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Zeitung für die Landeshauptstadt

07. Dezember 2016 | 09:40 Uhr

Wende im Crivitzer Fassadenstreit : Baufreiheit oder Wildwuchs?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Stadtvertreter heben Gestaltungssatzung für die Altstadt auf: Weg für Café im alten Kaufhaus frei

Die Crivitzer Stadtvertreter haben im „Fassadenstreit“ zum weitreichendsten aller Mittel gegriffen: Per Mehrheitsbeschluss hoben sie am Montagabend die Gestaltungssatzung für den Altstadtkern komplett auf. Damit können an Altstadthäusern oder bei Neubauten in Lücken nun auch bunte Fassaden, Fenster und Türen aus Kunststoffen, verzierende Holzelemente, Flachdächer, große Werbetafeln oder Leuchtreklamen angebracht werden. Dinge, die es zum Teil schon gibt, die aber laut der 1993 erstellten und 2005 überarbeiteten Satzung unlässig wären.

Damit ist der Weg frei, um im Alten Kaufhaus neben dem am Montag eröffneten Spielzeugladen auch einen Treffpunkt mit Café zu errichten. Inhaberin Anna Schade möchte das zur Großen Straße hin offen gestalten, die Fassade aufreißen und zudem mit Holzelementen gestalten. Um den entsprechenden Antrag auf Abweichung von der Gestaltungssatzung gab es in den zurückliegenden Monaten viele Auseinandersetzungen: Der städtische Bauausschuss stimmte dem Projekt nicht zu. Die Stadtvertretung genehmigte es dennoch. Dagegen wiederum legte Amtsvorsteherin Heike Isbarn Widerspruch ein (SVZ berichtete). Noch bevor am Montagabend dieser Widerspruch zurückgewiesen wurde, hob die Versammlung die komplette Satzung auf. Bürgermeisterin Britta Brusch-Gamm betonte bei ihrer Antragstellung, dass es nicht um eine Einzelfall-Entscheidung für oder gegen Anna Schade geht, sondern um gleiches Recht für alle und die Abschaffung einer nicht mehr zeitgemäßen Einschränkung für Hauseigentümer und Investoren. Brusch-Gamm listete eine Reihe von Verstößen gegen die Satzung auf - mit und ohne Genehmigung auf Abweichung von der Satzung. Allen Betroffenen droht jetzt kein Ungemach mehr, da die Satzung aufgehoben wurden. Anna Schade kann nun ihren Bauantrag fürs Café einbringen. Und da dieses Projekt nicht gegen das allgemeine Baurecht verstößt und da das Anfang der 1940er-Jahre errichtete Ziegelgebäude kein Denkmal ist, steht dem Vorhaben nichts mehr im Wege, so die Einschätzung der Baufachleute.

Doch einfach machten sich die Stadtvertreter diese Entscheidung nicht. Und sie fiel nicht einstimmig. Vor allem aus dem Bauausschuss kam Widerspruch, weil sich die Stadt mit einem Federstreich dieser Möglichkeit der Einflussnahme auf das historische Stadtbild beraubt – und das zudem im Schnellverfahren, wie auch Hardy Ulrich vom Verein Netze schon in der Bürgerfragestunde heftig kritisierte. Der Großteil des 70-köpfigen Publikums quittierte die Entscheidung der Stadtvertreter jedoch mit Applaus.

Kommentar

Bauherren in der Pflicht

Über das Pro und Contra bei so einer Ortsgestaltungssatzung lässt sich trefflich streiten. Das haben die Crivitzer gemacht. Oft fair. Doch leider zielten einige auch unter die Gürtellinie. Das muss ein Ende haben. Die Entscheidung ist gefallen. Viel wichtiger sind zudem die Dinge, die jetzt in der Altstadt geschehen. Da kommt es mehr denn je auf die Bauherren an. Die haben mehr Freiheiten erhalten – aber auch die Pflicht, das Stadtbild nicht zu verschandeln. Eigentümer und Investoren können sich zudem immer noch Anregungen aus dieser Satzung holen – ohne Zwang, sich Punkt für Punkt daran zu halten.

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erstellt am 09.Nov.2016 | 12:00 Uhr

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