zur Navigation springen

Wir können richtig

06. Dezember 2016 | 13:07 Uhr

#wirkoennenrichtigheimat : Das zerrissene Leben des Peter Weiss

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Der Schrifsteller, Maler und Filmemacher wäre morgen 100 Jahre alt geworden. Ein Porträt über den schwedisch-deutschen Kreativen.

Es war ein zerrissenes Leben – mit Höhen und Tiefen, wie sie nur wenige Menschen kennen. Mit seinen Bühnenstücken schrieb Peter Weiss Theatergeschichte. Sein Jahrhundertroman „Ästhetik des Widerstands“ prägte in den 80er Jahren eine ganze Generation. Und doch quälten ihn Selbstzweifel, Depressionen und Heimatverlust.„Überall, wo ich bin, ist auch einer, der mich ermorden will“, notierte er einmal.

Morgen wäre Peter Weiss 100 Jahre alt geworden. Und die Flut an Büchern, Veranstaltungen und Gedenkfeiern zeigt, wie aktuell dieser große Erzähler, Maler und Filmemacher, Dramatiker und Autor 35 Jahre nach seinem Tod noch immer ist. Am 10. Mai 1982 war er mit nur 65 Jahren in seiner Behelfsheimat Stockholm an einem Herzinfarkt gestorben. „Geliebt haben ihn wenige, gefürchtet manche, respektiert alle“, sagte Walter Jens in seiner Laudatio zum Büchner-Preis, dessen Verleihung Weiss nicht mehr erlebte. „Heimatloser Weltbürger“ – so nennt die Publizistin Birgit Lahann den nahe Berlin geborenen Autor im Untertitel zu ihrer Biografie, die zum 100. Geburtstag erschien. Im Gespräch mit der langjährigen Partnerin und Witwe, der schwedischen Bühnenbildnerin Gunilla Palmstierna-Weiss, beschreibt sie eindrücklich die Traumata, die den jungen Mann prägen: der frühe Tod der geliebten Schwester, die vom Vater verheimlichte Zugehörigkeit zum Judentum, die Flucht aus Nazi-Deutschland 1935 und die kalte Verachtung der Eltern für seine Kunst.

In der Emigration von London über Prag und die Schweiz nach Schweden konzentriert sich Weiss zunächst auf die Malerei. Viele Bilder gehen später verloren. Er dreht Dokumentar- und Experimentalfilme, die niemanden interessieren, schreibt Gedichte und Bücher, die kaum jemand liest, bis es am 29. April 1964 unverhofft zum ganz großen Durchbruch kommt. Sein Revolutionsdrama „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats ...“ wird nach der Uraufführung im Berliner Schillertheater zum Welterfolg. Dieses totale Theater, in dem geliebt und gefoltert, gebetet und gemordet, vor allem aber messerscharf debattiert wird, kommt international auf die Bühnen, erscheint als Buch, TV-Spiel und Film. Weiss gilt als neuer Brecht, als Meister des Dokumentartheaters.

Auch das nächste Stück „Die Ermittlung“, eine Aufarbeitung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, wird mit fünfzehn gleichzeitigen Uraufführungen in Ost und West zu einem Ausnahmeereignis. Weitere Dramen wie „Viet Nam Diskurs“ (1968), „Trotzki im Exil“ (1970) und „Hölderlin“ (1971) folgen. Auch frühere Prosawerke wie die autobiografischen Erkundungen „Abschied von den Eltern“ (1962) und „Fluchtpunkt“ (1963) finden zunehmend Aufmerksamkeit.

„Kunst muss die Kraft haben, das Leben zu verändern“ – das ist Weiss’ Anspruch. Er ist inzwischen der kommunistischen Partei beigetreten, hat aber ein zwiespältiges Verhältnis zu beiden deutschen Staaten. Im Osten sieht er durch den Sozialismus die unabdingbare künstlerische Freiheit bedroht, im Westen verstört ihn der hemmungslose Wirtschaftswunderkapitalismus.

Die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen dunklen Geschichte wird ihn schließlich zu seinem Monumentalwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ führen. Auf mehr als 1000 Seiten entfaltet er in der Roman-Trilogie (1975, 1978, 1981) die künstlerischen und gesellschaftlichen Erfahrungen der Arbeiterbewegung im Kampf gegen den Hitlerfaschischmus – ein „Fegefeuer der Weltgeschichte“, wie Lahann es nennt.

Zehn kräftezehrende Jahre arbeitet er an dem vielschichtigen Werk. Auch wenn es in der DDR erst 1983 in kleiner Auflage erscheint, wird es in beiden Deutschlands Kult. Es bilden sich Lektürekurse und Lesegruppen. Zum Jubiläum ist das Buch in einer neuen Ausgabe erschienen, die so weit wie möglich dem letzten Willen des Autors folgt. Der Jahrhundertroman sei „ein bleibendes Zeugnis seiner Stellung in der Zeit“, schreibt Herausgeber Jürgen Schutte im Nachwort – „ein spätes, aber wunderbares Geschenk zu seinem einhundertsten Geburtstag“.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen