zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

29. März 2017 | 13:07 Uhr

Archäologie Karbow-Vietlübbe : Mysteriöses am Gehlsbach

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Hamburger Archäologie-Professor Dr. Frank Nikulka stellt neue Forschungsergebnisse mit neuen Rätseln vor

Der Kirchhofsberg – so nennen alte Flurkarten eine knapp neun Meter aufragende Kuppe bei Karbow – ist Mittelpunkt neuer Forschungsergebnisse des Hamburger Archäologen Prof. Dr. Frank Nikulka. Schon lange vermuteten heimatkundlich Interessierte auch hier die sagenumwobene Wüstung Cesemove, die nach Urkundenlage 1219 von Lüneburger Mönchen in Michaelisberg umgetauft worden war und wenig später verschwand. Prof. Dr. Frank Nikulka ließ dieser Tage Interessierte an seinem Wissen teilhaben.

Zu abendlicher Stunde war hierfür der Vortragssaal des Archäologischen Freilichtmuseums Groß Raden gut besucht. Museumschefin Ute Pilz aber auch Landesarchäologe Dr. Detlef Jantzen freuten sich sehr über das Interesse aus weitem Umkreis – Gäste waren sowohl aus der Nachbarschaft als auch aus Rostock, Schwerin, Güstrow und Lübz angereist. Ein Indiz für die Attraktivität der hiesigen Museumsarbeit auch außerhalb der Freiluftsaison.
Landesarchäologe Jantzen als Mitveranstalter an der Seite des Museumsfördervereins begrüßte Prof. Nikulka als „guten alten Bekannten und Mitstreiter“, denn der vortragende Gast dieses Abends war immerhin acht Jahre lang Referent für Urgeschichtliche Siedlungsgeschichte in seinem Landesamt, bevor er 2010 als ordentlicher Professor für vor- und frühgeschichtliche Archäologie an die Universität Hamburg wechselte. Wie Jantzen sichtlich froh herausstellte, sei Frank Nikulka dem Land MV und seinem Kulturerbe jedoch treu geblieben, und zwar nicht nur im Ehrenamt als Präsident der Archäologischen Gesellschaft, sondern auch als forschender Hochschullehrer, wovon er nun berichte.

In der Tat hätten Studierende und Doktoranden seines Lehrstuhls aktuell ein paar vielversprechende Forschungsplätze im südlichen Mecklenburg auf dem Schirm, worauf sie die noch relativ junge Luftbildarchäologie gebracht hätten. Deren Wegbereiter Otto Braasch persönlich lieferte bei Prospektionsflügen 2008 aufschlussreiche Luftbilder der hiesigen Region, deren wissenschaftliche Auswertung u.a. Cesemove bzw. Michaelisberg sicher zu lokalisieren half.

Zwei sommerliche Lehrgrabungskampagnen Hamburger Archäologiestudenten mit tatkräftiger Hilfe einheimischer Bodendenkmalpfleger identifizierten 2015 und 2016 vor Ort neben Keramikscherben sowohl slawischer als auch frühdeutscher Tradition zudem gut erhaltene Hausgrundrisse, die zu hochmittelalterlichen Ständerhaustypen aus westelbischen Regionen passen, woher seinerzeit bekanntlich viele Siedler für die durch deutsche „Kreuzfahrer“ eroberten Gebiete im Osten kamen (wir berichteten).

Unklar dagegen bleibe noch immer die zeitliche Stellung und Bedeutung jener Grabenwerke, deren aus der Luft erkennbare Silhouetten überhaupt zu den aktuellen Untersuchungen geführt haben, merkte Prof. Nikulka an. Auch von Belegen für die im Zusammenhang mit der Namensgebung „Kirchhofsberg“ anzunehmenden Bauten oder Bestattungen fehle bislang noch jede Spur.

Statt dessen fanden die Archäologen in einem ersten Suchschnitt über den Hügelkamm – welcher lediglich in der Breite einer Baggerschaufel etwa 20 Zentimeter Ackerkrume abräumte – etliche Stücke Schmiedeschlacke sowie ein sogenanntes Grubenhaus, wie es bevorzugt Handwerker nutzten.

Noch mysteriöser erscheint den Forschern derzeit noch der Befund eines von drei per Luftbild entdeckten Stichgräben, die fast senkrecht zum Verlauf der Ringgräben hinab ins Tal des Gehlsbachs führen. Entwässerungszwecke könnten aufgrund der Geologie (überaus durchlässiger Grund aus eiszeitlichem Feinsand) ausgeschlossen werden, meinte Prof. Nikulka, der auch bezweifelt, dass besagte knapp metertiefe Ringgräben jemals dauerhaft geflutet gewesen seien.

Falls beide so unterschiedlichen Grabenwerke überhaupt etwas miteinander zu tun hätten, mache eine andere Entdeckung – laut Nikulka – „die Sache noch spannender“. Ein punktueller Schnitt durch das Profil eines der kurzen Stichgräben zum Gehlsbachufer ergab nämlich etwa 30 Zentimeter über der bereits früher verfüllten Grabensohle eine durchgängige Kulturschicht, die ausschließlich slawische Artefakte enthielt. Sollte zumindest dieses Grabenwerk noch wesentlich älter sein als bisher angenommen?

Bernd Möschl


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen