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Zeitung für die Landeshauptstadt

27. März 2017 | 04:47 Uhr

Berater und Internetfreak Alfons Rissberger will Internet-Universität : Fernstudium mit Computer

vom

Eine virtuelle Universität, eine Software-Schmiede mit 1000 Arbeitsplätzen, Investitionen von einer Milliarde Euro - das größte Vorhaben, was MV je gesehen hat, plant Alfons Rissberger jetzt in der Landeshauptstadt.

Schwerin | Ein Land für Visionäre: Eine Million Besucher, 300 Arbeitsplätze, 125 Millionen Euro Investitionen im neuen Freizeitpark Discoveryland in Goldberg, ein Logistikzentrum in Güstrow, in dem 8000 Beschäftigte Container vom Schiff auf die Schiene bringen, eine Magnetschwebebahn Transrapid, die auf ihrem Weg zwischen Hamburg und Berlin in Schwerin Halt macht, ein Drehkreuz in einem weltumspannenden Luftfrachtnetz mit Global-Transpark in Parchim. Größer, teurer, spektakulärer: In den letzten 20 Jahren kannten selbsternannte Investoren in MV keine Grenzen.

Doch das, was Alfons Rissberger jetzt in der Landeshauptstadt plant, stellt alles in den Schatten - es darf noch eine Nummer größer sein. Eine virtuelle Universität, eine Software-Schmiede mit 1000 Arbeitsplätzen, Investitionen von einer Milliarde Euro - das größte Vorhaben, was MV je gesehen hat - in Schwerin: "das nationale Projekt iLearnD.de", studieren im Netz, wann und wo man will - das ist der "Übergang vom Pferd auf einen modernen Pkw", ist Rissberger überzeugt.

Größenwahn eines Internetfreaks oder reale Chance? Für Rissberger ist die Frage längst beantwortet: 2012 solle der erste Student, die erste Gruppe, mit der Ausbildung an der virtuellen Uni iMeck.net starten. 90 Prozent der herkömmlichen Vorlesungen könnten so durch intelligente Software ersetzt werden, meint der 62-Jährige. Bis dahin solle im Großgewerbegebiet Göhrener Tannen in Schwerin eine Fabrik, die iMeck.org, aufgebaut werden, an der sich Rissberger selbst beteiligen wolle, die aber vor allem notwendige neuartige Lernsoftware herstellen solle - mit zunächst 50 Mitarbeitern. Der 100 Beschäftigte zählende Erfurter Softwareentwickler PDV sei bereit, einen Standort nach MV zu verlagern. Die "Besten der Besten" wolle er für das Projekt gewinnen. Klar - Rissbergers Leitspruch: "Nur das Beste oder nichts."

Die neu formulierten Pläne gleichen auffällig dem bereits vor Jahren vorgestellten Projekt einer virtuellen Uni in Schwerin, der Initiative "VirtusD". Erste Partner hatte Alfons Rissberger schon 2006 dafür gefunden, aus Politik und Wirtschaft, sagte er zumindest. Der gelernte Rundfunk- und Fernsehtechniker schafft es immer wieder mit ausdauernder bis zeitraubender Überzeugungskraft, sich in der Landesregierung und in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ob Staatskanzlei oder Wirtschaftsministerium, sie sind ihm alle erlegen. Rissbergers Grundsatz: "Ich knack sie alle, durch anhaltende Freundlichkeit auch bei Aggressionen."

Nur: Dabei ist es auch geblieben - eben eine virtuelle Uni. Mangelndes Verständnis und nicht ausgereifte Kommunikationstechnik hätten sein Projekt bisher scheitern lassen, weist der technikvernarrte Informatiker Bedenken zurück. Er habe "Unmengen Schwätzer erlebt" und noch immer gebe es massive Widerstände vor allem an den Universitäten gegen sein Projekt. Seltsam: Die Uni in Rostock und die Hochschule in Wismar sind seit Langem auf dem Weg. In Wismar lernen die Hälfte der Studenten im Fernstudium per Computer.

Dieses Mal soll es bei Alfons Rissberger klappen: Es ist sein "Lebensprojekt", das er seit 30 Jahren verfolge - E-Learning, das Lernen am und mit dem Computer, immer vernetzt, immer online. Auf die Frage, warum ausgerechnet im Großgewerbegebiet in Schwerin Göhrener Tannen eine Softwareschmiede entstehen soll, kontert Rissberger gern, dass auch der Weltkonzern SAP im baden-württembergischen Walldorf einmal klein angefangen habe.

Vorerst gibt es jedoch noch nicht einmal ein klares Konzept, wird aus Ministeriumsrunden beklagt. Wie auch: Für Rissberger ist das mehr die Aufgabe anderer. Wie schon bei der vor Jahren gestarteten bundesweiten IT-Initiative D21 sei er "Ideengeber und Moderator" für das Mega-Projekt. Er ist der "Berater der Berater". Das Konzept und vor allem aber die Investorensuche sei Sache der Projektgruppe, stellt er klar.

Für Rissberger steht der Plan längst, so zusagen virtuell: Eine Vorentscheidung sei gefallen. Mit Jura und Betriebswirtschaftslehre solle das Fernstudium am Computer beginnen. Auch dafür seien bereits "die Besten der besten Juristen im Boot". Nur so viel: Im März würden die Pläne vorgelegt, für die neue Uni und die neue Fabrik. Und dann klappt es auch mit den Investoren, ist er überzeugt. Konkrete Geldgeber könne er noch nicht nennen, sagt er. In der Öl- und Gas industrie stehe das notwendige Kapital bereit - vielleicht beim milliardenschweren russischen Energiekonzern Gazprom mit seinem Angestellten Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD), für den Rissberger einst als IT-Berater arbeitete und mit dem er sich gern fotografieren ließ.

Doch die Russen denken offenbar gar nicht daran, ihre Öl-Milliarden in ein Uni, dann auch noch in eine virtuelle in Schwerin zu stecken. Gazprom hat bislang weder etwas über das iMeck-Projekt gehört noch geplant, in die Uni zu investieren. Das stört Rissberger nicht: Er sei derzeit mit "20 Firmen im Gespräch".

Fürs Erste soll es aber eine öffentliche Finanzspritze tun. 250 000 Euro Anschub vom Land, schweben dem Ex-Hochschullehrer vor - fürs Konzept. Schließlich habe er selbst ja auch schon "10 000 Euro eigenes Geld in das Projekt gesteckt". Bei so viel Engagement verbittert ihn die Undankbarkeit des politischen Schwerins, gar der Kanzlerin. Beim ersten Arbeitsgruppentreffen der Uni-Gründer gab sich die Politprominenz noch die Klinke in die Hand - Staatskanzleichef Reinhard Meyer, Schwerins OB Angelika Gramkow, Linken-Fraktionschef Helmut Holter... Rissberger führt lange Listen von Unterstützern für seinen Lenkungsausschuss iLearnD.de an, von Uni-Professoren über Vorstandschefs, den Landtagsdirektor bis hin zu Bildungsminister Henry Tesch (CDU).

Zum Gründungstreffen der Projektgruppe in Hamburg hat sich indes nur ein Referent aus dem Ministerium angemeldet. Selbst die Kanzlerin zeigt ihm die kalte Schulter: Fünf Mails habe er Angela Merkel geschrieben, meinte Rissberger. "Stellen Sie sich vor, bisher wurde noch nicht eine beantwortet."


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erstellt am 30.Dez.2010 | 07:01 Uhr

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