befunde aus der frühdeutschen Zeit und dem Mittelalter (12. bis 15. Jahrhundert), zu deren spektakulärsten wohl jener fast 1,5 Meter tiefe Graben gehört, welcher einst ein Oval von 350 Metern Länge und 120 Metern Breite umschloss. Ein solches Dorf von fast fünf Hektar Fläche (mit Häusern sowohl innerhalb als auch außerhalb der Umfriedung) könne zu jener Zeit „kein unbedeutendes“ gewesen sein, meint Elias Bernzen, der gerade eine offenkundige Abfallgrube der Geschichte aushebt und dabei an der Seite des ehrenamtlichen Lübzer Bodendenkmalpflegers Reinhard Dudlitz Relikte en gros von Keramikscherben bis hin zu Metallteilen wie Schlacken der handwerklichen Eisenverarbeitung, eine abgebrochene Messerklinge, Nägel und sogar einen kleinen Bronzeschmuckanhänger zu Tage fördert.

Grabungsleiter Rolf Schulze im Auftrag vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege MV stimmt dem jungen Studenten hinsichtlich seines Optimismus zu, denn auch zahlreiche relativ tiefe und breite Pfostenlöcher wiesen auf für jene Epoche beachtliche Hausgrundrisse von 8 Metern Breite und bis zu 30 Metern Länge hin. Der erfahrene Berufsarchäologe ist überzeugt: Dies ist das sagenhafte Dorf Cesemowe, von dem mittelalterliche Chronisten berichteten, welches aber vor etwa 550 Jahren von der Bildfläche verschwand. Auf seine weiteren Forschungen darf man gespannt sein.

 



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen