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Wir können richtig

16. Januar 2017 | 11:56 Uhr

#wirkoennenrichtig lokal : Sehnsüchte und Illusionen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Kolumne zur „Sibylle“–Ausstellung in der Kunsthalle von NNN-Seniorenredakteurin Heide Niemann-Rabe.

Noch immer sitze ich im Obergeschoss der Kunsthalle auf einem der weißen Lederhocker. Vor mir auf dem niedrigen Tisch liegen „Sibylle“-Ausgaben der letzten DDR-Jahrzehnte, abgegriffen, zerlesen – doch ich kann mich nicht von ihnen trennen. Hätte ich sie doch aufgehoben damals. Sie und auch die kleinformatigen Ausgaben von „Das Magazin“, die nicht zur Sekundärrohstoff-Annahmestelle gebracht werden durften, dann aber doch irgendwann verschenkt wurden.

Im Erdgeschoss hatte ich viel über die redaktionellen und kulturgeschichtlichen Besonderheiten dieser Zeitschrift für Mode und Kultur erfahren, danach die künstlerischen Arbeiten der Fotografen betrachtet. Schöne junge Frauen in Schwarz-Weiß, ausdrucksvolle, ernste Gesichter. Straßen, Bauplätze, Plattenbauten, Industrieanlagen als Kulisse. Aber auch Ostsee, Strand und Parkanlagen. Die Fotos berühren, wollen Geschichten erzählen, die zu uns berufstätigen, selbstbewussten und emanzipierten Frauen der DDR passen sollten. Und die Mode? Aus heutiger Sicht wirkt sie alltagstauglich und trotzdem schick und elegant. Damals empfand ich sie als krassen Gegensatz zu den ungeliebten Kleidern, Röcken und Pullovern, die die Kaufhausregale füllten. Wer konnte, nähte und strickte selbst, stand im „Buntspecht“ Schlange nach geeigneten Stoffen, suchte nach Schnittmustern und Zubehör. Eine „Sibylle“ ging von Hand zu Hand, denn nur 200 000 Exemplare wurden alle zwei Monate herausgegeben. Die Schnittmuster nebst Nähanleitung für ein Traumkleid waren heiß begehrt.

Aber die „Sibylle“ war mehr als ein Modejournal und das machte sie zu so einer faszinierenden Zeitschrift, die sich wohltuend von den typischen Ratgeberteilen unserer heutigen 0815-Frauenzeitschriften unterschied. Ich blättere in einer Ausgabe aus den 80ern und finde einen Artikel über die Choreografin und Regisseurin Ruth Berghaus, lese eine Reportage über den Besuch des französischen Modehauses Nina Ricci, finde die „Kleine Köchelei mit Ursula Winnington“, der damaligen DDR-Kochqueen. Ihre Senftarte würde ich am liebsten sofort in den Ofen schieben. Dann aber bin ich schon auf dem Weg nach Holland, denn eine Reisereportage beginnt mich zu fesseln. Stopp, es geht um Mode, sage ich mir und vertiefe mich in die Festbekleidung der damaligen Zeit: das kleine Schwarze, das große weiße Brautkleid und entzückende Kindermode, die mich an die Kindheit meiner Töchter erinnert.

Traurig, dass Sibylle Boden-Gerstner, die Namensgeberin und Gründerin der „Sibylle“, am Weihnachtssonntag mit 96 Jahren gestorben ist und sich diese interessante und gut gemachte Ausstellung in der Kunsthalle nicht mehr anschauen konnte.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. April immer dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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erstellt am 11.Jan.2017 | 15:00 Uhr

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