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Zeitung für die Landeshauptstadt

06. Dezember 2016 | 09:12 Uhr

Neuanfang : Im Gefängnis zu Gott gefunden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vom Neonazi zum Pastor: Johannes Kneifel las im Schleswig-Holstein-Haus aus seiner Autobiografie und diskutierte mit dem Publikum

„Ein Nachmittag im August. Dunkle Wolken am Himmel. Mein Albtraum ist Wirklichkeit geworden.“ So beschreibt Johannes Kneifel den Tag, an dem er verhaftet wurde. Durch Schläge und Tritte hatte der damals 17-Jährige einen Menschen so sehr verletzt, dass er daran starb. Das Urteil: fünf Jahre Jugendgefängnis. Der Beginn einer großen Wandlung.

Kneifel, 1982 in Niedersachsen geboren, gehörte zur rechten Szene, heute arbeitet er als Pastor im Erzgebirge. Im Schleswig-Holstein-Haus las er gestern Abend aus seinem Buch „Vom Saulus zum Paulus: Skinhead, Gewalttäter, Pastor – Meine drei Leben“. Eingeladen hatten der Stadtschülerrat und die Konrad-Adenauer-Stiftung. Bis auf den letzten Platz gefüllt war der Saal. Intensiv die Lesung, die die Leiterin der Adenauer-Stiftung in Schwerin, Dr. Silke Bremer, als Beitrag zur Extremismus-Debatte kennzeichnete, intensiv auch die anschließende Diskussion.

Die vermeintliche „Endstation“ Knast wird für Kneifel zum Neuanfang. Er erlebt die Schikanen im Gefängnis, aber auch die Solidarität von Mithäftlingen, lässt seine politische Gesinnung hinter sich, findet zu Gott, bittet ihn um die Vergebung seiner Sünden.

Nach der Entlassung aus der Haft holt Kneifel sein Abitur nach, schließt sich einer Kirchengemeinde an. „Die Menschen gaben mir eine faire Chance“, sagt er heute.

Die Zuhörer im Schleswig-Holstein-Haus, darunter viele Jugendliche, zeigten sich berührt von der Offenheit, mit der Kneifel sein Leben schildert. „Mich beeindruckt ihre Lebensbeichte“, sagte ein Besucher. Ein anderer Gast fragte noch einmal gezielt nach dem Anstoß für den Wandlungsprozess vom Saulus zum Paulus. Große Bedeutung für seine Veränderung hätten die Gottesdienste im Gefängnis gehabt, unterstrich Kneifel. „Sie waren das Fenster zu einer anderen Welt.“

Und so musste Kneifel noch viele weitere Fragen beantworten – warum er sich nach einer technischen Ausbildung schließlich doch für das Theologie-Studium entschieden habe zum Beispiel oder wie sich die ehemaligen Kameraden aus der rechten Szene nach dem Gerichtsurteil verhalten hätten. Ob er noch in Kontakt zu Mithäftlingen stehe, wollte ein Zuhörer wissen, und welche Menschen seinen Rat als Seelsorger suchten. Ja, es seien manchmal schon Menschen, die sich ihm gerade wegen seiner Biografie anvertrauten, erklärte der Pastor.

Kneifel beendete seine Lesung mit einem eindringlichen Appell an die Gesellschaft: „Viele Menschen bekommen keine zweite Chance“, mahnte er und betonte zugleich die Orientierung, die Erwachsene jungen Leuten mit auf den Weg geben müssten. „Es ist wichtig für Jugendliche, dass sie ein Vorbild haben.“

Heute wird Kneifel noch mit Schülern in der Bertolt-Brecht-Schule ins Gespräch kommen. Dort findet ein Aktionstag zum Thema Extremismus statt.

 

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erstellt am 20.Jan.2015 | 12:00 Uhr

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