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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

07. Dezember 2016 | 11:31 Uhr

Wangelin : Das Rätsel bleibt

vom

Im Lehmhaus des Wangeliner Gartens veranstaltete der FAL ein Lesekonzert zu Texten des österreichischen Autors Karl Heinrich Waggerl

Mit diesem „Lesekonzert“ haben sich der Schriftsteller Ludwig Schumann und die Musiker Warnfried Altmann und Hermann Naehring einer schwierigen, aber gerade deshalb inhaltlich reichen Aufgabe gestellt. Im Advent, der Zeit, in der pünktlich alle Jahre wieder der Friedensgedanke beschworen wird, konfrontierten sie ihr Wangeliner Publikum mit Leben und Werk eines Autors, der einerseits zauberhafte Weihnachtsgeschichten verfasste, sich andererseits jedoch (anscheinend) stark mit dem NS identifizierte. Der Österreicher Waggerl war zwischen 1933 und dem Kriegsende jedenfalls kein schweigender Mitläufer, er nahm hörbar Partei für den Nationalsozialismus, gab sich als ein Überzeugter. Im Menschen – und das ist vielleicht die allgemeine Botschaft dieses sehr gut „geschriebenen“ Lesekonzerts gewesen – hat erschreckend vieles nebeneinander Platz.

Wer dem Konzert aus der Wangeliner Reihe „Jenseits der Stille“ nachdenklich folgte, kam auf seine Kosten. Stringent und eingängig in vielerlei Hinsicht war der Ablauf von musikalischen Darbietungen und Textbeiträgen aufgebaut. Letztere wiederum teilten sich in die berühmten Weihnachtsgeschichten des Autors und den Vortrag  zeitgeschichtlich oder biographisch relevanter Quellen aus der Feder Waggerls, seiner Frau und Dritter. Die musikalischen Beiträge „antworteten“ darauf oder untermalten, verstärkten, setzten zusätzlich emotionale Akzente, immer spontan improvisierend. So unterstrich Percussionist Naehring das tieftraurige Gedicht der Ehefrau Waggerls, Dita, auf seinem Gong mit einem entsprechenden Klanggebilde, langgezogen und einförmig. Wie ein plötzlicher Aufschrei hingegen, der das Publikum im Saal tatsächlich erschrecken ließ, kommentierte Altmanns Saxophon den Anschluss Österreichs 1938, dazu verlas Schumann  Quellen zu aberwitzigen Vorschriften für die Ausschmückung der Orte anlässlich der Ankunft Adolf Hitlers. Anweisungen für eine diabolische, quasi-religiöse Inszenierung, die im sogenannten „Dritten Reich“ immer wieder ihre verführerische Wirkung tat. Und Waggerl in dieser Zeit sinngemäß: Jetzt gebe es nur noch eine Sünde, die zu zweifeln oder zu verneinen.

Dass man den gewaltigen Widerspruch zwischen dem (hochangepassten oder überzeugten?) Bekenntnis Waggerls zu einem Gewaltregime und den wundersam leichten und humorvollen Weihnachtsgeschichten nicht als reine Kakophonie erlebte, war der Ernsthaftigkeit, Konzentration und schließlich auch den Talenten des Trios zu danken. Die Musik kennt keine Worte. So wirkten Altmanns musikalische Interpretationen bekannter Weihnachtslieder, wie beispielsweise „Es kommt ein Schiff geladen“ auf dem Sopransaxophon, oder auch Naehrings sehr schöne Passagen auf dem  Marimbaphon naturgemäß  harmonisierend. Großer Anteil aber an der gelungenen Integration des Widersprüchlichen kam dem Autor und Vorleser Ludwig Schumann zu. Ihm gelang es, die ideologisch aufgeblähten Quellen ausschließlich gesammelt und ernsthaft, nicht aber anklagend oder denunziatorisch vorzutragen.  Der wohlklingenden Stimme des weißbärtigen Pastors und Schriftstellers aus Sachsen-Anhalt   hörte man immer gerne zu. Die Geschichten Waggerls  trug  er genau so lebendig vor, dass die feingesponnenen Texte ihren originellen  Witz und Einfallsreichtum offenbarten.

Eine der Geschichten erzählt vom schrecklichen Räuber Horrificus - rote Hosen, sieben Krummmesser im Gürtel. Horrificus ist der geborene Räuber. Schon dem Kind wird nachgesagt, es sehe so aus. Als er aber eines Tages Maria und dem Jesuskind begegnet und die Mutter lächelt, anstatt vor Angst zu erstarren, fällt der Schreckliche aus seiner Rolle. Er habe doch ein weiches Herz, behauptet Maria und siehe da, der Räuber, befreit vom Außenurteil, entdeckt sich selbst und tanzt für das Jesuskind. In dieser und anderen der Geschichten steckt eine Klugheit, die man nur schwer mit Waggerls Kommentaren zum NS vereinbaren kann. Das Rätsel bleibt. Nach 1945 gibt er sich wie viele unpolitisch. Nur noch „Friede, Humor und vollendeter Genuss“ sollen zählen. Jetzt lebt er nach eigener Aussage „fröhlich am Unrecht vorbei“.

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erstellt am 30.Nov.2016 | 09:27 Uhr

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