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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

26. September 2016 | 15:55 Uhr

Lübz : Lebensfroh trotz Katastrophe Contergan

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Carina Hedtke kam 1961 mit verstümmelten Armen zur Welt, nachdem ihre Mutter im dritten Schwangerschaftsmonat das favorisierte Schlafmittel eingenommen hatte

Bei der Geburt am 27. Februar 1961 ist die Mutter geschockt, der Vater von Carina Hedtke fängt an zu weinen. Vielleicht auch aus Rührung, vor allem aber, weil seine Tochter nahezu keine Arme hat. Beide Hände sind an Stummel angewachsen, die in Brusthöhe enden – heute nur gut 20 Zentimeter lang. Dennoch lässt der Mann von der ersten Sekunde an keinen Zweifel an seiner Einstellung: „Das stehen wir gemeinsam durch!“

Auch die Mutter von Carina Hedtke nimmt im dritten Schwangerschaftsmonat nur eine einzige Tablette des ab 1957 verschriebenen Schlaf- und Beruhigungsmedikamentes Contergan ein, das wegen Behinderung des Zellwachstums deutschlandweit bei rund 4600 Kindern schwere Missbildungen verursacht.

Durch die Einnahme von  Contergan kamen tausende  verstümmelte Kinder zur Welt oder starben bei der Geburt.
Durch die Einnahme von Contergan kamen tausende verstümmelte Kinder zur Welt oder starben bei der Geburt. Foto: BHG
 

„Als ich 18 war, hat sie mir den Rest der aufgehobenen Packung gezeigt“, sagt die gebürtige Siegenerin, die seit Ende 2014 in Lübz wohnt. „Ich habe versucht, ihr die Vorwürfe zu nehmen, die sie sich immer wieder gemacht hat. Wie erfolgreich das war, weiß ich nicht genau.“ Mutter und Vater leben noch in dem Haus, in dem die Behinderte Kindheit und Jugend verlebt.

Hänselei in der Schule ist für Carina Hedtke kein Thema.

Ihre Abiturprüfung legt sie 1981 mit Bravour ab und studiert anschließend Germanistik, Journalistik, Psychologie und Sozialarbeit. Leider kann die junge Frau ihr großes erworbenes Fachwissen jedoch nicht anwenden, weil sie keine entsprechende Anstellung findet. Welches Gewicht dabei die Behinderung einnimmt, weiß niemand genau.

Letztlich arbeitet Carina Hedtke von 1989 bis 1999 halbtags im Schichtdienst mit Kopfhörern bei der Telefonauskunft der Telekom – von 8 bis 22 Uhr, jeden Tag anders. Sie hat weder Daumen noch Mittelfinger, zwei andere sind steif, aber zu schreiben ist trotzdem möglich und die Arme sind gleich lang, was alles selten sei. Das Urteil über diese Lebensphase fällt schnell: „Meine Telefonstimme ist geeignet, ich war gut, würde ich nach eigener Einschätzung sagen.“

Eine schlechte Erfahrung macht die Neu-Lübzerin während ihrer zweijährigen Wohnzeit in Bremen, als aus einer Gruppe kleiner Kinder heraus der Satz „Iiiih, wie siehst Du denn aus?“ fällt. Um eine entsprechende, sofort für Ruhe sorgende Antwort ist sie nicht verlegen: „Als ich so alt war wie Ihr, hat mir mein Vater die Arme abgehackt, weil ich genauso frech war wie Ihr.“

Mit Lübzer Kindern habe die Behinderte ganz andere Erfahrungen gemacht. Sie zeigten sich fast durchweg viel distanzierter, freundlich und gut erzogen. „Eltern, die mit ihnen unterwegs sind, fragen mich manchmal, ob ich einen Unfall hatte. Ich versuche dann, kindgerecht zu antworten und spreche zum Beispiel von einer ,bösen Tablette’“, so Carina Hedtke, die sich selbst als „normale Schülerin und Studentin“ bezeichnet , die sowohl in wechselnden Wohngemeinschaften als auch allein gelebt hat. Zu allem gehören darüber hinaus auch mehrere Partnerschaften – nie mit behinderten Männern. Der heutige Lebensgefährte wohnt in seinem eigenen Haus.

Früher war die jetzt 55-Jährige kämpferisch, wollte unbedingt alles schaffen, was für Folgeschäden wie unter anderem chronische Hüftschmerzen, Schleimbeutelentzündungen und einen kaputten Rücken sorgte. Durch das ihr gezahlte Pflegegeld finanziert Carina Hedtke für schwere Aufgaben zum Beispiel die Hilfe durch eine Putzfrau: „Ich habe geahnt, dass ich den Kampf mit dem Staubsauger verliere...“ Sie sei bequemer und dadurch vernünftiger geworden. Das Benutzen von Reißverschlüssen etwa gehört auch der Vergangenheit an, nicht aber das selbstständige Einkaufen. Bis zu acht Kilogramm lassen sich über die Schulter hängen – umgerechnet dieselbe Belastung, für die der täglich ausgeführte Hund sorgt, wenn er zieht.

Malerei war lange das große Hobby von Carina Hedtke. Heute ist sie viel draußen, „wo sich manches Schwätzchen ergibt“, wie sie sagt, und erlebt gern Kunst, Kultur und Flohmärkte.

Die Rolle in der Gesellschaft steht fest: „Nicht ich kann davon ausgehen, dass mir jemand offen entgegen kommt, sondern ich habe die Aufgabe, Unsicherheit auf der anderen Seite zu nehmen. Das erste ist, alle zu begrüßen. Mit dieser Verfahrensweise habe ich gute Erfahrungen gemacht.“

Die Wirkung von Contergan aufgedeckt hat der Hamburger Kinderarzt und Humangenetiker Dr. Widukind Lenz (siehe auch rechts). Er untersuchte ebenfalls Carina Hedtke, als sie noch ein Baby war, wobei es nicht blieb. Der Mediziner engagierte sich für die Geschädigten auch in der Form, dass er ihnen in Gruppen Ratschläge dafür gab, wie sie mit ihrer Einschränkung die Herausforderungen im Alltag besser bewältigen können.

 

 

Verheerende Wirkung von Hamburger Arzt aufgedeckt
Dr. Widukind Lenz – der Mann, der Contergan stoppte
Dr. Widukind Lenz – der Mann, der Contergan stoppte Foto: WDR

Der Contergan-Skandal war einer der aufsehenerregendsten Arzneimittelskandale in der Bundesrepublik Deutschland und wurde 1961 und 1962 aufgedeckt. Das millionenfach verkaufte Beruhigungsmedikament Contergan, das den Wirkstoff Thalidomid enthielt, konnte bei der Einnahme in der frühen Schwangerschaft Schädigungen in der Wachstumsentwicklung der Föten hervorrufen. Es half unter anderem auch gegen die typische morgendliche Übelkeit in der frühen Schwangerschaftsphase und galt im Hinblick auf Nebenwirkungen als besonders sicher. Bis Ende der 1950er-Jahre empfahl man es gezielt als rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel für werdende Mütter. Vom 1. Oktober 1957 bis zum 27. November 1961 vertrieben, wurde das Medikament aufgrund von möglichen Nebenwirkungen auf das Nervensystem erst ab dem 1. August 1961 rezeptpflichtig. In der Folge kam es zu einer Häufung von schweren Fehlbildungen (Dysmelien) oder gar dem Fehlen (Aplasien) von Gliedmaßen und Organen bei Neugeborenen. Weltweit wurden etwa 5000 bis 10 000 geschädigte Kinder geboren. Zudem kam es zu einer unbekannten Zahl von Totgeburten. Anfang 2016 gab der Bundesverband Contergangeschädigter auf seiner Internetseite an, dass in Deutschland noch etwa 2400 Betroffene.

Erst Ende 1961 wurde der Zusammenhang zwischen Contergan und den Fehlbildungen erkannt und das Medikament vom Hersteller, der Grünenthal GmbH, vom Markt genommen.

Dr. Widukind Lenz, seit 1952 Oberarzt an der Kinderklinik in Hamburg-Eppendorf, entdeckte, dass der Wirkstoff Thalidomid Ursache für das gehäufte Auftreten von Missbildungen bei Neugeborenen war. Am 15. November 1961 rief er Heinrich Mückter, den Forschungsleiter bei Grünenthal, an, machte ihn auf die Zusammenhänge aufmerksam und forderte die Rücknahme des Mittels, womit er zunächst seine Karriere aufs Spiel setzte, denn der Konzern droht Dr. Lenz mit juristischen Schritten und lehnt es noch am 24. November ab, das Mittel vom Markt zu nehmen. Dies geschieht erst, als die „Welt am Sonntag“ zwei Tage später über einen Vortrag des Arztes bei der Vereinigung Rheinisch-Westfälischer Kinderärzte berichtet.

Der Strafprozess vor dem Landgericht Aachen gegen Verantwortliche der Firma Grünenthal wurde allerdings 1970 „wegen geringer Schuld“ eingestellt, rechtlich niemand belangt.

 

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erstellt am 21.Sep.2016 | 11:45 Uhr

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