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Zeitung für die Landeshauptstadt

04. Dezember 2016 | 21:24 Uhr

Lebenskünstler in Alt Meteln : Er sagt, wir brauchen mehr Utopie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lutz Turczynski plant Kinofilm mit Gregor Gysi, Campino und Cosma Shiva Hagen – und Öko-Ackergärten will er auch noch anlegen

Auf seinem Hof sieht es aus wie Kraut und Rüben. Sein Haus gleicht Willi Schwabes Rumpelkammer. Alles, was Otto-Normal nicht gebrauchen kann, dem gibt Lutz Turczynski seinen Sinn, einen Zweck – auf jeden Fall einen Platz. Gäste sind bei dem Alt Metelner auch nicht nur Gast. Sie müssen etwas beitragen zum Gesamtkonzept. Auch mal Dienstbote sein. „Können Sie schnell etwas im Supermarkt besorgen? Ich habe unverhofft Besuch bekommen“, fragt er freundlich. Die Tüte mit Einkaufsliste und Geld hat er zur Hand. Lutz Turczynski ist ein Lebenskünstler. Auf seiner Einkaufsliste steht an diesem Tag neben Rotwein und Zigarillos auch die Tageszeitung. Um genau zu sein, wünscht er sich zwei. „Ich lebe nicht realitätsfremd. Ich will schon wissen, was in der Welt passiert“, betont der ehemalige Berliner.

Vor 20 Jahren hat er das Leben in der Großstadt gegen den kargen Alltag an der Roten Flöte in Alt Meteln eingetauscht. Freiwillig. „Ich habe es nicht bereut und will auf keinen Fall zurück. Hier kann ich frei sein“, sagt Turczynski. Doch zunächst interessieren ihn der Einkauf und die Zeitungen nicht. „Dafür ist später Zeit“, sagt er und stellt die Tüte mit Rotwein, Zigarillos und Zeitungen im Flur ab. In den vergangenen 15 Monaten habe sich viel getan. Zu sehen ist das auf den ersten Blick nicht. Zwei neue Hunde gehören zum Ensemble an der Roten Flöte: Rosa und Clara.

Auch das Projekt der Öko-Ackergärten und der interfeministischen Frauentauschbörse steckt noch immer in den Kinderschuhen. „Leider ist keine Frau hier eingezogen, aber ich habe einen Mann, der mir beim beackern der Flächen hilft“, berichtet Turczynski. Dass ihm die Ideen nicht ausgehen, zeigt auch eine ganze Kollektion an Fledermaus-Nistkästen. „Das Holz ist von den Lauben in den Schweriner Waisengärten“, erzählt er. Zudem soll im Holzskelett der alten Scheune eine Aquaponikanlage entstehen. „Unten im Wasserbecken züchten wir Fische und darüber wachsen Pflanzen“, erläutert er sein Konzept. Für dieses Projekt habe er bereits eine Finanzquelle aufgetan. Für sein neues Filmprojekt fehlen noch Unterstützer. Um genau zu sein: ein Produzent. Das Drehbuch steht und mit Schauspieler-Kollegen aus Berlin probt er bereits erste Szenen. In den Hauptrollen sieht er Gregor Gysi als Opferanwalt, Campino von den Toten Hosen als Angeklagten, der sich dem Vorwurf stellen muss, sich einer jungen Dame unsittlich genähert zu haben und nun mehrere tausend Sozialstunden ableisten muss. „Auf meinem Hof in Alt Meteln selbstverständlich. Ganz ohne Geld und nüchtern“, erklärt Turczynski und erzählt von Startschwierigkeiten im „sozialistisch verklärten Hinterland“, von Konsum-Besuchen, Cosma Shiva Hagen als guter Fee und Konzerten vor leeren Stuhlreihen. Mit seinem „Heimat-Kehre-Film“, der neben vielen Pionierliedern auch westdeutsche Schlager beinhaltet, will er die Leute wachrütteln und unterhalten. „Er soll in jedem neuen Bundesland gezeigt werden, es soll ein Konzert geben und der Erlös soll als Anschubfinanzierung für ein Kinderheim dienen. FKK: Film, Konzert, Kinderheim ist das Ziel“, erklärt er seine Vision. Aber noch wissen weder Campino noch Gysi oder gar Cosma Shiva Hagen von ihrem Glück. Der Alt Metelner versucht, sie auf dem Postweg zu erreichen. Den neuen Medien hat er abgeschworen: „Das Internet zermanscht das Hirn, verramscht unser Wissen und macht uns zu fast kompletten Vollidioten. Wir brauchen mehr Utopie.“

Dass nicht wenige Turczynski für einen Spinner halten, interessiert ihn nicht: „Die Dummheit macht auch den dumm, der ihr begegnet“, sagt er, winkt ab und fügt zum Abschluss hinzu: „Rotwein und Zigarillos sind für meinen Besuch.“

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erstellt am 19.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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