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Norddeutsche Neueste Nachrichten

08. Dezember 2016 | 21:10 Uhr

Volkstheater Rostock : Lachinian vor Gericht: Viele offene Fragen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Gerichtsstreit um Kündigung des Volkstheaterintendanten Sewan Latchinian

Im Streit zwischen dem Volkstheater Rostock und seinem früheren Intendanten Sewan Latchinian wird es vorerst keine gütliche Einigung geben. Vor dem Landgericht Rostock lehnte der Rechtsanwalt des Theaters es gestern ab, mit dem im Juni fristlos entlassenen Theaterchef einen Vergleich zu schließen. Die stadteigene Spielstätte will also kein Geld zahlen, damit Latchinian seine Klage gegen das Theater zurücknimmt. Latchinian möchte erreichen, dass seine Entlassung vom Gericht für ungültig erklärt wird. Anders als die Stadt zeigte sich sein Rechtsanwalt, das frühere bundesweite Aushängeschild der Linkspartei Gregor Gysi, allerdings zum Kompromiss bereit.

Der mangelnde Einigungswille der Stadt zwingt den Richter Christian Möllenkamp zu einer Entscheidung, die er in drei Wochen verkünden will. Er machte kein Hehl daraus, dass sie ihm schwer fällt: „Ich schwanke noch hin und her.“ Denn der Rechtsstreit zwischen der Stadt und dem Ex-Intendanten spiele sich im Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Kunst und den Pflichten der Geschäftswelt ab.

Latchinian war im Sommer 2014 als künstlerischer Geschäftsführer nach Rostock gekommen, als in der Hansestadt und in der Landeshauptstadt bereits heftig über die Zukunft des Theaters debattiert wurde. Der damalige Kulturminister Mathias Brodkorb (SPD) und eine Mehrheit der Rostocker Bürgerschaft legten sich darauf fest, auf zwei der vier künstlerischen Sparten des Theaters zu verzichten, um mit den verbleibenden genug Geld einzuspielen, um das Theater auf Dauer halten zu können. Latchinian wehrte sich vehement und lautstark gegen diese Pläne. Im Frühjahr 2015 wurde er deshalb zum ersten Mal entlassen, aber im Mai wieder eingestellt. Im Mai 2016 eskalierte der Streit erneut. Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) drängte zur fristlosen Kündigung.

Klar ist, dass Richter Möllenkamp nicht über die Theaterpolitik entscheidet. Im Prozess geht es um zwei simple Fragen, die schwer zu beantworten sind: Hat Latchinian seine Pflichten als Geschäftsführer verletzt? Ist es der Stadt deshalb nicht zuzumuten, ihn weiter zu beschäftigen? Möllenkamp deutete an, dass Latchinian zumindest seine Pflichten verletzte, als er Ende Mai den Betriebsrat gegen ein neues Theaterkonzept seines Ko-Geschäftsführers Stefan Rosinski aufwiegelte, obwohl das Konzept noch vertraulich war.

Offen ließ Möllenkamp die Frage, wie viel Unbotmäßigkeit ihres künstlerischen Geschäftsführers der Stadt zuzumuten ist. Zu bedenken sei, so der Richter, dass Latchinian auch Künstler sei. Und Künstler seien im Grundgesetz durch die Freiheit der Kunst geschützt, sie dürften provozieren. Anwalt Gysi konnte diesem Aspekt nur zustimmen, während der Anwalt der Stadt energisch widersprach.

Latchinian ist derzeit offiziell arbeitslos. Er wäre sehr froh, ans Rostocker Theater zurückkehren zu können, sagte er nach der Verhandlung. Nach seinem Rauswurf klang das noch anders: „Ich bin erstmal mit Rostock fertig, mit dem restlichen kulturfeindlichen, bösartigen und provinziellen Rostock bin ich wirklich durch.“

Die Ära Lachinian

  • 23. April 2013: Der Hauptausschuss beschließt die Einstellung von Sewan Latchinian. Der Vertrag läuft von 2014 bis 2019.
  • 12. Juni 2014: Schon vor Dienstbeginn erteilt Latchinian der Verkleinerung des Theaters oder des Orchesters eine Absage.
  • 20. September 2014: 1. Stapellauf
  • 28. Januar 2015: 300 Menschen demonstrieren gegen Pläne zur Spartenstreichung.
  • 25. Februar 2015: Die Bürgerschaft stimmt für die Schließung von Musik- und Tanztheater.
  • 9. März 2015: Latchinian vergleicht bei einer Rede die Theaterpolitik des Landes mit den Kulturzerstörungen des IS.
  • 31. März 2015: Begleitet von Demonstrationen beschließt der Hauptausschuss die fristlose Entlassung Latchinians.
  • 13. April 2015: Die Bürgerschaft fordert Methling auf, die Kündigung zurückzunehmen.
  • 6. Mai 2015: Nach Widerspruch Methlings beschließt die Bürgerschaft: Latchinian bleibt.
  • 26. September 2015: zweite Latchinian-Spielzeit startet
  • 16. Februar 2016: Nach weiteren Debatten beauftragt der Hauptausschuss den OB, mit Latchinian eine Aufhebung des Vertrags zu erreichen.
  • 3. März 2016: Die Planungen für die Spielzeit 2016/17 kommen durch eine Erkrankung Latchinians ins Trudeln.
  • 5. April 2016: Aufsichtsrat stellt dem Intendanten Ultimaten zur Umsetzung der Strukturreform.
  • 6. Juni 2016: Der Hauptausschuss entlässt Latchinian fristlos.
     
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erstellt am 22.Nov.2016 | 20:30 Uhr

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