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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

04. Dezember 2016 | 15:19 Uhr

Landwirtschaft : Magerpreis für Vollmilch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Niedriger Milchpreis setzt deutsche Erzeuger unter Druck - auch in unserer Region, wie ein Besuch bei der MiFeMa in Plauerhagen zeigt

Am 1. April 2015 wurde die EU-Milchquote samt begrenzten Zukaufsrechts aufgehoben. Seitdem fließt die Milch üppig - und für den Endverbraucher preiswert wie nie. Nun, anderthalb Jahre nach dem Einschnitt, fragen wir daher auch einmal beim Landwirt in der Nachbarschaft nach: Wie geht es Ihnen heute mit dieser politischen Entscheidung?

Mitte September stand er noch auf dem Barkhagener Fest unter der Erntekrone, der Agrarökonom Christian Schwager, ein romantisches Bild. Real ist nicht zu vermuten, dass seine Aufgabe als Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft MiFeMa etwas mit ländlicher Romantik zu tun hat. Sitzt er derzeit in seinem Büro in Plauerhagen über Tabellenkalkulationen, Wirtschaftlichkeitsberechnungen, Statistiken, sitzt die Sorge um den Betrieb mit am Tisch. „30 Familien leben von dem, was die Genossenschaft abwirft“, ist vom Vorstand zu erfahren. Da ist der Erfolgsdruck naturgemäß entsprechend hoch und das vor allem jetzt in Zeiten des stark gefallenen Milchpreises.

Ende 2013 bereits stand fest, dass die Anzahl der Milchkühe erhöht werden sollte. Im betriebseigenen „Reproduktionsverfahren“ kamen bis Ende 2014 so viele Kälber zur Welt, dass die Zahl der Milchkühe von 530 auf 650 klettern konnte. Gleichzeitig wurde in einen neuen, modernen Stall mit viel Luftraum über den Kuhköpfen investiert. Dann aber die Aufhebung der Quote und mit ihr der ziemlich rasante Schwund des Milch-Cents: Magerpreis für Vollmilch. Mit 34 bis 35 Cent pro Kilogramm Milch habe man zu Zeiten der Erweiterung gerechnet, sagt Christian Schwager, 33 Cent seien kostendeckend und zum jetzigen Zeitpunkt stehe der Preis bei 26 Cent. „In Mai und Juni waren wir sogar auf 20 Cent.“

Die deprimierende Rechnung ist einfach erstellt: Bleibt der Ertrag bei 26 Cent bis zum Jahresende stehen und werden voraussichtlich 2016 6,2 Mio Kilogramm Milch bei der MiFeMa erzeugt, wird etwa um 430  000 Euro unter Kostendeckung produziert worden sein. Von Gewinn ganz zu schweigen. Und wie gehen die Verantwortlichen in Plauerhagen mit diesem Defizit um? „Die Möglichkeiten das gutzumachen, sind gering“, sagt Christian Schwager. Die Pflanzenproduktion müsse schon „sehr effizient“ sein, fügt Prokuristin Ingeborg Eckmann hinzu. Darüber hinaus sei zu hoffen, dass die Partnerbank Verständnis zeige. Im Übrigen sterbe die Hoffnung bekanntlich zuletzt.

Es ist auch nicht allein der Anstieg der Milchproduktion in der EU für den Preisverfall verantwortlich, wissen auch die Plauerhagener. Weltweit wird, wirtschaftlich gesehen, „zu viel“ Milch produziert. Und Molkereien beschränken sich beim Ankauf von Milch nicht etwa auf die heimische Umgebung, kaufen beispielsweise auch billig in Polen und Tschechien ein, weiß die Prokuristin. Der Konkurrenzkampf im Handel, der, wie gelegentlich zu hören ist, derzeit geradezu „kannibalistische Züge“ (Gitta Connemann, CDU/CSU) angenommen hat, tut ein Übriges zum Dilemma dazu. „Der Preiskampf geht immer von oben aus, bestätigt Ingeborg Eckmann. Und Russland, ein wichtiger Abnehmer Mecklenburgs bei Agrarprodukten, hat (2014) ein Milchembargo gegenüber der EU ausgerufen. Auch das hat zum Problem der Milchproduzenten beigetragen. Wie fast immer in der Geschichte sind Entwicklungen multikausal. Aber ist vielleicht abzusehen, dass die Quote wieder eingeführt wird? „Kaum“, sagt Ingeborg Eckmann, „eine Produktionsbegrenzung würde allenfalls über andere Vorschriften, zum Beispiel die Begrenzung der Gülleabfuhr auf die Felder erfolgen.“

Bemerkenswert: 60 Prozent der Fläche der Republik sind landwirtschaftlich genutzt. Und niemand wird den Produkten ihre elementare Bedeutung absprechen. Aber die politische Kraft der Landwirte scheint klein. „Wir haben keine Lobby“, sagt Ingeborg Eckmann und Christian Schwager weiß: „Nur zwei Prozent der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft.“ Woher käme also die entsprechende politische Stoßkraft? Das Bild eines einzigen Beschäftigten auf einer riesigen Maschine auf einem riesigen Acker kennen wir alle. Da erhebt sich die Frage in mehrfacher Beziehung: Sind unsere Bauern in Wahrheit vielleicht zu alleine?


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