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Zeitung für die Landeshauptstadt

11. Dezember 2016 | 10:55 Uhr

Graffiti in Schwerin : „Nur“ 150 Schmierereien gemeldet

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Graffiti – zwischen Kunst und Kriminalität: Polizei nimmt deutlich weniger Anzeigen auf als noch vor sechs Jahren

Fassaden, Tunnel, freie Wände, Straßenschilder, Bänke, Briefkästen – wer in Schwerin mit offenen Augen durch die Stadt geht, findet sie überall: Graffiti. Das sind heute vor allem einfarbige Schriftzüge, großflächig gesprayt oder mit Edding gekritzelt. Viele Hauseigentümer scheinen die Bekämpfung aufgegeben zu haben: Entfernung und Neustreichen kosten viel Geld und niemand kann garantieren, dass am nächsten Tag nicht schon wieder Schmierereien dort prangen.

Auch für Verwaltung, Vereine und Polizei, die 2010 noch zur stadtweiten Allianz gegen Vandalismus und Gewalt aufriefen, viel Aufklärungsarbeit gerade an Schulen leisteten, ist das Thema inzwischen aus dem Fokus gerückt. „Die Lenkungsgruppe von damals gibt es zwar noch“, sagt Hauptkommissarin Heidi Liebmann. Aktuell brenne den Akteuren das Thema Gewalt an Schulen aber stärker auf den Nägeln.

369 Sachbeschädigungen durch Graffiti gab es zu Hoch-Zeiten der Aktion 2010, im Jahr zuvor waren es sogar noch 15 Prozent mehr.

Für das aktuelle Kalenderjahr verzeichnet die Schweriner Polizei bislang 150 Anzeigen wegen Graffiti. „Damit liegen wir deutschlandweit im Schnitt“, sagt Polizeisprecher Steffen Salow. Er geht aber davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liege, denn nicht jeder Eigentümer meldet Schmierereien bei der Polizei. „Diese Straftat wird nur auf Antrag verfolgt“, sagt Salow. Täter würden vor allem auf frischer Tat ertappt. Wenn eine typische Handschrift ausgemacht werde, könnten manchmal ganze Graffiti-Serien aufgeklärt werden.

Welche Strafe den Tätern dann blüht, entscheide sich nach den „ganz normalen Strafzumessungskriterien“, sagt Claudia Lange, Sprecherin der Schweriner Staatsanwaltschaft. Wie hoch ist der Schaden? Ist der Täter vorbelastet? Wie alt ist er? Zeigt er Reue oder hat er bei der Beseitigung des Schadens geholfen? Bei Jugendlichen griffen dann oftmals Arbeitsauflagen, ein erzieherisches Gespräch oder ein Täter-Opfer-Ausgleich. Wer allerdings verfassungsfeindliche Symbole schmiert, der kann mit einer Haftstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe rechnen. Die verbotenen Zeichen seien durch die Rechtsprechung gut definiert, so Lange. Bei Sätzen müsste jeder Einzelfall genau geprüft werden, etwa ob sie verfassungsfeindlich sind, sogar eine Aufforderung zur Straftat darstellen – oder eben nicht.

„Früher gab es so was nicht“, schimpft ein Passant am Obotritenring. Damit liegt er allerdings falsch. Graffiti hat man schon auf Tempeln, Gräbern und Felsen aus dem Alten Ägypten gefunden. In den darauf folgenden Jahrhunderten verbreiteten sich die Schriftzüge in der ganzen Welt. Für Wissenschaftler sind sie heute ein beliebtes Forschungsobjekt, weil sie Auskunft geben über Alltagsleben, Alphabetisierungsgrad und das, was die Menschen beschäftigte – von Gladiatorenkämpfen über Liebesspiel bis hin zu mathematischen Formeln. 1915 brachte Mao Zedong in den Waschräumen seiner Uni eine Schmähschrift über seine Lehrer und die Gesellschaft an. Mit 4000 Zeichen hält er damit den Weltrekord für das Graffito mit den meisten Zeichen. Weltgrößtes Graffiti-Objekt war übrigens die Berliner Mauer.

 

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erstellt am 28.Nov.2016 | 23:59 Uhr

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