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Zeitung für die Landeshauptstadt

29. September 2016 | 17:17 Uhr

Stichwahl in Schwerin : Oberbürgermeisterin gegen Oberarzt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Schweriner Duell zwischen Angelika Gramkow und Rico Badenschier bei der Stichwahl am Sonntag – Ausgang völlig offen

Rico Badenschier rackert. 14.30 Neumühle, 16.30 Friedrichsthal, 18.30 Warnitz – Leute ansprechen, Hände schütteln, für sich werben. Am Vormittag stand der Radiologe noch am MRT-Gerät in den Schweriner Helios-Kliniken. Seit 13 Uhr befindet er sich im Wahlkampfmodus. „Das kann ich mir nur leisten, weil ich Überstunden angesammelt habe“, sagt der 38-Jährige. Zwischendurch fallen ihm noch Wahlsprüche für neue Plakate ein. „Liebling, ich verrat es dir, jetzt wähl ich Dr. Badenschier.“ Der ist von ihm selbst.

Badenschier wirkt jungenhaft, ist im Gespräch humorvoll und intelligent. Der Oberarzt will Oberbürgermeister von Schwerin werden. Die Entscheidung fällt am Sonntag in der Stichwahl gegen die Amtsinhaberin Angelika Gramkow. Der SPD-Mann ist angetreten, die einzige Oberbürgermeisterin der Linken in einer Landeshauptstadt zu beerben. Doch Badenschier hat ein Problem. Bis vor kurzem war er in Schwerin kaum bekannt. In der Landeshauptstadt wohnt der gebürtige Chemnitzer, der allerdings nicht sächselt, seit 2008. In der Stadtvertretung sitzt er erst seit 2014.

Ergebnisse erster Wahlgang
Angelika Gramkow 31,6 %
Rico Badenschier 18,9 %
Simone Borchardt 18,2 %
Silvio Horn 16,1 %
Martin Lorenz  4,5 %
Stefan Timm    4 %
Frank Haacker  2,7 %
Martin Molter  2,3 %
Anita Gröger  1,5 %

Doch schon im ersten Wahlgang am 4. September holte er 18,9 Prozent der Wählerstimmen und landete hinter Angelika Gramkow auf Platz 2. Für viele eine faustdicke Überraschung. Jetzt will er es wissen. „Politik ist mein Hobby“, sagt der Vater von drei Kindern. Schon in den Jahren seines Medizinstudiums saß er als Abgeordneter im Studierendenparlament der Universität Marburg. „Als einziges Mitglied der sozialistisch-ökologischen Hochschulgruppe“, erinnert er sich. Zur Sozialdemokratie kam er allerdings viel später. 2009 hatte die Diskussion um eine Bürgerversicherung sein Interesse für die SPD geweckt. In Schwerin trat er in die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Gesundheitspolitikerinnen und Gesundheitspolitiker (ASG) ein und wurde im SPD-Ortsverein Paulsstadt aktiv.

Als die wichtigsten Aufgaben eines künftigen Oberbürgermeisters nennt Badenschier Ausbau und Modernisierung der Schulen, kooperativere Beziehungen zu den Umlandgemeinden und ein besseres Verkehrssystem.

Nicht jeder ist glücklich über die Ambitionen des Oberarztes auf den Oberbürgermeisterposten. „Ich wähle ihn nicht“, hatte ein Vorgesetzter im Klinikum kürzlich bei einem Empfang öffentlich gesagt, „weil ich ihn als guten Facharzt schätze und dringend brauche“. Jeder Mensch ist ersetzbar, meint dazu der Kandidat und lacht.

Im Gegensatz zu Badenschier hat seine Kontrahentin, Angelika Gramkow, jahrzehntelange Erfahrung im Politikgeschäft. 1991, gleich nach der Wende, wurde sie Landtagsabgeordnete der PDS, später Fraktionsvorsitzende und seit 2008 ist sie Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt. Ihr Bekanntheitsgrad ist wesentlich höher als der ihres Herausforderers. Doch gewonnen hat die Politikerin der Linken die Stichwahl damit noch nicht. Ihr Stimmenanteil von 31,6 Prozent beim ersten Wahlgang am 4. September ist kein berauschendes Ergebnis für eine amtierende Amtsinhaberin. Immerhin haben fast 70 Prozent der Wähler nicht nur für acht mehr oder weniger unbekannte Gegenkandidaten gestimmt, sondern gleichzeitig auch für einen Wechsel an der Verwaltungsspitze ihrer Stadt.

Dabei konnte die studierte Ökonomin in ihren acht Jahren als Oberbürgermeisterin durchaus Sympathiepunkte sammeln. Die Bundesgartenschau 2009 wurde gleich zu Beginn ihrer Amtszeit in jeder Hinsicht ein Erfolg. Daran hatte sie als Stadtoberhaupt und Repräsentantin ihren Anteil.

Mit Amtsantritt führte sie 2008 Bürgersprechstunden in allen Stadtteilen ein und organisierte regelmäßige Treffen mit Unternehmern. Für den frischen Wind in der Verwaltung bekam die Mutter von zwei Kindern Anerkennung. Gramkow gilt als gut vernetzt und hat enge Kontakte in die Landespolitik.

Doch Federn ließ sie 2013 als bekannt wurde, dass der Geschäftsführer des Nahverkehrs Schwerin (NVS), Norbert Klatt, engste Familienangehörige auf teils lukrative Posten in dem kommunalen Unternehmen gebracht hatte. Klatt blieb trotzdem an der Spitze und bekam einen zweiten gut bezahlten Geschäftsführer an die Seite gestellt. Die Oberbürgermeisterin begründete die Entscheidung, die dennoch für Kopfschütteln sorgte – auch weil später die Fahrpreise im Nahverkehr erhöht wurden und mancher gedanklich einen Zusammenhang herstellte.

Zur Hypothek im Wahlkampf, wie die Oberbürgermeisterin es selbst formuliert, wurde der Missbrauchsskandal im Schweriner Verein „Power for Kids“ . Ein Initiator des Clubs hatte jahrelang Jungen missbraucht. Anfang des Jahres kam heraus, dass das städtische Jugendamt mit Hinweisen auf die Missbrauchsserie falsch umgegangen war. Zahlreiche Fälle hätten verhindert werden können. Die Jugendamtsleiterin durfte trotzdem bleiben, ging später auf eigenem Wunsch.

Auch Angelika Gramkow will in den kommenden Jahren Schulen ausbauen und sanieren. Gehwege sollen zudem saniert und die Bürgerfreundlichkeit erhöht werden. Inhaltlich stehen die beiden Kontrahenten also nahe beieinander.

Die meisten Parteien in der Stadtvertretung haben ihren Favoriten bereits vor der Stichwahl am Sonntag benannt. CDU, Grüne und FDP sprachen eine Wahlempfehlung für den SPD-Kandidaten aus. Ob diese Unterstützung Oberarzt Rico Badenschier auf den Oberbürgermeisterstuhl hilft, wird am Sonntag nach der Stimmenauszählung voraussichtlich gegen 20 Uhr bekannt sein.

 

Die Amtsinhaberin

Geboren: 27. September 1958 in Grevesmühlen
Sternzeichen:  Waage

Ausbildung: 10. Klasse, Berufsausbildung mit Abitur,  Studium der Wirtschaftswissenschaften in Leipzig

Berufsweg:  Fachschullehrerin an der Fachschule für Finanzwirtschaft, später an der Berufsschule für Wirtschaft und Verwaltung in Schwerin

Partei:  1978 trat sie in die SED ein.

Politische Ämter: Von 1991 bis  2008 Mitglied des Landtages. Gleichzeitig Mitglied der Stadtvertretung Schwerin. Von 1999 bis 2006 Fraktionschefin im Landtag und von 2006 bis 2008 Vorsitzende des Finanzausschusses. Seit 2008 ist sie Schweriner Oberbürgermeisterin.

Familie: verheiratet, zwei Kinder
Konfession: atheistisch

 

Der Herausforderer

Geboren: 18. Juli 1978 in  Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz)
Sternzeichen: Krebs

Ausbildung: Abitur,  danach ein Jahr Zivildienst in Chemnitz, Medizinstudium  in Marburg und Kiel

Berufsweg: Arzt in Kiel und Itzehoe,  ein Jahr Elternzeit,  seit 2008 Radiologe und später Neuroradiologe an den Helios-Kliniken in Schwerin. Oberarzt

Partei: Seit 2009 Mitglied der SPD

Politische Ämter: Seit 2014 Mitglied der Stadtvertretung Schwerin,.  Stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Bauen, Stadtentwicklung und Verkehr

Familie: verheiratet, drei Kinder
Konfession: konfessionslos

 

 

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erstellt am 16.Sep.2016 | 11:45 Uhr

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