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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

24. November 2014 | 03:19 Uhr

Akute Personalnot : „Momentane Lage ist ein Alptraum“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Olaf Richter, Chef der Lübzer Feuerwehr, fordert Land auf, Grundlagen für Einstellung hauptamtlicher Kräfte auf kommunaler Ebene zu schaffen

Das Amt Eldenburg Lübz hatte die in seinem Bereich arbeitenden Feuerwehren aufgefordert, es über ihre Einsatzbereitschaft zu informieren. Nach Erhalt der Zuarbeit informierte Bürgermeisterin Gudrun Stein die Stadtvertreter auf ihrer jüngsten Sitzung darüber, dass in Lübz an den Werktagen jeweils von 6 bis 18 Uhr „nur sehr wenige Kameraden zur Verfügung stehen“, weil die meisten auswärts arbeiten beziehungsweise ihren Arbeitsplatz auch für Einsätze nicht verlassen dürften.

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Lübz’ Wehrführer Olaf Richter – obwohl der Allgemeinheit als nicht ängstlich und im Grunde nie verzagend bekannt – sagt es so: „Die gegenwärtige Situation bezüglich der Einsatzbereitschaft am Tage ist ein Alptraum! Bisher hatten wir nur Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Verantworten lässt sich der Zustand aus meiner Sicht so nicht mehr.“

Zusammen mit der Löschgruppe Broock gibt es in Lübz theoretisch 48 einsatzbereite Kameraden. Die meisten von ihnen arbeiteten in den Großräumen Hamburg und Berlin, mehrere in Schwerin. Die Statistik ergebe, dass von Montag bis Freitag zwischen 6 und 18 Uhr bei einem in dieser Zeit ausgelösten Alarm nur sechs der genannten 48 Kräfte „sehr wahrscheinlich“ zum Einsatzort kommen (ein Achtel), neun „wahrscheinlich“ und 29 „unwahrscheinlich“. Zwischen 18 und 6 Uhr am nächsten Morgen lauten die Werte elf, 21 und 13. Hintergrund dafür: Viele kommen die ganze Woche über nicht nach Hause. Nur an Sonn- und Feiertagen steigen „sehr wahrscheinlich“ und „wahrscheinlich“ deshalb auf 25 beziehungsweise elf. „Die Zahlen sprechen für sich. Ich muss sie für niemanden kommentieren, denke ich“, so Richter. „Und das bei einer Stützpunktfeuerwehr. Dann kann man sich vorstellen, was in den umliegenden Gemeinden los ist – beziehungsweise man mag es sich gar nicht vorstellen.“ Das für die Statistik ursprünglich vorgesehene Zeitfenster von 8 bis 17 Uhr hatte der hiesige Wehrführer als unrealistisch eingeschätzt und deshalb vergrößert – die Handwerker seien morgens schon um 6 Uhr weg und kehrten in der Regel nicht vor 18 Uhr zurück.

Als einige besondere Brennpunkte in seinem Zuständigkeitsbereich führt Richter den Ammoniak-Vorrat in der Brauerei, die mehrere 1000 Kubikmeter fassende Flüssigglaswanne bei ISOVER, das Kohleanzünderwerk, vor allem jedoch die Schulen, das Seniorenpflegeheim und die Gebäude für das betreute Wohnen sowie Demenzkranke an. „Auch in den mit dieser Region verbundenen Kreisfeuerwehrverbänden Parchim und Ludwigslust hätten wir uns gewünscht, dass das zentral wichtige Thema Einsatzbereitschaft einmal auf Landesebene offiziell angesprochen wird“, sagt er. In der Landesfeuerwehrschule habe man ein „Eckpunktepapier“ darüber entworfen, was ab 2020 passieren soll: „Viel zu spät – jetzt brennt es unter den Nägeln!“

An der persönlichen Bereitschaft der Kameraden liege es nicht. Sie wollten, könnten absolut nachvollziehbar aber nicht, weil arbeitstechnisch eingebunden. Als einen Weg in die richtige Richtung fordert der Wehrführer, bei Einstellungen in hiesigen Einrichtungen wie etwa auf Bauhöfen oder bei der Besetzung von Hausmeisterposten verstärkt darauf zu achten, dass die Kräfte hauptamtlich auch der Feuerwehr zur Verfügung stehen. Dadurch könne man sie stärken, weil die genannten Kameraden regional gebunden sind und man verursache keine zusätzlichen Kosten wie etwa durch eine Berufsfeuerwehr, deren Schaffung wegen der miserablen finanziellen Lage auf kommunaler Ebene eh kaum durchzusetzen wäre.

Von den sechs in der Woche auch tagsüber zur Verfügung stehenden Kameraden können zwar fünf einen Lkw fahren, aber keiner dürfe zum Beispiel ein Atemschutzgerät tragen. „Da werden dann für einen Einsatz fünf, sechs Feuerwehren alarmiert, die zwar einen großen Haufen Technik bewegen, aber eine ausreichende Zahl an Kräften erreicht man kaum. Das ist nicht nur in Lübz so“, sagt Richter. Bisher habe die Statistik im Gegensatz zur neuen einen verfälschten Eindruck vermittelt, weil nicht dabei stand, zu welcher Uhrzeit wie viele Kameraden zur Verfügung stehen, sondern nur der ganze Tag erwähnt wurde.

Zusätzliche Schwierigkeiten ergäben sich aus der großen Belastung vieler Einsatzkräfte vor allem durch ihre Arbeit. „Wenn sie 12 Stunden hinter sich haben, dürfen sie danach laut europäischem Arbeitsrecht eigentlich nicht mehr ausrücken, weil mindestens elf Stunden Ruhe vorgeschrieben sind“, weiß der Wehrführer. Ein Einsatz bei den erst kürzlichen Großbränden im Kohleanzünderwerk dauerte sogar sieben Stunden: „Wer dabei war, hätte am Folgetag eigentlich nicht mehr zur Arbeit gehen dürfen.“

Viele Kameraden seien in kleinen und mittelgroßen Handwerksbetrieben mit wenig Angestellten tätig, denen bei nicht termingerechter Arbeit der Verlust von Aufträgen und letztlich der Existenz drohe: „Natürlich verstehe ich deshalb, dass die Leute dort nicht weglaufen können, aber für die Feuerwehr ist dies eine Katastrophe. Engpässe gab es auch früher schon, aber nicht so drastisch. Hinzu kommt, dass wir selbst aus der Jugendwehr immer weniger Kräfte übernehmen können, weil die meisten jungen Leute nach der Schule die Region verlassen.“

Hauptproblem sei, dass vom Land die gesetzliche Grundlage fehle, alles auf neue Beine stellen zu können. In dieser Hinsicht müsse schnellstmöglich etwas geschehen. „Aber im Mai ist Wahl und eher wird deshalb nichts passieren, weil niemand einen Fehler machen will, der Stimmen kosten könnte“, meint der Wehrführer. „Das kann es aber nicht sein! Die Sache muss auf den Weg gebracht werden, wobei innerparteiliche Interessen und Verlangen nach Regierungsgewalt keine Rolle spielen dürfen!“

Wenn man auf Kräfte von außerhalb angewiesen sei – eigentlich nicht, wegen beschriebener Umstände aber schon – spiele der gerade bei Unglücken eh schon zentrale Faktor Zeit beziehungsweise die Verzögerung wegen der längeren Anfahrtswege eine noch größere Rolle. Außerdem gingen die herbeieilenden Kameraden ein zusätzliches Risiko in der Form ein, dass sie ihren Bereich verlassen und dieser damit nicht mehr so gut geschützt sei – von zusätzlichen Kosten ganz zu schweigen.

Für den Brandschutz sei laut Gesetz zwar die Kommune zuständig, doch weil die lokale Ebene wie bekannt kein Geld mehr habe, sei das Land aufgefordert, die dargestellten Probleme zu regeln. Auch neue Kameraden ließen sich nicht einfach gewinnen und selbst wer sich dazu bereit erkläre, freiwilligen Dienst in der Feuerwehr zu leisten, stehe nicht schnell zur Verfügung. Grundkenntnisse werden zunächst in einem Jahr Probezeit vermittelt, worauf eine 80-stündige Truppmann- und dann 50-stündige Truppführerausbildung (eine Truppe besteht aus zwei Mann) folgen – alles zusammen die Mindestvoraussetzung.

Außerdem müsse jeder seine gesundheitliche Eignung nachweisen, was auch eine gewisse Hürde, dennoch aber gut begründet sei. Bei Tragen eines Atemgerätes und der persönlichen Schutzausrüstung etwa habe ein Kamerad zwischen 30 und 35 Kilogramm mehr als gewohnt zu bewegen. Bei der Bergung eines Menschen kommen durchschnittlich noch einmal mindestens 70 Kilogramm dazu.

Richter ist sichtbar angespannt: „Ich bin froh, wenn es Abend wird, weil ich dann wenigstens auf ein paar mehr Leute und somit schnellere Hilfe hoffen kann, wenn ein Alarm kommt.“

 

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erstellt am 10.Jan.2014 | 09:00 Uhr

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