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Wir können richtig

10. Dezember 2016 | 00:12 Uhr

#wirkoennenrichtig : Unter allen Wipfeln ist Ruh‘

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Teilnehmer einer Führung durch den Ruheforst Rostocker Heide lernen die Möglichkeit der Waldbestattung kennen

„Ich habe mir einen Platz unter einer Buche gekauft“, eröffnete mir kürzlich eine Freundin. Fakt ist, irgendwann tut es jeder, sofern ihm dazu noch die Zeit bleibt: Nachdenken und sich entscheiden, wo und wie die letzte Ruhestätte sein soll. Vor allem die Hinterbliebenen sind dankbar, wenn es diesbezüglich einen letzten Willen und womöglich eine Vorsorge gibt. Meine Freundin wählte mit der Waldbestattung im Ruheforst Wiethagen eine Alternative zur Friedhofs- oder Seebestattung, die vor allem von Naturfreunden seit nunmehr zehn Jahren favorisiert wird.

Revierförster Roger Kähler kennt die Rostocker Heide wie seine Jackentasche und führt auch regelmäßig Gruppen durch den Ruheforst. So auch am vergangenen Sonnabend, Treff: 11 Uhr, Forstamtsgebäude. Schautafeln am Eingang zum Ruheforst erklären Besuchern, wie sie sich auch ohne Führung zurechtfinden können. Alle Ruhebiotope, also Bäume oder andere Naturdenkmale, sind mit Nummern markiert und in vier Wertstufen eingeteilt. Eine uralte mächtige Eiche nahe des Weges trägt eine Nummer, dazu eine römische Vier, die höchste Wertstufe. Da sie weder einen gelben oder blauen Ring um ihre Nummer hat und auch keine Textinformationen, sind alle zehn Urnenplätze rund um ihren Stamm belegt oder bereits verkauft. Namensangaben oder zusätzliche Informationen sind nicht erwünscht. Ein gelber Farbring weist auf ein Gemeinschaftsbiotop hin, einzelne Urnenplätze sind noch käuflich zu erwerben.

Der blaue Ring zeigt Familien- oder Einzelbiotope an. Wenn Eltern und ihre Kinder oder auch eine Freundesgruppe zum Beispiel ein Familienbiotop kaufen, so können zehn Urnen hier Platz finden – für 99 Jahre, gerechnet ab Beisetzung des zuletzt Verstorbenen. So lange ist der Urnenplatz gesichert – auch, wenn möglicherweise der Baum diese Zeit nicht überleben sollte. Auch er ist Natur, eben ein Biotop, und damit vergänglich.

Wir stehen auf dem Andachtsplatz, einer kleinen Lichtung an einem Teich. Stabile Bänke aus naturbelassenem Holz sind um einen Baumstubben gruppiert, auf dem Tannengrün und Eichenlaub liegen. Die Natur schmückt sich selbst, von Menschenhand gefertigte Andenken oder Grüße sind nicht erwünscht und werden bei der wöchentlichen Begehung durch Mitarbeiter des Forstamtes entfernt. Das bedeutet, dass auch der kleine Filzschmetterling, den Hinterbliebene unter eine Namenstafel geheftet hatten, wieder verschwinden wird, ebenso wie die verstreuten Rosenblätter am benachbarten Baum. „Wehret den Anfängen“, sagt der Revierförster, „sonst stehen hier bald brennende Grablichter im Wald“. Schweigend lassen wir die Atmosphäre auf uns wirken. Wären nicht hin und wieder ein Knacken im Unterholz und Vogelstimmen zu hören, wäre dies der Ort absoluter Ruhe.

„Unter allen Wipfeln ist Ruh‘“ – diesen Titel trägt die Broschüre zur Waldbestattung im Ruheforst Rostocker Heide, die uns Roger Kähler zum Abschied überreicht. Sicher ist es gewollt, dass die Gedanken des Lesers zu Goethes „Wandrers Nachtlied“ gleiten, obwohl die Verszeile etwas anders lautet.

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