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Norddeutsche Neueste Nachrichten

11. Dezember 2016 | 01:20 Uhr

Konservatorium Rudolf Wagner-Régeny Rostock : Traditionsbewusst – aber offen für Neues

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Von der Kaderschmiede zu DDR-Zeiten zur kommunalen Musikschule unter Wirtschaftsdruck – das Rostocker Konservatorium feiert sein 75-jähriges Bestehen

Als Karl-Christian Engel 1966 als Schüler ans Rostocker Konservatorium kam, herrschten strenge Auswahlkriterien. „Ich durchlief über vier Wochen einen Probeunterricht, bei dem meine manuelle Veranlagung getestet wurde“, erinnert er sich. Am Ende musste er eine Aufnahmeprüfung absolvieren, um als Klavierschüler bei Prof. Karl-Heinz Will Unterricht nehmen zu können. Das Konservatorium gehörte damals zu den Kaderschmieden, in denen die DDR den Nachwuchs für die Orchester des Landes heranzog.

„Heute haftet uns noch immer der Ruf einer elitären Schule an, aber wir sind mittlerweile eigentlich eine ganz normale Musikschule – gern traditionsbewusst, aber offen für alle modernen Strömungen“, sagt der heutige Direktor Edgar Sheridan-Braun. Am 20. Januar feiert die Rostocker Institution ihr 75-jähriges Bestehen. Viel hat sich verändert mit den Jahrzehnten, gerade nach der Wiedervereinigung.

Auslese durch Prüfungen

Karl-Christian Engel gehörte zu den ersten Kindern, die Prof. Karl-Heinz Will noch vor dem Eintritt in die Schule unterrichtete. Will wurde später Direktor des Konservatoriums (KON) und verstand sich darauf, seine Klavierschüler in besonderer Weise zu fördern. Engel schwärmt heute noch von seinem alten Mentor. „Sein Bestreben war es, seine Schüler hinaus zu schicken in die Welt, um sie später als Lehrer wieder ans KON zu holen“, erzählt der Musikpädagoge. So geschah es auch bei Engel. Er lernte am Konservatorium, studierte danach in Berlin und kehrte 1982 als Lehrer zurück nach Rostock. „Ich hatte mein Diplom noch nicht einmal in der Tasche, da begann ich schon zu unterrichten. Damals gehörte ich zu den jüngsten Lehrern“, erzählt Engel.

Für die Schüler des Konservatoriums gehörte es damals dazu, regelmäßig Prüfungen abzulegen. „Das war für mich vor allem als Lehrer hart. Wenn Schüler, zu denen ich eine persönliche Bindung aufgebaut hatte, wegen weniger guter Leistungen aussortiert wurden“, erinnert sich Engel. Diese Auslese gehörte zum Selbstverständnis des Konservatoriums.

Mit der Wende definierten sich die Musikschulen neu. Nicht nur, dass musikalisch ein frischerer Wind einzog – längst sind moderne Instrumente und Musikstile selbstverständlicher Bestandteil des Unterrichts. Auch die Aufnahmeprüfungen und Pflichtvorspiele fielen weg. Heute darf jeder sein Kind zum Unterricht anmelden. „Statt der Probeseminare gibt es Schnupperkurse. Die sind gut, um herauszufinden, ob das Instrument wirklich das richtige für das Kind ist“, sagt Engel.

Wirtschaftliche Aspekte wurden wichtig

Aber nicht nur pädagogisch änderte sich viel mit der politischen Wende. „Wirtschaftliche Aspekte wurden wichtig. Das KON musste die Einnahmen erhöhen. Die Schülerzahl hat sich damit schlagartig verdoppelt“, erklärt Sheridan-Braun. Die Talenteförderung, die zu DDR-Zeiten fester Bestandteil der Arbeit am KON war, wurde immer schwieriger. Denn der kommunale Personalabbau sei auch am Konservatorium nicht spurlos vorbeigegangen, sagt Sheridan-Braun. Die Haushaltssicherungskonzepte der Hansestadt sahen bis vor wenigen Jahren vor, dass Stellen von Musiklehrern, die in Ruhestand gehen, nicht neu besetzt werden. Entsprechend hoch ist mittlerweile der Anteil an Pädagogen, die auf Honorarbasis mit befristeten Verträgen beschäftigt werden. Von den 76 Lehrern sind gerade einmal 23 hauptberuflich angestellt. „Das bedaure ich sehr“, sagt Engel. Denn so seien Sonderprojekte wie die Betreuung von „Jugend musiziert“ nur bedingt möglich. „So eine Situation bremst die Initiative junger Leute“, begründet der Fachbereichsleiter für Tasteninstrumente. „Das hat natürlich auch im KON zu einer gewissen Überalterung geführt“, ergänzt Sheridan-Braun.

Trotz allem behauptet das Rostocker Konservatorium seinen guten Ruf – MV-weit und über die Landesgrenzen hinaus. Auch 75 Jahre nach seiner Gründung gilt es als hervorragende Adresse für Musikschüler. Die Wartelisten auf einen der begehrten Unterrichtsplätze sind lang. Regelmäßig ist das KON bemüht, Zöglinge zu den renommierten Wettbewerben oder in die Talenteförderung der Young Academy Rostock (Yaro) zu bringen. An die Pädagogen werden hohe Ansprüche gestellt. Jeder Lehrer muss ein Hochschul-Diplom vorweisen können. „Schon allein, weil die Landesförderung daran gebunden ist“, erklärt Sheridan-Braun. Von den Unterrichtsbedingungen im Haus der Musik, das das KON seit 2012 nutzt, schwärmen Schüler wie Lehrer. Dank städtischer Investitionen und mithilfe des Fördervereins konnten Instrumente angeschafft werden.

Mehr als nur Instrumentalunterricht

„Wir unterrichten viel mehr als nur Klavierspiel“, ist Engel überzeugt. „Die Schüler entwickeln ein Verständnis dafür, dass man manchmal etwas aushalten muss, ohne zu wissen, ob es am Ende gelingt.“ Gerade heute, da die Kinder oft überflutet würden von Angeboten und Pflichten, sei die Kontinuität, die das Erlernen eines Instrumentes erfordert, eine gute Schule.  

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erstellt am 15.Jan.2016 | 12:00 Uhr

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