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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

04. Dezember 2016 | 07:06 Uhr

Draisinen in MV : Drahtesel statt Eisenbahn

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wo früher Züge ratterten und Soldaten durch den Wald stapften, gleiten heute Draisinen durch die Landschaft

„Am Anfang benutzte die Bundeswehr meine Draisinen sogar in ihren Einsatzübungen“, erzählt Ralf Schwanebeck, Besitzer von zwei Bahn-Strecken in MV. Die Bundeswehr ist seit zehn Jahren weg. Heute stehen Draisinen in Reih und Glied vor der ehemaligen Damerow Kaserne bei Karow.

Nicht davor, nicht dahinter, sondern direkt auf den Schienen befindet sich Schwanebecks Büro in einem alten Waggon. „Hier empfange ich meine Gäste. Mein Grundstück ist nun mal fast so schmal wie die Gleisanlage selbst“, sagt er.

In Richtung des bunten Herbstwaldes öffnet er ein Metalltor und hebt danach ein 80 Kilogramm schweres Gerät auf die Schiene. Der gebürtige Dresdener lebt heute auf Rügen und beschäftigt mehrere Mitarbeiter. „Ich bin eigentlich Wirtschaftsingenieur und arbeitete kurzzeitig als Unternehmensberater. Aber ich war nur auf Achse und bin gependelt. Das war mir zu viel.“

Die Idee für eine Draisinen-Strecke brachte er aus dem Schwedenurlaub mit nach Hause. Er klopfte bei der Deutschen Bahn in Berlin an, um eine Strecke von dem Konzern zu erwerben. „Da musste ich recht hartnäckig bleiben. Zwei Jahre dauerte es, bis ich schließlich 2004 die Gleisanlage kaufen konnte“, sagt er.

Unter dem Begriff „Draisine“ stellt man sich heute ein Eisenbahngefährt vor, auf dem zwei Personen mit den Armen pumpen müssen, um es in Bewegung zu setzen. Der Erfinder Karl von Drais baute jedoch ursprünglich ein Lauffahrrad. Erst später im 19. Jahrhundert verband man „Draisine“ mit dem Eisenbahnverkehr.

Heute ähneln Schwanebecks Fahrrad-Draisinen wieder der ursprünglichen Erfindung. Das Vehikel gleicht einem Tandem. Eine Firma kombiniert zwei Räder und baut ein Schienengefährt daraus. Die Gummireifen liegen direkt auf dem Gleis, weiße Kufen halten die Draisine in der Spur.

Auch das Gesetz behandelt die Draisinen wie Fahrräder. Am Bahnübergang der Bundesstraße 192 stehen immer noch Schranken, allerdings sind diese nicht für den Autoverkehr gedacht. „Wenn die Draisinen eine Straße kreuzen, müssen sie, wie auf einem Radweg, die Vorfahrt beachten. Deshalb haben wir Schranken über dem Gleis und nicht vor der Straße.“

Auf den heutigen Schienen zwischen Karow und Borkow kommen den Ausflüglern keine Züge mehr entgegen. Ralph Schwanebeck strampelt kräftig in die Pedale und bewegt sich langsam Richtung Goldberg. Was passiert, wenn ihm aber eine andere Draisine entgegen kommen würde? „Die Strecke funktioniert tatsächlich wie eine Einbahnstraße. Daher haben wir die Regel, dass unsere Gäste gegen 13 Uhr ihr Gefährt umdrehen und die Rückfahrt antreten“, erzählt er. An einem Waldweg zieht Schwanebeck die Handbremse am Lenker und stoppt so das Schienenfahrzeug. Wieder hebt er es hoch und dreht es herum. Rückzug zur Station, hätte es bei der Bundeswehr geheißen.

Die ersten Äste vom Gleisrand strecken sich bereits in den Fahrtweg. Wo früher Soldaten im Wald trainierten, fahren heute im Sommer nacheinander ganze Schulklassen. Im Winter kümmern sich Schwanebeck und seine Mitarbeiter um die Pflege der Anlage. „Wenn man die Bäume am Ende der Strecke abschneidet, sind sie am Anfang schon wieder nachgewachsen. An den Rhythmus habe ich mich langsam gewöhnt.“

Heimkehr in der Draisinen-Station. Schwanebeck schließt das Tor und zieht die Draisine in den Unterstand. Weiter hinten steht ein orangener Mercedes-Unimog ohne Motorhaube. „Die haben sie mir vor Kurzem geklaut. Früher hatte ich noch den Wachschutz der Bundeswehr“, schmunzelt er.

Wirte, wie Christel Janke freuen sich über die Schienengäste. Die Gasthof-Besitzerin schwärmt: „Für uns war der Draisinen-Rastplatz bei Wendisch Waren ein echter Segen.“

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erstellt am 03.Nov.2016 | 08:38 Uhr

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