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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

08. Dezember 2016 | 10:53 Uhr

Dorfkirche Ruchow : Mit Stickstoff gegen Holzwürmer

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Der Altar der Ruchower Dorfkirche wurde zum Begasen rundum mit Folie eingehüllt. Für den Anstrich der festen Teile ist es aber schon zu kalt.

Die restaurierten Orgeln haben länger Pause. Dafür brummt in der Ruchower Dorfkirche gleichmäßig ein Generator. Er bläst seit Freitag Stickstoff in ein Folienzelt, das den Altar umschließt. Ein wenig, allerdings um mehrere Nummern kleiner, erinnert es an Verhüllungskünstler Christo. Sie werden manches Mal auf diesen Vergleich angesprochen, bestätigen Mandy Breiholdt und Annette Voss von der Firma Holzrestaurierungen Breiholdt & Voss aus Schwerin schmunzelnd. Doch wenn sie etwas mit Folie einhüllen, dient das einem ganz praktischen Zweck – wie jetzt in der Ruchower Kirche.

Nach dem Einhausen, so der Fachbegriff, wird Stickstoff hinein geblasen, um den Holzwurm im luftdicht umschlossenen Altar zu bekämpfen. Diesem hat der Schädling arg zugesetzt. Es bedurfte sogar eines Gestells für die Aluverbundfolie, damit sie nicht direkt auf dem brüchigen Altar aufliegt und ihn womöglich schädigt, so Mandy Breiholdt.


Dieses Verfahren kommt ohne Chemie aus


Vorteil der Begasung mit Stickstoff sei, dass dieser im Unterschied zum Anstrich in die Tiefe gehe, den Holzwurm in jedem Stadium – Käfer, Larven und Eier – abtöte, sind die Restauratorinnen überzeugt. Zudem schone dieses Verfahren das Holz, Malereien darauf und die Umwelt, weil es ohne Chemie auskomme.

Am vergangenen Freitag hat die so genannte Spülphase begonnen. Der Generator läuft ständig, um den Sauerstoffgehalt im Zelt gegen Null zu bringen und der Holzschädling erstickt. Ziel sind maximal 0,4 Prozent. Die Atemluft des Menschen enthält 22 Prozent, das andere ist Stickstoff. Am ersten Tag habe sich der Sauerstoffgehalt halbiert, doch so schnell gehe es nicht weiter. „Es dauert zum Ende hin immer länger, die Prozente weiter herunter zu bekommen“, sagt Annette Voss. „Doch bisher läuft es so, wie wir uns das vorstellen.“ Zum Ende der Woche müsste der angestrebte Wert erreicht sein, rechnen die Restauratorinnen. Sie sind beinahe täglich vor Ort, um zu kontrollieren, auch die Temperatur. Das Folienzelt wird beheizt, damit 20 Grad herrschen. Sonst wären die gefräßigen Larven, die den Schaden anrichten, zu inaktiv, ihr Stoffwechsel verlangsame sich stark, und sie könnten überleben, obwohl kaum Sauerstoff vorhanden ist. Die Löcher, die mancher von alten Möbeln kennt, verursacht der Käfer, der ausfliegt, um woanders neue Eier abzulegen, das zerstörerische Werk im Holz erledigen die Larven.

Sei der Sauerstoffgehalt auf 0,4 Prozent reduziert, laufe der Generator nicht mehr durchgehend, erklärt Mandy Breiholdt, aber um sicher zu gehen, werde er bei Bedarf wieder eingeschaltet, „denn zu 100 Prozent ist auch solche Folie nicht dicht“. Die Bekämpfung des Schädlings dauere dann drei Wochen.

Zum Schluss werde kontrolliert, so Breiholdt. „Wir haben einen Prüfkörper mit hinein gelegt, der vom Hausbock befallen ist. Käfer und Larven sind größer und resistenter als beim gewöhnlichen Nagekäfer, mit dem wir es hier in der Kirche zu tun haben. Der ist mit Sicherheit bekämpft, wenn der Hausbock im Prüfkörper nicht überlebt hat.“

Eine Garantie, wie lange die Holzwürmer ausgemerzt sind, gebe es freilich nicht. Die Begasung bekämpfe den Schädling, wirke aber nicht vorbeugend. Zumal Kanzel und Patronatsgestühl noch nicht behandelt sind. Fest eingebaut, soll das mit einem Anstrich geschehen. Doch dafür sei es inzwischen zu kalt, erfuhr Stefanie von Laer, Vorsitzende des Fördervereins „Historische Orgel zu Ruchow“, von der beauftragten Firma Brodowski in Güstrow. Dort wurden die Kirchenbänke im Container begast. Kanzel und Patronatsgestühl dafür abzubauen, sei aber unmöglich gewesen. Sie ließen sich auch nicht vor Ort begasen, weil die Einhausung stets rundherum nötig sei.


Richtiger Zeitpunkt im Frühjahr wichtig


Laer ärgert „die Flickschusterei“ der Schweriner Kirchenkreisverwaltung, die sie vor zwei Jahren auf das Problem mit dem Holzschädling hingewiesen habe. Als beide Orgeln ein Jahr zur Restaurierung waren, wäre es am einfachsten und kostengünstigsten gewesen, den Holzwurm gleichzeitig in der gesamten Kirche zu bekämpfen. Nun hofft sie auf den richtigen Zeitpunkt im Frühjahr, wenn es für einen wirksamen Anstrich warm genug ist, aber noch nicht zu lange und die Käfer nicht massenhaft umhergeflogen sind. Das heißt allerdings auch, bei den nächsten Veranstaltungen, das Benefizpunschkonzert am 4. Dezember sowie zu Weihnachten, auf Wärme zu verzichten. 

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erstellt am 18.Okt.2016 | 21:00 Uhr

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