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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

08. Dezember 2016 | 10:50 Uhr

Rothen : Über Grenzen von Kukuk zu KuKuk

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Ein Kunstprojekt verbindet ein Dorf aus der Region mit einem gleichnamigen Verein in Belgien. Daniela Melzig aus Rothen bezieht Position zu Europa.

Sie hat viel Temperament und lacht gern. Doch geht es um die künstlerischen Themen wird Daniela Melzig ernst. Bei der Kunst-Tour Mestlin-Rothen-Kaarz, an den vergangenen zwei Wochenenden zu „Kunst Heute“ im Landkreis Ludwigslust-Parchim veranstaltet, wählte sie aus dem aktuellen Geschehen, über das die Tageszeitung
berichtet hatte, Themen aus. Und die Besucher sollten nicht nur zuschauen, was die Glaskünstlerin daraus macht, sie bekamen in Workshops Gelegenheit, sich hinzusetzen und selbst zu betätigen.

Nachmittags wurde davon reichlich Gebrauch gemacht, freut sich Melzig. Das Atelier war gut gefüllt. Dass eine Frau sich eifrig ans Werk macht und ihr Mann mit der Tasche über der Schulter nur zuschaut, war die Ausnahme. Eine Familie, die von Schloss Kaarz gekommen war, sei drei Stunden geblieben und habe eine Reihe von Drucken angefertigt. Auch ein Vater und sein Sohn sowie ein Pärchen hätten super zusammengearbeitet. „Und es war sehr nett, sich mit den Leuten zu unterhalten“, resümiert die Künstlerin. Vorlagen und Glasplatten bewahre sie auf, um mit den Drucken aus der Gemeinschaftsarbeit eine Ausstellung vorzubereiten.


Acht Jahre parallel hier und in Belgien


„Ich brauche Gesellschaft, um Kunst machen zu können“, sagt Melzig. Deshalb öffnet sie zu bestimmten Anlässen gern ihr Atelier. „Transparente Welten“ so der Anspruch, über Grafik, Installation und Multimedia künstlerisch umgesetzt. Die Glaskünstlerin engagiert sich auch ehrenamtlich, hat den Kunstverein Grebbin mit gegründet, sich dort hineingekniet und nichts vom Land gesehen, wie sie heute sagt, und acht Jahre lang gleichzeitig in Belgien gearbeitet, somit zusammengenommen monatelang auf der Autobahn verbracht, bevor sie in MV „2009 definitiv angekommen ist“.

Kontakte aus ihrer Vergangenheit bewahrt Melzig für die Gegenwart. Im Herbst 2014 lud der deutsch-belgische Kulturverein KuKuk sie ein, die Fensterscheiben eines alten Zollhauses mit Glasdrucken zu gestalten. In der Zeit näherte sich die Flüchtlingswelle nach Europa ihrem Höhepunkt. So wurden an fünf Ausstellungsorten in MV und der Grenzregion Euregio Rhein-Maas gleichzeitig Werke und Installationen zur aktuellen politischen Situation ausgestellt. Daniela Melzig kam
angesichts der Namensgleichheit auf die Idee, Kukuk, das kleine Dorf in der Nachbargemeinde Hohen Pritz, und den Kulturverein KuKuk weit westlich miteinander zu vernetzen. Kukuk zu KuKuk war geboren, über Grenzen hinweg die Operation Kuckuck. Der Vogel lege seine Eier zum Brüten in fremde Nester. So warb das Kunstprojekt für Offenheit, Toleranz und Mitgefühl gegenüber allen Schutzsuchenden.

Für sie sei wichtig, Position zu beziehen, sagt die Künstlerin aus Rothen. „Ich bin für Europa.“ Ihr Leben hat sie so geprägt. In Bielefeld geboren, wollte sie mit 15 Künstlerin werden, doch ihre Eltern wollten das nicht. Dank Interesse an Biologie und Chemie lernte Melzig chemisch-technische Assistentin, machte ihr Fachabitur und begann in Aachen ein Studium in Umwelttechnologie. Doch das passe nicht zu ihrem Temperament, habe jeder gesagt, der sie kannte. „Und durchquälen wollte ich mich sowieso nicht.“ Die junge Frau reiste viel ins Ausland. Um das zu finanzieren, habe sie dort Jugendcamps geleitet, als 21-Jährige Verantwortung für rund 150 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren getragen. Dann erfüllte sich der Traum, an der Akademie für Bildende Künste in Maastricht zu studieren. Es seien harte viereinhalb Jahre gewesen, die Regeln für Studenten in den Niederlanden viel strenger. Mit der Arbeit in einem medizinischen Labor habe sie das Studium selbst finanziert und dabei in einem Grenzort in Belgien günstiger gewohnt.


13. November 2015: Den Tag vergisst sie nie


Projekte, Ausstellungen, die Gründung von Künstlergruppen und Galerien hätten den Anstoß gegeben, nach 20 Jahren in Kunsthandwerk und Produktdesign Kunstpädagogik zu studieren, um kreativ mit jungen Menschen arbeiten zu können. Die Bewerbung an der Privaten Beruflichen Schule „ecolea“ in Schwerin klappte auf Anhieb. Dies war der erste Schritt nach Mecklenburg, der zweite eine erfolgreiche Ausstellung mit Glasdrucken im Kulturhaus Mestlin.

Einen Tag vergisst Daniela Melzig nie – den 13. November 2015. Sie baute ihre Ausstellung in Belgien ab und ganz nahe wurde Paris zehn Monate nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ erneut von Terror erschüttert, durch den zig Menschen den Tod fanden. Zurück in Rothen ist Melzig mehr denn je überzeugt, dass Europa weiter zusammenwachsen müsse. Und mit ihrer Kunst bekenne sie sich dazu.

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erstellt am 10.Okt.2016 | 21:00 Uhr

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