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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

11. Dezember 2016 | 11:01 Uhr

Sternberg : Baumkletterer am Sternberger See

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Riesige Pappeln am beliebtem Spazierweg wurden zum ersten Mal bis in die Höhe ausgeschnitten, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.

Die derzeit noch wenigen Spaziergänger am Sternberger See blieben stehen und schauten dem mitunter akrobatischen Treiben in Schwindel erregender Höhe erstaunt zu: An Wittingsbach und Mühlenkamp wurden gestern und am Dienstag riesige Pappeln ausgeschnitten, um die Verkehrssicherheit auf dem bei Spaziergängern beliebten Weg zu gewährleisten. Fünf Baumkletterer holten jede Menge Totholz aus den Baumkronen, teils armdick und stärker.

„Bis in diese Höhe lassen wir das zum ersten Mal machen. Sonst wurde herausgeschnitten, was von unten mit einer langen Leiter erreichbar war“, sagt Jochen Gülker, Leiter für Stadt- und Gemeindeentwicklung im Amt Sternberger Seenlandschaft. Wobei auch das zehn bis 15 Jahre zurückliege. „Ganz oben war noch keiner“, so Gülker. Für den Einsatz von Technik, etwa der Drehleiter der freiwilligen Feuerwehr, bestehe bei dem weichen Untergrund keine Chance. Schwere Fahrzeuge würden dort vielleicht hinein-, aber garantiert nicht wieder herauskommen.


Andere Firmen winkten ab – zu gefährlich


Die Bäume hätten über 40 Jahre hinter sich, mindestens, eventuell weit mehr, schätzt Gülker. Bei Pappeln lasse sich das genaue Alter schwer sagen, wenn man nicht wisse, wann sie gepflanzt wurden. Und darüber gingen die Meinungen weit auseinander. Die Stadt habe schon mehrfach versucht, „eine Firma für diese Arbeit zu bekommen“, doch nachdem die eine oder andere hier gewesen sei, habe sie abgewinkt – zu gefährlich. Jetzt fanden sich endlich Baumkletterer. „Wir sind alle selbstständig. Ich habe den Auftrag bekommen und mir dann Berufskollegen dazu geholt“, erklärt Ben Lock von der gleichnamigen Firma für Baumpflege und Holzarbeit. Er ist in einem kleinen Dorf bei Herrnburg im äußersten Nordwesten des Landes zu Hause.

„Es ist für uns Firmenphilosophie, ohne Angestellte zu arbeiten.“ So ließe sich eine Auftragsflaute, die in dem Metier immer wieder mal eintreten könne, leichter überbrücken. Und bei Bedarf würden selbst fünf bis zehn Baumkletterer zusammenarbeiten, manchmal nur drei oder gar zwei, ganz nach dem, was anfällt. „So sind wir flexibel und können jeden Auftrag übernehmen“, sagt Lock.


Erstmal Vertrauen in die Bäume und Seile


Er verfüge über eine Ausbildung als Fachagrarwirt für Baumpflege und -sanierung. Das entspreche in etwa einem Meister. Eine höhere Qualifikation gäbe es nicht in dem Metier. Zudem müsse der Kletterschein erworben werden. Der gelte dann ein Leben lang, während die Ausrüstung jährlich von einem unabhängigen Sachkundigen zu überprüfen sei. Denn die Sicherheit sei das A und O in dem Beruf. Bis zu 40 Meter hoch sei er schon gewesen, erzählt Lock. Die Pappeln am Sternberger See könnten, meint er nach kurzem prüfenden Blick, auf etwa 28 Meter kommen.

Höhenangst dürfe ein Baumkletterer natürlich nicht haben. Und es sei wichtig, „erstmal Vertrauen in die Bäume und Seile zu bekommen“. Deshalb fange jeder mit kleineren Bäumen an, um sich schrittweise an die Arbeit weiter oben zu gewöhnen. Erst in den 1990er-Jahren habe die Berufsgenossenschaft diese Tätigkeit überhaupt erlaubt. Vorher sei sie aus Versicherungsgründen als zu gefährlich angesehen worden. Zapfenpflücker, die Saatgut für Baumschulen gewinnen, kenne er noch aus DDR-Zeiten, wirft Jochen Gülker ein, doch oben in der Baumkrone mit der Motorsäge zu hantieren, sei wohl doch ein Unterschied.

Er sei auch Ausbilder an der Münchner Baumkletterschule, die bundesweit Lehrgänge durchführe, sagt Ben Lock. Selbst ihm sei es beim Herunterklettern einmal passiert, dass er auf dem letzten Ende abrutschte und zwei Meter tief auf einen Holzhaufen fiel. Eine Narbe am Unterarm erinnere ihn zeitlebens daran. Dabei sei die Sache glimpflich ausgegangen. Ein Baumkletterer dürfe sich keinen Fehler leisten, es könnte sein einziger und „einer zu viel“ sein, räumt Lock mit ernster Miene ein.

Dass es nötig war, das Totholz aus den Pappeln zu holen, könne er jedenfalls nur bestätigen. Zwei mussten sogar gefällt werden, weil ihre Standsicherheit nicht mehr gewährleistet war. Wie Gülker sagt, lässt sich Sternberg die Aktion 6000 Euro kosten. Fader Beigeschmack aus seiner Sicht: Mitarbeiter vom Bauhof mussten erst Gartenabfälle und Unrat wegschaffen, bevor die Baumkletterer in Aktion treten konnten.

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erstellt am 24.Feb.2016 | 21:54 Uhr

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