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Sternenkinder : Wenn Fotos helfen, wo Worte fehlen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Die Rostocker Steffi und Alex haben ihr Baby aufgrund einer schweren Krankheit verloren. Bilder erinnern an den kleinen Jakob

Es sollte ihr größtes Glück werden – und entwickelte sich stattdessen zum bisher schwersten Schicksalsschlag ihres Lebens: Steffi und Alex* haben ihr Kind verloren. Zwischen der unbändigen Freude über den positiven Schwangerschaftstest und dem Tag, der Kennenlernen und zugleich Abschied bedeutete, lagen gerade einmal 17 Wochen.

Zärtlich blickt Steffi auf die Bilder, die vor ihr auf dem Tisch liegen. Die 30-Jährige hat sie immer dabei. „Andere Eltern zeigen auch Fotos von ihren Babys. Und das ist unser Sohn und es gibt keinen Grund, ihn zu verstecken“, sagt die Rostockerin. Ihr Freund Alex tut sich schwer damit, will keine Fotos sehen und damit das Unbegreifliche, das Unabänderbare, das ihm sowieso ständig präsent ist, auch noch verewigt sehen. Dennoch ist er froh, dass es die Bilder gibt. Sie sind das, was ihnen von Jakob bleibt. Genau wie ein winziger großer Hand- und Fußabdruck des Babys, das nicht leben durfte.

„Die Diagnose kam völlig unvermittelt“, erinnert sich Steffi an diesen einen Tag im April. Da Alex auswärts arbeitet, hat eine Freundin sie zum Ultraschall begleitet. „Und auf einmal war da dieser Punkt.“

Dieser Punkt, der für ihren kleinen Sohn die Entscheidung über Leben oder Tod bedeuten sollte. Prune-Belly-Syndrom, Pflaumenbauch – so der Fachbegriff. Eine angeborene Fehlbildung, wodurch dem Fötus die Bauchmuskeln fehlen, es dazu zum Down-Syndrom kommen kann und – wie im Falle der Rostocker – ein Harnwegsverschluss die Nieren des Ungeborenen zerstört.

Etwa eins von 40 000 Babys erkrankt an diesem Syndrom. Es war eine Laune der Natur, dass es Steffi und Alex traf. Trösten kann sie das natürlich nicht. Das Paar, das seit drei Jahren zusammen glücklich ist, tut, was es kann. Freitags die Diagnose, montags die Einweisung in die Rostocker Klinik. Von dort weiter zu einem der beiden bundesweiten Spezialisten für dieses Krankheitsbild nach Halle/Saale. „Wir hatten uns vorher schon überlegt, wie weit wir gehen und kämpfen wollen. Und das war gut, denn im Moment der endgültigen Diagnose hat man keinen klaren Kopf“, sagt Alex.

In ihrem Fall sind die Zahlen dramatisch: „Es gibt vier entscheidende Blutwerte, wir waren bei allen drüber. Es bestand eine dreiprozentige Chance, dass das Kind lebend zur Welt kommt. Doch selbst das hätte zwei Jahre lang regelmäßige Dialyse und dann eine Spenderniere bedeutet“, erinnert sich Steffi. Auch daran, dass ihnen die Ärzte ganz ausführlich alle Möglichkeiten vorgestellt und ihnen Zeit für eine Entscheidung gelassen hätten. Für das junge Paar hieß die: Abbruch. „Kein Kind hat solch eine Prognose verdient. Und uns wurde gesagt, dass der Kleine zu diesem Zeitpunkt noch keine Schmerzen empfindet“, sagt Steffi.

Was folgt, ist Bürokratie. Die Schwangere muss einen formlosen Antrag auf Abbruch stellen, drei Ärzte die Diagnose bestätigen. Rein formell betrachtet gilt der Fall als Fehlgeburt. Für Steffi fühlte es sich aber anders an. Das Paar bekommt einen Termin und betritt am 14. April die Rostocker Südstadtklinik, die so viele andere Paare mit einem gesunden Baby wieder verlassen. „Ich war froh, dass wir ein Einzelzimmer auf der normalen gynäkologischen Station bekamen und ich nicht in den Kreißsaal musste. Andere Babys schreien zu hören, hätte ich nicht ertragen“, sagt die junge Frau.

Um 13 Uhr gibt es das erste Wehenzäpfchen, weitere folgen. Der Geburtsprozess zieht sich. „Ich habe wenigstens Schmerzmittel bekommen. Die Ärzte meinten, ich sollte nicht auch noch die körperlichen Schmerzen ertragen müssen.“ Am Freitag, 15. April, um 18.50 Uhr, kommt Jakob zur Welt. Im Körper der Mutter hat sein kleines Herz noch geschlagen. Jetzt, draußen, ist sein Organismus noch nicht lebensfähig.

Steffi und Alex wollen den Kleinen nicht gleich sehen. Die Ärzte wollen Steffi gleich zur notwendigen Nachoperation bringen, doch sie braucht und will einen Moment für sich allein und setzt diesen Wunsch auch durch. Innehalten. Während sie wieder im OP-Saal ist, kommt Fotografin Rebecca Hoch von der Aktion „Dein Sternenkind“. „Ich hatte sie kontaktiert, als wir wussten, was passieren wird. Dass es dieses Angebot überhaupt gibt, hatte ich in einem Forum von anderen Betroffenen erfahren und bin sehr glücklich darüber“, sagt Steffi.

Rebecca Hoch macht Fotos, Bilder für die Ewigkeit. Ein Fuß, eine Hand, Jakob beschützt in einer Sternendecke, das Baby im Körbchen in der Hand beider Eltern... Friedlich sieht er aus. Einzig die schimmernde Haut, von Adern durchzogen, zeigt, dass er noch Zeit gebraucht hätte. Zeit – und eine bessere medizinische Prognose.

Die kleine Familie, die nicht lange eine sein darf, bekommt die Ruhe, die es braucht, um sich kennenzulernen – und gleichzeitig, um Lebewohl zu sagen. Die Klinik kümmert sich darum, dass Jakob, wie andere Sternenkinder, auf dem Rostocker Westfriedhof bestattet wird. „Und wir haben ihn im Standesamt eintragen lassen. Das geht neuerdings auch für Kinder unter 500 Gramm und war uns wichtig“, sagt Steffi. Für sie und Alex ist Jakob ihr Kind – das sie auch dank der Bilder niemals vergessen werden.

* Namen von der Redaktion geändert

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erstellt am 20.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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