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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

05. Dezember 2016 | 03:23 Uhr

Pflegereform : Pflegestufen weichen Pflegegraden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Selbstständigkeit eines Pflegebedürftigen bei Beurteilung künftig im Mittelpunkt. Heimleiterin: Arbeit mit Menschen selbst bleibt unverändert

In Altenheimen stehen zum Jahreswechsel umfassende Veränderungen an, weil sie statt der bisherigen Pflegestufen 0, 1, 2, 3 und 3 H (H für Härtefall) künftig nach den Pflegegraden 1, 2, 3, 4 und 5 arbeiten müssen – eine Vorgabe des Bundesgesundheitsministeriums. Was sich für einen Laien belanglos anhört, bedeutet für die Einrichtungen viel Arbeit und zusätzliche Ausgaben. „Die Mitarbeiter erhalten Schulungen, Bewohner und Angehörige müssen schriftlich informiert werden. Die Erweiterung einer neuen Software kostet allein für unsere Einrichtung etwa 3000 Euro“, sagt zum Beispiel Kersten Hochschild, Leiterin des Lübzer Seniorenpflegeheims „Haus am Freistrom“.

In Zukunft stehen beim Pflegebedürftigen seine noch vorhandenen Fähigkeiten im Fokus und wie diese erhalten und gestärkt werden können. Bisher wurde sein Hilfebedarf „verrichtungsbezogen“ – also zum Beispiel beim Waschen, Anziehen und bei der Nahrungsaufnahme in Minuten – auf der Grundlage von Zeiten festgelegt. Jetzt möchte man den Hilfebedarf auf den Grad der Selbstständigkeit legen. Dem neuen, geschilderten Ansatz steht die Heimleiterin zunächst skeptisch gegenüber: „Es bleibt abzuwarten, wohin die Entwicklung mit den Pflegegraden und dem damit verbundenen Personalschlüssel geht.“

Als positives Fazit der Reform könne man werten, dass künftig im Gegensatz zu jetzt für Bewohner jeglichen Pflegebedarfs der zu zahlende Eigenanteil gleich hoch sei.

Geplant sei, die Pflegedokumentation auf zentrale Dinge zu beschränken – mit der Hoffnung, dass den Pflege- und Betreuungskräften wieder mehr Zeit für den Bewohner bleibe. „Schon jetzt ist es so, dass ein Pflegebericht im Durchschnittlich nur noch einmal in der Woche dokumentiert wird. Früher gehörte er zum Alltag“, sagt Kersten Hochschildt. „Die Reform läuft im Grunde schon seit 2015. Sie ist ein Prozess, der zur Folge hatte, dass wir die Zahl der bei uns arbeitenden Ergo- und Beschäftigungstherapeuten seit 2009 von zwei auf neun erhöht haben.“

In der Öffentlichkeit noch bekannter machen müsse man nach Meinung der Heimleiterin, dass es vor der vollstationären Pflege wie in ihrem Haus noch viele andere Angebote gebe: „Eben nicht nur das Heim, in das der Bewohner eh selbst wollen muss, sondern zum Beispiel auch die Rundumpflege in den eigenen vier Wänden durch einen ambulanten Pflegedienst.“ Im Landkreis Ludwigslust Parchim gebe es zwei Pflegestützpunkte, die Angehörige wie Betroffene hinsichtlich zur Verfügung stehender Möglichkeiten kostenlos und kompetent beraten könnten. Ein weiteres Modell sei zum Beispiel, dass ein Pflegebedürftiger seine Wohnung behält und nur tagsüber in eine Tagespflegeeinrichtung kommt, um dort Gemeinschaft zu erleben und die zahlreichen Angebote nutzen zu können.

Ein offen geäußertes, gespaltenes Verhältnis hat Kersten Hochschild zu der Praxis, dass sich Praktikanten bei ihr bewerben, die etwa als Betreuungskraft überhaupt nicht geeignet seien: „Viele haben Mitleid, aber auch Berührungsängste, die in diesem Beruf gar nicht angebracht sind.“ Gut wäre daher ein mehrwöchiges Praktikum vor dem Besuch einer Pflegeschule, zumal diese auch noch Geld koste.

Ein positives Beispiel ist Kathrin Drews, die seit 2015 zum „Haus am Freistrom“ gehört und in diesem Jahr ihre Weiterbildung zur Betreuungskraft mit einem Zertifikat abgeschlossen hat. Momentan arbeitet sie auf der Wachkomastation. „Bevor ich hier anfange, muss ich mich fragen, ob ich mit hilfebedürftigen Menschen umgehen kann“, sagt sie. „Kommunikation ist wichtig. Hier muss ich einen Bewohner da abholen, wo er ist, darf ihm keine Vorwürfe machen. Es gibt immer wieder neue Situationen, auf die man sich einstellen muss.“

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erstellt am 22.Nov.2016 | 07:00 Uhr

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