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Interview: Vorstandschefin der RSAG : Die Zukunft des Rostocker Nahverkehrs

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Vorstandschefin der RSAG kritisiert Parkkonzept in der City, schlüsselt Finanzen auf und erklärt Optionen für neue Linien in Rostock und ins Umland

Seit dem 1. Januar ist Yvette Hartmann kaufmännischer Vorstand der Rostocker Straßenbahn AG, des Unternehmens, das den öffentlichen Personennahverkehr in Rostock sichert. Im Interview mit NNN-Redakteurin Nicole Pätzold spricht sie über Preispolitik, Ausgaben von 140 Millionen Euro, neue Straßenbahnlinien und die Zukunft der E-Busse.

Yvette Hartmann ist 39 Jahre alt, hat eine Tochter. Seit dem 1. Januar  ist sie Vorstandschefin  bei der RSAG. Zuvor war sie dort als Teamleiterin im Vorstandsbereich und im Beteiligungscontrolling bei der Muttergesellschaft RVV tätig. Lange Jahre lebte die Diplom-Kauffrau in Leipzig, arbeitete in verschiedenen Positionen im Bankbereich.

Wie steht es finanziell um die RSAG?
Hartmann: Für 2017 sind 11,5 Millionen Euro Verlust geplant. Die müssen von der RVV (Rostocker Versorgungs- und Verkehrs-Holding) gedeckt werden. Der ÖPNV ist deutschlandweit nicht kostendeckend. Wir hatten jetzt in 2016...

Zwölf Millionen?
Wir sind ein bisschen besser. Wir werden etwa 9,5 Millionen Verlust machen. Wir hatten erhöhte Fahrscheinerlöse 2016. Die Liniennetzgestaltung hat sich positiv ausgewirkt. Es sind mehr Kunden mit uns gefahren.

Aber Mobil 2016 wurde ja erst nicht nur positiv aufgenommen. Die Leute sind trotzdem weitergefahren?
Ja, und wir haben auch mehr Kunden – wo, lässt sich schwer feststellen. Wir arbeiten immer daran, unsere Angebote zu verbessern, um letztlich mehr Kunden zu überzeugen, mit uns zu fahren. Letztes Jahr ging es auf.

Wann wird es so eine Änderung noch mal geben? In zehn Jahren?
Man macht so was nicht im engen Rhythmus. Aber wir schauen, wie die Stadtentwicklung ist, und machen punktuell Anpassungen.

Sie haben ja einen Vertrag mit der Stadt...
Den Öder – den öffentlichen Dienstleistungsvertrag – bis 2030. Wir sind exklusiver Partner, Busse und Straßenbahnen in der Hansestadt zu betreiben. Die Stadt ist unser Auftraggeber. Sie kann auch mit Vorschlägen kommen, Linien wünschen. Aber dann muss sie auch für den finanziellen Ausgleich sorgen.

Sind Preiserhöhungen festgeschrieben?
Nicht im Öder. Aber es steht drin, dass der VVW(Verkehrsverbund Warnow)-Tarif anzuwenden ist. Das ist auch immer politisch schwierig. Auf der einen Seite will man keine Preiserhöhungen und auf der anderen habe ich aber Kosten, die nicht sinken. Ungefähr 60 Prozent sind Personalkosten. Wenn ich Tarifanpassungen zugestehe, bekomme ich das mit anderen Kosten nicht wirklich kompensiert. Das kann ich nur über Fahrpreise.

Wird es dabei eine Obergrenze geben?
Wir sind im Vergleich zu anderen Städten gar nicht schlecht. Von Warnemünde bis Südblick können Sie für ein 2,10-Euro-Einzelticket fahren. Das ist günstig. Auch für Vielfahrer im Monatsticket sind wir günstig. Aber der Einzelne, der nur punktuell fährt, sagt sich: „Das ist ja teuer.“ Und wenn er die Parkplatzgebühren in der Stadt einbezieht, dann sagt er sich, dass es mit dem Auto günstiger ist. Da sind wir hinterher gegenüber anderen Städten. Parken ist billig in der Stadt.

Ist der Hauptansatz, mit Touristen mehr einzunehmen oder mit Rostockern?
Beides. Wir gucken auf den Freizeit- und Samstagsverkehr in der Innenstadt. Wir haben mit Mobil 2016 nachgebessert, fahren häufiger, um einen Anreiz zu schaffen. Das würde natürlich noch einfacher, wenn das Parkraumkonzept proaktiver für den ÖPNV wäre.

Wenn mehr Leute fahren, können Preiserhöhungen ein bisschen warten oder?
Ja, und wir haben sowieso eine Zwei-Jahresstrategie im VVW. Wir passen nur noch alle zwei Jahre die Preise an. Wir müssen aber den Blick in die Zukunft haben. 2022 steht die Neubeschaffung von 40 Straßenbahnen an. Die 6N1 werden wir ersetzen müssen – ob auf einen Schlag, klären wir gerade noch. Die Nutzungsdauer einer Bahn liegt bei etwa 30 Jahren. Wir sind gerade am Ende des Lebenszyklus.

Wie kostenintensiv wird die Neuanschaffung?
Sie müssen mit 3,5 Millionen pro Stück rechnen und multiplizieren Sie das mit 40... Jetzt können wir das noch strecken, indem wir einen Teil der Bahnen ertüchtigen.

Es ist ja eigentlich fast nett bei den Kosten, dass das Einzelticket noch nicht zehn Euro kostet...
Das wird auch immer im Aufsichtsrat kontrovers diskutiert, wenn gewisse Parteien sagen, sie können der Preiserhöhung nicht zustimmen. Auf der anderen Seite müssen sie aber unserem Wirtschaftsplan zustimmen. Es muss am Ende in der RVV aufgehen, wir können den Verlust nicht ins Unermessliche gehen lassen. Es muss von den Gewinnen der Stadtwerke, der Stadtentsorgung, der Fischereihafen hat auch einen kleinen Teil, der da reinkommt und bald durch die Nordwasser, getragen werden.

Haben Sie mehr zur Verfügung, wenn Nordwasser dazukommt?
Nein. Die Gewinne der Stadtwerke werden ja langfristig sinken.

Weil?
Sie haben kein Monopol mehr. Und dann wird geschaut, sind die Stromkosten tatsächlich marktgerecht. Ich sehe nicht, dass wir mittelfristig all unsere Kosten mit Beförderungsentgelten decken.

Ist die Nordwasser eine Hoffnung zur Finanzierung der Straßenbahnen?
Nordwasser ist die eine Komponente. Aber eine der wesentlichen Hoffnungen, die wir haben, sind Fördermittel, die wir noch beantragen.

Senator Matthäus hat angeregt, dass Straßenbahnstrecken ausgebaut werden – nach Sievershagen zum Beispiel. Denken Sie über so was nach?
Für uns ist vieles denkbar, auch Richtung Biestow könnte man sich Dinge vorstellen. Aber es hängt von der Bebauung ab, davon, wie viele Menschen dort leben, dass eine Bahn wenigstens halbwegs wirtschaftlich ist. Aber wenn neue Stadtgebiete entstehen, sind wir auch bereit, da ÖPNV hinzuführen. Und wenn man es in der Stadtentwicklung perspektivisch macht, kann man auch Trassen freihalten.

Ist denkbar, ins Umland Bahnen fahren zu lassen?
Ja. Da ist aber die Frage: Wie arbeitet die Hansestadt mit dem Landkreis zusammen und wer beteiligt sich an den Kosten? Für den Kunden wäre das an der ein oder anderen Stelle sinnvoll. Wir sind auch mit Rebus im Gespräch, wo man Umsteigebeziehungen so optimieren kann, dass es kundenfreundlicher ist.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Rebus?
Gut. Wir sind ja Gesellschafter im VVW – da müssen wir sowohl über Tarif als auch andere Sachen Einigkeit herstellen. Das ist nicht immer konfliktfrei. Aber wir finden zumindest immer einen Kompromiss. Auch das Thema Mobile Ticketing ist eine Sache des VVW – also das Handyticket. Es ist eine Gemeinschaftsaktion, das auf den Markt zu bringen.

Zu wann ist das denkbar?
Zum Ende des Jahres – wollen wir. Wir werden die Ausschreibung demnächst veröffentlichen.

Das wird aber nicht im Laufe der nächsten 20 Jahre völlig umgestellt?
Nein, es wird auch weiter Kundenzentren geben. Aber wir können jungen Leuten, die smartphoneaffin sind, damit ein besseres Angebot geben.

Eine Umstellung, die Sie auch vorhaben: E-Busse. Da gab es Probleme, weil die Batterie nicht ausreicht?
Das ist unser Pilot für Warnemünde. Technisch geht da sogar was, das könnte reichen. Der Knackpunkt ist die Finanzierung. Ein E-Bus ist doppelt so teuer wie ein Diesel.

Das heißt?
600 000 muss man schon rechnen. Der E-Bus wird perspektivisch den Dieselbus ablösen. Das wird Auswirkungen auf unseren Bus-Hof in Schmarl haben. Da werden wir die Ladetechnik vorhalten müssen und Strom in der Menge, den die Busse brauchen. Wir sind im Gespräch mit den Stadtwerken, wie so was aussehen könnte. Wenn, wird das aber erst mal nur was für Warnemünde und auch nur, wenn die Förderung da ist – vom Land oder vom Bund.

Ab wann?
Wir haben durchaus Überlegungen für 2018. Aber noch ist das nicht abschätzbar.

Hintergrund: Die RSAG

  • 53 Straßenbahnen auf 6 Linien
  • 68 Busse auf 26 Linien
  • 725 Mitarbeiter
  • 40 Millionen Mitfahrten jährlich
  • Finanzierung: 29,78 Millionen Euro aus Beförderungsentgelten, 9,47 von der RVV, 3,84 Ausgleichszahlungen gemäß Personenbeförderungsgesetz, 2,35 Abgeltungszahlungen VVW und 0,33 Reklame
Kommentar: Ein hartes Langzeitziel
„Zu teuer“ – ich muss zugeben, das denke ich auch, wenn ich fünf Stationen mit der Straßenbahn fahre, nicht aber, wenn mich das Einzelfahrticket durch die ganze Stadt und bis nach Warnemünde bringt. So denken viele Rostocker und lassen gern ihr Auto stehen, um im Sommer an den Strand zu kommen. Aber Touristen ticken eher nicht so. Rostock ist keine Stadt, in deren Randgebiet Touristen fahren, um mit Bus und Bahn in den Kern der City vorzudringen – leider. Woran liegt es? – Noch geht es anders! Der große Parkplatz am Stadthafen – ja, den würde ich auch nutzen, ehe ich mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln beschäftige. Aber will die Stadt das? Eine autofreiere Innenstadt, ein autofreies Seebad – das sind doch eigentlich erklärte Ziele der Verwaltung. Nur wie erreicht man die? Eine Steigerung der Parkgebühren wäre eine Option, aber das träfe auch viele Menschen, die in der Stadt arbeiten. Das ist nicht zumutbar. Die Verwaltung hat also noch einiges zu tun, um das Langzeitziel zu erreichen. Ich möchte da nicht mit den Verantwortlichen tauschen.
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erstellt am 15.Mär.2017 | 12:00 Uhr

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