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Wir können richtig

03. Dezember 2016 | 05:42 Uhr

#wirkoennenrichtig : Bibliothek auf Prüfstand

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Kröpeliner Straße 82 ist die Adresse für Leseratten und Architekturliebhaber

Es wird gezählt, gemessen, gewogen – ehe die Statistiker Rostock aus ihrer Zahlensicht beschreiben können. 650 Meter bummeln wir, wenn wir auf geradem Wege vom Neuen Markt bis zum Kröpeliner Tor gelangen wollen. Dabei passieren wir zwölf Straßen, die zur Langen Straße oder in südliche Richtung führen, und gehören zu den 5000 Menschen, die im Durchschnitt stündlich die Kröpeliner Straße bevölkern. Auch dass es etwa 250 Läden mit einer Grundfläche von 6,2 Hektar auf dieser Bummelmeile gibt, deren Häuser die Nummern 1 bis 99 tragen, erfahren wir.


Familie Ratschow übernahm das Haus


Wie viele Menschen aber bleiben täglich vor dem Haus Nr. 82 stehen, um den einzigen gotischen Backsteinbau in dieser Straße – mit Staffelgiebel, glasiertem Formsteinfries, Löwen, Rosetten und biblischen Motiven – zu bewundern und ein Foto zu machen? Meist sind es Touristen, die von Stadtführern auf die Besonderheiten und die Geschichte des Gebäudes aufmerksam gemacht werden, in dem sich seit 1961 die Stadtbibliothek befindet. Ursprünglich war es das Pfarrhaus neben der Heiligen-Geist-Kirche, die 1818 abgerissen wurde, viel später – seit Anfang des 20. Jahrhunderts – wurde die Familie Ratschow Eigentümer, zeitweise auch Mieter, und betrieb in diesem Haus ihr Leinen-, Wäsche- und Bettengeschäft. Die Porträtbilder von Ernst und Clara Ratschow, einst von Egon Tschirch gemalt, hängen heute im Treppenaufgang der Bibliothek. Welch ein Irrsinn, dass dieses besondere Haus zwar den Krieg überstand, dann aber am 3. Mai 1945 bei Plünderungen in Brand gesteckt wurde. Nur die kostbare Giebelfassade blieb erhalten. Ernst Ratschow, der Sohn, nahm den Wiederaufbau in Angriff, siedelte aber 1951 in die BRD über. Der Konsum nutzte das Haus zum Möbelverkauf – bis es nach umfangreichem Umbau zur Stadtbibliothek wurde. Nach der Wende schenkte die Ratschow-Erbengemeinschaft der Hansestadt das Haus, das seit dieser Zeit Haus Ratschow heißt.

Ende Oktober begann eine neue Etappe der Stadtbibliothek, denn nach längerer Sanierung öffnete das Obergeschoss wieder. Die Aktionswoche „Meine Bibliothek“ machte mich neugierig. Wie seniorenfreundlich ist sie, was hat sich verändert? Natürlich ist sie als Lese- und Medientempel für alle Generationen barrierefrei. Kein Problem, per Fahrstuhl und Rampen mit Rollator, Rollstuhl oder Kinderwagen durch die drei Etagen zu kommen. Was fällt auf? Lichtdurchflutete Räume, Sitz- und Arbeitsmöglichkeiten, Computerplätze, schalldämmende Teppichböden und auf jeder Etage hilfsbereite Mitarbeiterinnen – vor allem aber übersichtlich geordnet die etwa 155 000 Medien, die unentgeltlich ausgeliehen werden können. Der Statistiker weiß es: Es sind etwa 37 000 Romane und Erzählungen, 50 000 Sach- und Fachbücher, dazu Zeitungen, Zeitschriften, Spielfilme und etwa 6000 Hörbücher. Außerdem Noten und Tonträger, Gesellschaftsspiele und elektronische Bücher, Atlanten und Lexika … „Wir platzen aus allen Nähten“, sagte mir die Leiterin, Ria Kretschmer. „Gerne würden wir mehr Bücher kaufen, aber die Regale sind voll.“ Und das gilt auch für die fünf Stadtteilbibliotheken. Sehr tröstlich, dass Bücherwürmer und Leseratten geliebt und nicht aussterben werden.

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