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Norddeutsche Neueste Nachrichten

03. Dezember 2016 | 12:38 Uhr

Zielvereinbarung aufgekündigt : Eklat um Rostocker Theater

vom

Mit einer überraschenden Entscheidung zur Refinanzierung des Volkstheater-Neubaus hat die Rostocker Bürgerschaft gestern Abend nach Ansicht von Beobachtern formal die Zielvereinbarung mit dem Land aufgekündigt.

Mit den Stimmen von Linken, Grünen und Rostocker Bund haben  die Stadtvertreter den Widerspruch von  Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) gegen   einen Beschluss von Anfang Dezember zurückgewiesen, wonach  die Stadt  Kreditkosten für den Neubau erst „mit Nutzung des Neubaus“ bezahlen soll, also voraussichtlich ab 2023. Die mit dem Land geschlossene Zielvereinbarung sieht jedoch vor, bereits ab 2018 nicht mehr als 9,1 Millionen Euro Zuschuss für das Volkstheater zu zahlen – einschließlich Kredit- und Unterhaltskosten. Jetzt bleibt Methling nur noch der Klageweg, um die Zielvereinbarung zu retten.

Die Zielvereinbarung war Voraussetzung dafür, dass die Hansestadt trotz des von der Kommunalaufsicht verhängten Haushaltssanierungskonzepts für die  Kofinanzierung des Theaterneubaus Kredite aufnehmen darf. Der Neubau kostet voraussichtlich 50 Millionen Euro. Die Stadt darf, obwohl ansonsten ein Neuverschuldungsverbot besteht, rund 23 Millionen Euro Kredite für die Refinanzierung des Neubaus aufnehmen. Die künftige Struktur des Theaters ist indes immer noch strittig. Laut Zielvereinbarung soll es künftig nur noch ein Zweispartentheater sein.     Aufsichtsrat und Theaterleitung kämpfen unterdessen weiter für den Erhalt aller Sparten.

In diesem Kontext wurde gestern  ein Strategiepapier des scheidenden kaufmännischen Geschäftsführers Stefan Rosinski bekannt. Darin schreibt er, ihm gehe es „nicht darum, probate Handlungsempfehlungen für eine ’Strukturreform’ des schnellen Weges auszusprechen, so wie es der Exekutive von Land und Stadt trotz  vorschweben mag“. Vielmehr versuche er, „die Rahmenbedingungen für ein strukturiertes Nachdenken über zukünftige Betriebsstrukturen in Hinsicht auf die Aufgabenerfüllung im Sinne kultureller Daseinsvorsorge zu formulieren“.

Das sieht dann so aus, dass auf einem Großteil der 30 Seiten die bisherige Kulturpolitik und das Verwaltungshandeln  der Hansestadt Rostock verissen wird. So zeichnet Rosinski ein Bild, wonach die   Stadtgesellschaft sich  nie von realsozialistischen Verhaltensmustern gelöst hätte. Zitat: „Zur Debatte steht, ob es 25 Jahre nach der Wende gelungen ist, die Werteordnung einer pluralen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und deren Umgang mit teilautonomen sozialen Subsystemen im Habitus der postsozialistischen Gesellschaft zu installieren - oder ob letztlich autoritäre Verhaltensmuster aufeinanderprallen, die ... im Wesentlichen  von einem vor 1989 internalisierten Modus bestimmt werden.“ Weitere Passagen könnten als Vorwurf der  Provinzialität interpretiert werden:  „Große Themen mischen sich mit Vorort-Gegebenheiten und persönlichen Dispositionen der Akteure. Ergebnis ist eine Handlungslähmung, die in Bezug auf die Reform eines kommunalen Theaters wenig ihresgleichen hat.“ 

Rosinski, der im Sommer  an die  Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (Sachsen-Anhalt) wechseln will, verwirft im Übrigen sämtliche bislang diskutierten Varianten der Strukturreform, um schließlich  für das Szenario „Opernhaus“  seine Sichtweise  zu zeichnen, „wie eine Qualifizierung aussehen könnte“. Demnach wäre das Volkstheater im  Kern ein Musiktheater mit einem festen Ensemble von 73 Musiker-Stellen.  Dies ginge zu Lasten des Schauspiels, das nach Rosinskis Konzept mit vier angestellten Stammschauspielern  fortan  auf ein „modulares System“ setzt. „Die Idee ... meint die Kombination aus klassischer Eigenproduktion sowie Koproduktionen im Rahmen von Produktionsnetzwerken sowie Gastspielen. Das Haus vernetzt sich stärker mit Partnern vor Ort, aber auch sehr viel intensiver überregional.“ Als dritte Säule möchte er   eine „Landestanzkompanie“ ausgründen. Dabei sei „strikt zu beachten,  dass die aus den Häusern ausgegliederten Tanzsparten in einer eigenen, selbständigen, d.h. auch künstlerisch autonomen Landestanzkompanie zusammengeführt werden“. Als Rechtsträger empfehlt er das Land, mit Minderheitsanteilen für die Kommunen.

Rosinskis rückblickendes Urteil über die Güte des Theaters dürfte einige Hansestädter brüskieren:  Das Volkstheater habe sich „quasi von der Dynamik der Entwicklung des gesamtdeutschen Theaters der letzten 25 Jahre und dessen Evolutionsfähigkeit abgehängt bzw. sich gar nicht erst angehängt. Damit verlor es zunächst seine künstlerische Prägnanz, dann seine Relevanz und schließlich die kulturpolitische Legitimation.“ Während allerorten  Phänomene wie Migration, Veränderung von Arbeits- und Familienstrukturen oder soziale Umverteilung durch ihren Anpassungsdruck neue politische Bewegungen und Formate erzeugen, die ihren Ausdruck nicht nur in den sozialen Medien, sondern explizit auch künstlerisch finden, sei davon in Rostock noch wenig zu spüren. Die freie Szene sei  erstaunlich übersichtlich, innovative Impulse kaum zu vermerken. Ob Intendant Sewan Latchinian  dieses Urteil teilt, blieb gestern offen.

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erstellt am 20.Jan.2016 | 20:47 Uhr

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