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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

09. Dezember 2016 | 10:39 Uhr

Serie: "Sternberger Kuchen" – Teil 12 : Die Igel der Meere

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Beim Beitrag unseres Autors Detlef Uebersohn geht es diesmal um Seeigel.

Durch Zufallsfunde wurde schon der vorgeschichtliche Mensch auf die außergewöhnlichen Formen und Muster fossiler Seeigelreste aufmerksam. Da man ihre Entstehung nicht erklären konnte, wurde eine übernatürliche Schöpfung angenommen und man maß ihnen heilbringende und Unheil abwendende Kräfte zu. So finden sich bearbeitete und unbearbeitete versteinerte Seeigel bereits auf Siedlungsplätzen der Jungsteinzeit und als Grabbeigaben in Bestattungen der Bronzezeit.

Im Volksglauben wurde der Mythos von einer übernatürlichen Kraft, der von Versteinerungen ausgeht, über Jahrhunderte bis ins Mittelalter beibehalten und weiter kultiviert. Im deutschsprachigen Raum wurden die Seeigelreste als Krötenkrone und -steine, Schlangeneier, Knopfsteine, Seeäpfel und Davidschleudersteine bezeichnet und für therapeutische Zwecke bei einer Vielzahl von Krankheiten (z.B. Halskrankheiten, Augenleiden, Neuralgien) eingesetzt. Darüber hinaus sollten sie gegen das Sauerwerden der Milch helfen und, als Amulett getragen, vor Verhexungen und den „Bösen Blick“ bewahren.

Erst im Zeitalter der Aufklärung, mit Fortschreiten naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, erkannte man den wahren Ursprung der bis dahin Lusus Naturae (Naturspiel) genannten Fossilien. So schreibt R. A. VOGEL in seinem 1776 erschienenen Buch „Practisches Mineralsystem“

Zitat: „... sind theils versteinte Schalen, theils Kerne von Seeigeln: denn die lächerlichen Meynungen, daß es Donnersteine, oder versteinte Schlangeneyer, oder Steine, so in alten Kröten erzeuget, seyn sollten, sind gänzlich abgekommen. Sie sind gemeiniglich halbkugelicht, und haben zwey Oeffnungen, welche theils oben und unten, theils beyde auf der platten Seite an verschiedenen Stellen sind, davon die eine für den Mund, und die andere für den Hintern gemacht ist.“

Obwohl immer noch als Reste der Sintflut angesehen, wurden Versteinerungen fossiler Seeigel nun als solche erkannt. Gleichzeitig erfolgte aufgrund der festgestellten Symmetrie und der Lage der Mund- und Afteröffnung, eine Unterscheidung zwischen regulären und irregulären Seeigeln, die heute noch Gültigkeit besitzt.

Die seit dem Erdaltertum (mittleres Ordovizium, ca. 450 Mio. Jahre) rein marin lebenden und zum Stamm der Stachelhäuter (Echinodermata) zählenden Seeigel (Echinoidea) bewohnen heute mit fast tausend Arten alle Regionen der Ozeane, von der Küstenzone bis in die Tiefsee. Sie leben, überwiegend gesellig, als Weidegänger auf Hart- und Weichböden, in Seegraswiesen und in Sanden eingegraben. Einige Arten haben sogar die Fähigkeit entwickelt, sich mit ihren Mundwerkzeugen in Gestein einzubohren.

Während fossile Seeigelreste aus der Kreidezeit in Norddeutschland recht häufig als Steinkerne (Feuerstein) zu finden sind (z.B. beim Strandspaziergang an der Ostsee), sind Funde fossiler Seeigel im Sternberger Gestein äußerst selten.

Die Abbildung zeigt ein Handstück, gefunden in der Kiesgrube Kobrow, mit einem für seine Art (Arbacina pusilla) ungewöhnlich großen (1,5 cm), regulären Seeigel und zum Vergleich einen heutigen, ebenfalls regulären Grünen Seegraswiesen-Seeigel (Salmacis sphaeroides). Beide Exponate entstammen der Sammlung der Parchimer Dipl.-Geologin Karina Thiede und ihres Ehemannes Nils.
 Detlef Uebersohn




































 

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erstellt am 18.Nov.2016 | 05:41 Uhr

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