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Zeitung für die Landeshauptstadt

05. Dezember 2016 | 03:24 Uhr

Graffiti in Schwerin : Sprayer-Botschaft: „Ich bin da“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Graffiti – zwischen Kunst und Kriminalität: SVZ sprach mit dem Sozialarbeiter Olaf Hagen über mögliche Motivationen der Sprüher

Kreativität, Gruppengefühl, Grenzerfahrung, Selbstverwirklichung – das sind Motivationen, die die Uni Potsdam bei Sprayern ausmacht. Maren Ramünke-Hoefer sprach mit Olaf Hagen, Bereichsleiter Jugend- und Schulsozialarbeit bei der Sozial-Diakonischen Arbeit, Evangelische Jugend, über Graffiti heute in Schwerin.
Für den Lenkungskreis sind Graffiti zurzeit kein Schwerpunkt mehr. Sind Graffiti aus der Mode gekommen?
Olaf Hagen: Ich persönlich nehme wahr, dass sie weiterhin eine wichtige jugendkulturelle Rolle spielen. In Halle wird mit Graffiti Stadtentwicklung betrieben. Vielleicht haben die Präventionsansätze und die legalen Graffitiwände dazu beigetragen, dass es weniger unerlaubte Graffiti in der Stadt gibt. Vielleicht findet aber auch eine generelle Verlagerung jugendlichen Lebens in die Online-Welt statt.

Gibt es so etwas wie den typischen Sprayer?
Aus meiner Sicht gibt es den nicht. Nach meiner Beobachtung sind es häufiger Jungs und junge Männer, die sprayen, taggen oder mit Schablonen ihre Botschaften hinterlassen. Das „Einstiegsalter“ dürfte zwischen 12 und 14 Jahren liegen. Es gibt aber kein typisches Milieu, keine typische Musik in der Graffiti-Szene.
In Schwerin gibt es viele legale Graffiti-Flächen. Was motiviert Jugendliche trotzdem, illegal zu malen?
Legale Wände sind irgendwann voll und Workshops gibt es nicht jeden Tag. Manche wollen nicht legal Sprayen – weil sie vielleicht genau den Kick suchen oder im Verborgenen bleiben wollen mit ihren Botschaften. Und: Jugendliche wollen vorkommen in dieser Welt, wahrgenommen werden, Räume einnehmen, Räume erobern, ihre Umwelt gestalten, zeigen: „Ich bin da“.
Thema Edding-Schmierereien: Geht es da nur noch ums Kaputtmachen statt um Kreativität?
Die Form war schon immer da, nur die Mittel haben sich verändert und werden sich auch weiter verändern. Unsere Großväter haben noch mit Taschenmessern ihre Botschaften in Wände, Bänke, Tische und Bäume geritzt – heute werden Edding-Stifte und Laserstrahlen genutzt.
Was sollte man tun, wenn man den Verdacht hat, dass ein Freund oder das eigene Kind illegal sprüht?
Ich würde das Thema offen ansprechen, ein klares Interesse an dem Menschen und seinen Beweggründen äußern. Und ich würde auf mögliche straf- und zivilrechtliche Konsequenzen hinweisen, aber nicht als Beschuldigung, sondern als Ausdruck der Sorge um das Wohlergehen. Und ich würde mitteilen: Wir haben offen gesprochen, wenn du trotzdem beim nicht erlaubten Sprühen erwischt wirst, musst du auch die Konsequenzen tragen, zum Beispiel entstandenen Sachschaden begleichen.

Welchen Stellenwert haben Graffiti für Ihre Arbeit?
Die sind meines Erachtens kein wirklich drängendes Problem. Hass, Fremdenfeindlichkeit, physische und psychische Gewalt, Umweltzerstörung, Krieg, Hunger in der Welt … das sind Probleme, um die wir uns kümmern sollten. Und wir sollten uns um die Kinder und Jugendlichen kümmern, die in dieser Gesellschaft keine Perspektive mehr für sich sehen. Vielleicht sollten wir mehr Energie darauf verwenden, die Zeichen und Botschaften zu verstehen, statt ihre Erscheinungsformen permanent zu kriminalisieren.

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erstellt am 30.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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