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Zeitung für die Landeshauptstadt

08. Dezember 2016 | 01:10 Uhr

Schwerins Bauten : Die äußere Hülle der Justiz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gerichtsgebäude am Demmlerplatz wird 100 Jahre alt – Vortragsveranstaltung erinnert heute an wechselvolle Geschichte

Einzelhaft und nächtliche Verhöre, das ständige Gefühl der Angst:
In seinen autobiografischen Werken „Ein Kapitel für sich“ und „Im Block“ hat der Schriftsteller Walter Kempowski seine Untersuchungshaft in Schwerin eindrücklich beschrieben. 1948 wurde der Rostocker von einem sowjetischen Militärgericht im Justizgebäude am heutigen Demmlerplatz wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. „Durch die Schilderungen Kempowskis fand der Gebäudekomplex aus der Kaiserzeit Eingang in die Weltliteratur“, sagt der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, Jochen Schmidt.

Ein Justizpalast, monumental errichtet, eine Million Reichsmark teuer. In Europa tobte der Erste Weltkrieg, als das Gebäude in Anwesenheit von Großherzog Friedrich Franz IV. feierlich übergeben wurde – am 25. September 1916. Die Landeszentrale für politische Bildung und das Landgericht nehmen die Einweihung vor 100 Jahren zum Anlass, um heute um 17 Uhr in einer Festveranstaltung im Schwurgerichtssaal mit mehreren Vorträgen, unter anderem von Stadtarchivar Bernd Kasten, an die wechselvolle Geschichte des Hauses zu erinnern.

„Wer die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert studieren will, der kann das im Schweriner Justizgebäude sehr gut tun“, sagt Landeszentralen-Direktor Schmidt. In einer Publikation für die Landeszentrale für politische Bildung mit dem Titel „Das Schweriner Justizgebäude zwischen Obrigkeitsstaat und Diktatur 1916-1989“ hat der Autor Kai Langer die Historie des Gebäudes aufgearbeitet. So war das Schweriner Landgericht zwischen 1933 und 1945 auch Sitz des mecklenburgischen Sondergerichts. „Die Aufgabe der neuen Spruchkammer bestand vor allem in der strafrechtlichen Verfolgung kritischer Äußerungen gegen die NSDAP, den NS-Staat oder deren Führer und diente damit vor allem der Disziplinierung der Bevölkerung“, schreibt Langer.

Nach dem Einzug der Roten Armee in Schwerin wurde
das Justizgebäude 1945 zum Stützpunkt des sowjetischen Geheimdienstapparates. Langer: „In der überfüllten Untersuchungshaftanstalt saßen fast ausnahmslos deutsche Zivilisten ein, die einer Verurteilung durch das Sowjetische Militärtribunal entgegensahen. Auf der Grundlage geheimpolizeilicher Ermittlungen, die sowohl physische als auch psychische Zwangsmethoden beinhalteten, fällte es eine Flut politisch motivierter Unrechtsurteile, die mit drakonischen Strafen endeten.“ Prominentes Beispiel: Walter Kempowski.

1954 übernahm die Schweriner Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit die Rechtsträgerschaft für das Gebäude. „Bis zum Zusammenbruch der SED-Diktatur 1989 erfolgte von hier aus die Planung und Koordinierung von Maßnahmen zur Einschüchterung und Bekämpfung politisch Andersdenkender im Bezirk Schwerin. In der Untersuchungshaftanstalt saßen erneut Menschen ein, bei deren Strafverfahren politische Interessen über das Recht dominierten“, notiert Kai Langer.

Mit der friedlichen Revolution von 1989/90 wurde der Komplex am Demmlerplatz wieder an die Schweriner Justiz übergeben, kehrte Rechtsstaatlichkeit ein. Das Gebäude beherbergt heute das Land- und das Amtsgericht. Im ehemaligen Gefängnistrakt ist das Dokumentationszentrum des Landes für die Opfer der Diktaturen in Deutschland untergebracht. Gerade erst wurden Pläne vorgestellt, nach denen das Haus zu einem Justiz-Zentrum mit allen Fachgerichten ausgebaut werden soll (SVZ berichtete).

„Recht muss doch Recht bleiben.“ Dieser Satz ist über dem Schwurgerichtssaal zu lesen. Zu Zeiten, in denen im Justizgebäude politische Urteile gefällt wurden, erschien die Mahnung den Angeklagten wohl als Hohn. „Das Gebäude selbst gibt der Justiz nur eine äußere Hülle“, heißt es in der Einladung zur heutigen Vortragsveranstaltung. „Erst durch die Arbeit der Menschen, welche mit den Gesetzen und Bestimmungen der jeweiligen Zeit am hiesigen Ort umgingen und heute umgehen, wurde es mit Leben erfüllt.“

Für die Veranstaltung im Schwurgerichtssaal gibt es noch wenige freie Plätze. Interessierte können sich unter der Telefonnummer 0385-74529911 im Dokumentationszentrum anmelden.

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erstellt am 29.Sep.2016 | 12:00 Uhr

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