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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

04. Dezember 2016 | 17:12 Uhr

Konflikt mit Schule : Achtjährige will zu Hause lernen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Eileen Jäger hat sich von der Grundschule Plau am See abgemeldet. Den Eltern droht jetzt Sorgerechtsentzug

Eileen Jäger sitzt am Esstisch und löst Matheaufgaben – gemeinsam mit ihrer Mutter. Danach holt sie sich ein Buch, schreibt etwas auf, liest. Eileen Jäger ist interessiert, neugierig, fragt ihren Vater Lars Jäger Löcher in den Bauch. So entspannt, wie die Situation am Esstisch ist es nur auf den ersten Blick. Mutter Sylvia und Vater Lars Jäger sind beunruhigt. Jeden Moment könne es an der Haustür klingeln. „Wir haben Angst, dass unsere Tochter abgeholt wird“, sagt Lars Jäger. Von der Polizei. Denn Eileen Jäger, acht Jahre alt, wolle „lieber lernen, als zur Schule gehen“. Das hat sie auch ihrer Grundschule, der Kantor-Carl-Ehrich-Schule in Plau am See, mitgeteilt – in einem handschriftlichen Brief. Die Achtjährige hat sich von ihrer Schule abgemeldet.

Warum will Eileen nicht mehr zur Schule gehen? „Mir ist dort langweilig. Im Werken machen wir immer dasselbe“, erzählt Eileen. Ausschneiden, aufkleben, ausmalen. Das langweile die Schülerin. Schon zum Ende des ersten Schuljahres wollte Eileen nicht mehr hingehen. Doch Sylvia und Lars Jäger gaben noch nicht nach. Jetzt ist dies anders.

Vor gut einem Jahr zogen die Eltern gemeinsam mit ihren drei Kindern – Eileen ist die Jüngste – von Österreich zurück nach Deutschland. Im Nachbarland ist das sogenannte Homeschooling (Hausunterricht) erlaubt – in Deutschland nicht. Deshalb flatterte bereits wenige Tage später nach Abmelden vom Unterricht ein Brief vom Schulrat ins Haus der Jägers. „Uns wird mit Strafanzeige und Sorgerechtsentzug gedroht“, sagt Lars Jäger. Der Vater ist erbost darüber. „Niemand von der Schule hat einmal nachgefragt, warum Eileen nicht mehr zur Schule gehen will. Es hat kein Gespräch gegeben.“ Auch Sylvia Jäger versteht es nicht. „Wir haben Schule wie Schulrat angeschrieben und um Gespräche gebeten. Doch niemand meldet sich“, sagt die Mutter. Unsere Redaktion hakte nach. Schulleiterin Marion Kufahl war zu einer Stellungnahme nicht bereit. Das Bildungsministerium MV verweist auf die rechtlichen Grundlagen. „Die Erziehungsberechtigten hätten mit der Schulleitung oder dem zuständigen Schulrat das Gespräch suchen können, um sich nach den Möglichkeiten einer Selbstbeschulung in der eigenen Häuslichkeit hier im Land zu erkundigen. Nach mir vorliegenden Informationen ist dies leider nicht erfolgt“, teilte Pressesprecher Henning Lipski auf SVZ-Nachfrage mit.

Homeschooling – in vielen Ländern erlaubt
Das sogenannte Homeschooling kommt aus dem Amerikanischen. In den USA hat „Heimunterricht“ schon eine lange Tradition. Sogar in Deutschland. Bis 1938  war der Unterricht der Kinder in häuslicher Umgebung üblich. Bekannte Homeschooler waren u.a. Albert Einstein und Thomas Edison. In Deutschland besteht seit vielen Jahrzehnten Schulpflicht. In zahlreichen anderen europäischen Ländern ist Homeschooling erlaubt – Österreich, Irland und die Schweiz  gehören beispielsweise dazu.

Die Achtjährige hat sich mittlerweile einen Anwalt genommen – mit der Genehmigung ihrer Eltern ginge das. Dieser prüfe nun, inwieweit er bei Eileen eine Ausnahmeregelung erwirken kann. Die Gesetzeslage in Deutschland ist eindeutig. Einige Geister aber scheiden sich an der deutschen Schulpflicht. „Die in Deutschland bestehende allgemeine Schulpflicht ist einerseits eine große kulturelle Errungenschaft. Andererseits fragt sich, ob sie in Deutschland nicht zu rigide angewendet wird. Ich spreche insoweit von einer ,absoluten Schulpflicht‘. Aus meiner Sicht ist nicht die allgemeine Schulpflicht als solche, sondern ihre zu rigide Handhabung in Deutschland überaltert“, erklärt Prof. Dr. Franz Reimer von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Der Rechtstheoretiker hat sich bereits mehrfach mit dem Thema Homeschooling beschäftigt. Er rät Familien, denen mit Sorgerechtsentzug gedroht wird, sich rechtlich zu wehren und deutlich zu machen: „,Unserem Kind geht es gut; es lebt nicht unter einer Käseglocke, sondern kann seine Persönlichkeit und seine Beziehungen auch ohne Beschulung entfalten und entwickeln. Weder sein augenblickliches Wohl noch seine künftigen Entfaltungsmöglichkeiten sind von der Entscheidung gegen die Beschulung berührt‘“, verdeutlicht der Professor für Öffentliches Recht.

Gegen eine Beschulung außerhalb der Schule spricht sich dagegen Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aus: „Das Lernen in einer Schule, das Lernen mit anderen gemeinsam, ist ein wichtiger Teil der Bildungsbiographie von jungen Menschen. Die Schulpflicht ist eine große Errungenschaft; sie ist ein sehr hohes Gut in unserer Demokratie.“ Deshalb plädiert Ilka Hoffmann für den Besuch von Schulen, für die Schulpflicht. Sie rät zum Suchen eines Gesprächs mit den Eltern oder nach einer alternativen Schule. „Es sollte doch möglich sein, in diesem Fall eine Lösung zu finden“, sagt die Gewerkschaftsvertreterin.

Komplett gegen das System Schule ist auch Familie Jäger nicht. Zwei ihrer drei Kinder besuchen eine Schule – die Älteste das Lübzer Gymnasium, der Bruder die Förderschule in Dobbertin. Doch für die Familie steht fest: Die Plauer Grundschule wird Eileen nicht mehr besuchen.  

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erstellt am 28.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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