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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

07. Dezember 2016 | 09:39 Uhr

Serie : Raritäten im Sternberger Kuchen – Teil 9 : Die Schnecke, die ihr Gehäuse dekoriert

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Lastträgerschnecken waren schon vor 28 Millionen Jahren ein Wunder der Natur.

Sie sind Designer, Architekten und Monteure zugleich und damit wahre Meister, wenn es darum geht, ihr kegelförmiges Gehäuse zu gestalten und kunstvoll zu verzieren. Gemeint sind die Lastträgerschnecken, die in der Oberkreide (vor 95 Mio. Jahren) mit ihrer Entwicklung begannen und heute mit der Gattung Xenophora mit 26 Arten bzw. Unterarten in den tropischen und subtropischen Meeren vertreten sind. Sie besiedeln nicht nur Flachwaserbereiche, sondern sind auch in der Tiefsee bis 1500 Metern anzutreffen. Als Weidegänger grasen sie Algenmatten ab oder strudeln Detritus. Das außergewöhnliche Verhalten, vom Meeresboden Fremdkörper aufzulesen, um damit die Oberfläche ihres Gehäuses zu dekorieren, macht diese Schneckengattung einzigartig. Von ihrer Tätigkeit leitet sich der Name ab, „Xenophora“ bedeutet aus dem Giechischen übersetzt „die Fremdträgerin“.

Neben Schnecken- und Muschelschalen, Seeigelstacheln, Haizähnen oder Korallenästen werden Steine und – manchmal auch exotische Dinge wie Glasscherben und Kronkorken für die Deko verwendet. Der Einbau selbst unterliegt bestimmten Gesetzmäßigkeiten. So werden Muschelschalen stets mit der Innenseite nach oben befestigt und längliche Fremdkörper (wie z.B. Turmschnecken) typisch radiär angeordnet. Hierbei besitzen die verschiedenen Arten, aber auch einzelne Individuen, durchaus Vorlieben für bestimmte Objekte.

Die Anheftung der gesammelten Gegenstände ist ein langwieriger Prozess, der bis zu zehn Stunden in Anspruch nehmen kann. Hierzu muss zunächst die spätere Kontaktstelle am Gehäuse gereinigt werden, bevor die Schnecke den gesammelten Gegenstand mit Hilfe von Kopf und Fuß an die gewünschte Stelle positioniert. Fixiert wird das Objekt schließlich durch vom Mantelrand abgeschiedene, klebrige Sekrete. Während diese langsam aushärten (kein Sekundenkleber!), muss die Schnecke in einer Art Ruhezustand verharren, um den Einbau nicht zu gefährden.

Warum die Schnecken solch einen Aufwand mit der Bautätigkeit und Gestaltung ihres Gehäuses betreiben, ist bis heute nicht wissenschaftlich erforscht. Als mögliche Theorien werden Tarnung und gleichzeitig mechanische Abwehr von Fressfeinden, Oberflächenvergrößerung zur Vermeidung eines Einsinkens in weiche Meeressedimente oder Stabilisierung des Gehäuses bei starker Strömung in Betracht gezogen.

Die Abbildung zeigt die Gehäuse von zwei heutigen Arten, links als „Steinsammler“, eine Xenophora corrugata, und rechts, als „Muschel- und Schneckensammler“ – eine Xenophora pallidula. Beide Exemplare stammen aus der Sammlung Pierre Schröder, Münstermaifeld.

Im Sternberger Gestein sind Lastträgerschnecken nur mit einer Art vertreten und darüber hinaus äußerst selten zu finden. Von den ehemals vorhandenen Dekomaterialien auf ihren Gehäusen sind immer nur Reste rudimentär überliefert. Auf einem Handstück aus meiner Sammlung ist in der zweiten, obigen Abbildung eine Tugurium (Trochotugurium) scrutarium zu sehen, die von mir 2014 in der Kiesgrube Kobrow gefunden und von meinem Freund Harry Rauch in mehrstündiger Arbeit meisterhaft präpariert wurde. Wie die Schalenreste auf dem Gehäuse verraten, war dieses Exemplar eindeutig ein „Muschelsammler“!

 






























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erstellt am 06.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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