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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

10. Dezember 2016 | 02:07 Uhr

Totensonntag in Langenhagen : Ort der Ruhe, des Gedenkens

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Totensonntag im Naturruhewald Langenhagen: Redner Wolfgang Ohlhorst und Pastor Kornelius Taetow hielten gemeinsam die Andacht

Auf dem Weg zum Andachtsort quillt unter den Schuhen immer wieder das Wasser auf, trotz der dicken Laubdecke. Es regnet, später beginnt es gar zu schütten. Dennoch wird bei jedem Schritt auch spürbar: Man ist in einen naturbelassenen Wald eingetreten, der seine Besucher geradezu atmosphärisch einhüllt, eine Art Naturkirche unter den Wipfeln hoher Buchen. Der Vergleich bietet sich auch deshalb an, da der Wald, ein sogenannter „Naturruhewald“ hinter dem Ort Langenhagen, heute zum Ort einer Andacht zum Totensonntag wird, eines Tags, der das Kirchenjahr beschließt und der dem Totengedenken gewidmet ist.

„Bliwwt allens bi‘t ollen“, sagt der Begründer dieser nun zum zehnten Mal schon stattfindenden Andacht, der Niederdeutschkundige und Trauerredner aus Lübz, Wolfgang Ohlhorst. Er verbindet heute und an diesem Ort zweierlei: Sein Faible für die ursprüngliche Sprache dieser Gegend, das Plattdeutsche, mit seiner Profession als weltlichem Bestattungs- und Trauerredner. Das Ritual verbindet aber auch in jedem Jahr von Neuem Ohlhorsts atheistische Einstellung mit der christlich gläubigen des Techentiner Pfarrers Kornelius Taetow. Zwei ungleiche Brüder also treffen einander, jeder auf seine Art „fromm“ und – tolerant.

Schon von Weitem blitzt wieder die goldene Posaune des Pfarrers zwischen den Stämmen auf. Ohlhorst hat erneut sein Abspielgerät für CDs dabei. Ein Posaunenstück, gespielt von Taetow, und das „Ave Maria“ von Bach/Gounod erklingen zu Beginn der Andacht. Später wird Ohlhorst – natürlich auf Platt – darüber sprechen, wie wichtig es ist, einen Ort zu haben, an dem Menschen mit ihren verstorbenen Angehörigen reden können, ihnen sagen, dass sie sie lieb haben. Aber er spart auch nicht mit einer gewissen Kritik. Ohlhorst kennt andere Naturruhewälder im Land und weiß, dass das Ablegen von Grabgestecken, die oft auch mit Unverrottbarem durchwirkt sind, dort strikt verboten ist. Im Langenhagener Naturruhewald hingegen blieben häufig Plastikblumen und Kunststofftöpfe zurück. Das schränke, sagte Wolfgang Ohlhorst, den Charakter des Naturruhewalds ein, da die Zahl dieser Hinterlassenschaften Überhand genommen habe. „Natur soll Natur bleiben!“

Gerade die Bestattung im Naturruhewald erfreut sich aus vielerlei Gründen immer größerer Beliebtheit. Häufig werden die niedrigeren Kosten angeführt. Aber es ist auch die schiere Schönheit dieses Orts, die motiviert. „Wie herrlich ist der Wald auch im Sommer, wenn alles grün ist“, sagt einer der Trauernden und nennt gleich noch einen weiteren Grund für seine Entscheidung: Niemand kontrolliere hier, ob das Grab auch besucht und wie es gepflegt worden sei. Der Wald also entzieht Angehörige auch der sozialen Kontrolle.

Alle Gräber hier sind Urnengräber. Hundert Jahre gehört jenen, die hier auf zwölf Hektar verewigt wurden, „ihr“ Baum. Er zeigt den Ort des Grabes an und ist gleichzeitig Grabmal. Schon zu Lebzeiten kann man den Ruhewald durchstreifen und sich selbst „seinen“ Baum für Dereinst aussuchen. Wählen kann man auch, ob man ein solches Baumbiotop allein mieten möchte, also als Einzelgrab betreiben, oder auch als eine Art Familienbiotop mit zwölf Plätzen. Jedem Baum nämlich können zwölf Urnengräber zugeordnet werden. Gilt der Kauf, dritte Möglichkeit, einem Gemeinschaftsbiotop, gehört die Baumstelle maximal noch elf anderen Bestatteten. Ihre Namen sind auf kleinen Schildchen an den Baum geheftet.

Monika Maria Degner







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