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Norddeutsche Neueste Nachrichten

30. April 2017 | 20:44 Uhr

Rostock : Der Kampf gegen das Jucken

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Amerikanerin mit seltener Erkrankung wird als erste Frau in MV mit einem verbesserten Leberdialyse-Verfahren behandelt.

Das erste Mal spürte sie es 2009. Belkis Kambach verließ gerade wieder mal ein Kreuzfahrtschiff und spürte plötzlich ein Jucken an ihren Füßen. „Ich dachte, im Schiff seien Käfer in meine Schuhe gekrabbelt“, sagt die Amerikanerin. Ihre Ärztin untersuchte sie auf Hautprobleme und fand nichts. Das Problem musste tiefer liegen. Ein Bluttest brachte die Diagnose. Belkis Kambach hatte noch nie davon gehört. Primär Biliäre Leberzirrhose (PBC), eine seltene Autoimmunerkrankung der Leber, bei der die kleinen Gallengänge zerstört werden. Die Folge: Giftstoffe werden nicht ausgeschieden, sie lagern sich unter der Haut ab und verursachen ein unerträgliches Jucken. Belkis Kambach nennt PBC eine Strafe.

Sie hat es eingestellt, anderen von ihrem Problem mit der Leber zu erzählen. „Sie glauben, man sei ein Säufer oder habe sich beim Sex eine Hepatitis zugezogen.“ Die Krankheit schreitet unaufhaltsam fort. Am Ende des Wegs kann nur noch eine Lebertransplantation stehen. Bis dahin muss man aber das höllische Jucken zu nehmen lernen.

Kambach ist Professorin für Reisen und Tourismus an einer Universität in Minnesota, einem Staat im Norden der USA. In ihrer Abteilung für Geographie ist sie die erste Schwarze – und die erste und bisher einzige Frau im 16-köpfigen Team. In vorlesungsfreien Zeiten verrät sie Touristen auf Kreuzfahrtschiffen alles Spannende zu ihren Reisezielen in Skandinavien. Keiner der Urlauber würde vermuten, dass seine quirlige Dozentin schwerkrank ist. Von PBC Betroffenen sieht man das Leiden meist nicht an. Kambach, eine attraktive 49-Jährige, geht nie ohne das Kulturtäschchen aus dem Haus, in dem sie ihre Kratzwerkzeuge aufbewahrt. Auf dem Patientenbett in der Nephrologie der Universitätsmedizin Rostock breitet sie ihre Kämme, steifen Bürsten, Gabel und Messer aus. Messer? „Damit bearbeite ich die Füße. Es ist kein Jucken auf der Haut, sondern darunter. Man möchte sein Blut kratzen.“

Den Juckreiz mindert ein modernes Verfahren namens MARS, das in Rostock entwickelt wurde. Wie bei der Dialyse für Nierenpatienten wird Blut aus einer Vene gepumpt und fließt außerhalb des Körpers durch ein Filtersystem mit einer reinigenden Lösung. Auf diese Weise gelangt das Blut von Giftstoffen befreit wieder in den Menschen. In den USA ist MARS für einige Krankheitsbilder bereits zugelassen – PCB fällt bisher nicht unter die Anwendungsgebiete.

Den meisten Betroffenen in den Staaten fehlt die Information, dass die Methode überhaupt existiert. „Sie wird wenig publik gemacht“, erzählt Kambach.

Das Blutreinigungsverfahren wird unter anderem an der international renommierten Mayo-Klinik in Minnesota angewendet. Weil sie dort lebt, hat Kambach die helfende Therapie also praktisch vor ihrer Nase. „Dort gehen Promis ein und aus. Aber mir hilft man dort nicht“, sagt sie. „Behandlungen in den USA erstatten die Kassen in der Regel nur, wenn ein Verfahren für ein Krankheitsbild ausdrücklich zugelassen ist“, berichtet Kambachs Arzt in Rostock, Dr. Jan Stange. Ansonsten könne der Patient mitunter als Selbstzahler und auf Verantwortung des Arztes die Therapie bekommen. „Drei Tage am Gerät kosten dann nicht selten um die 30 000 Dollar, die üblicherweise hohen Krankenhausaufenthaltskosten noch nicht einberechnet“. Für Kambach, auch als Universitätsprofessorin, unerschwinglich. Zumal die Leberdialyse den Juckreiz maximal zwei, drei Monate erträglicher macht. Dann muss die nächste Behandlung her.

Das Kribbeln unter ihrer Haut lasse sie in den schlimmsten Phasen nur ein, zwei Stunden schlafen, erzählt Kambach, sie ist chronisch erschöpft. Eine unvorstellbare Belastung für die 49-Jährige und ihre Tochter, die inzwischen 13 ist. „Sie hatte keine ordentliche Kindheit, verbrachte Monate mit mir in Kliniken. Das bricht mir das Herz.“ Über soziale Netzwerke hält die Mutter Kontakt zu Tausenden PBC-Betroffenen weltweit. „Es kommt vor, dass jemand so verzweifelt ist, dass er sich im siebten Stock seiner Wohnung auf die Balkonbrüstung setzt und zu springen droht, wenn ihm der Arzt nicht den Juckreiz nimmt.“ Den Erfolg ihrer Behandlung in Deutschland verfolgen viele andere Betroffene. „Ich muss ihnen alles berichten. Wenn es mir hilft, wollen sie dasselbe“, sagt die Professorin.

Über glückliche Wege kam die Amerikanerin nach Rostock. Als sie Jan Stange kennenlernte, machte der sich mit ihrem Fall vertraut und lud sie zu einer Medizinerkonferenz in Warnemünde ein. Kambach schilderte ihr Schicksal und erhielt viel Aufmerksamkeit. Anne Wilken von der Firma ProMedTours kümmert sich seitdem um die Logistik für Kambachs Anreisen. 2013 war es erstmals so weit: Stange begann, die Patientin testweise mit dem MARS-System und einer Weiterentwicklung zu behandeln – mit Erfolg. Der Giftstoff-Abtransport verbesserte sich, der Juckreiz ließ etwas nach, sie schlief erstmals durch. „Jan vertraue ich ganz und gar“, sagt die Geographin über ihren Arzt. Bei ihrem jüngsten Aufenthalt im Juni setzte die Dialyse erstmals in Rostock ausschließlich die Weiterentwicklung von MARS ein, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung mehrere Jahre lang mit Geldern förderte: Kambach ist der erste weibliche Patient an der Universitätsmedizin Rostock, an dem das Ergebnis OPAL (Open Albumin Dialyse), entwickelt von der Rostocker Firma Albutec, angewandt wird.

Albumine, Proteine im Blut, über die im gesunden Körper Giftstoffe abtransportiert werden, sind bei Leberkranken hoffnungslos überladen. Bei OPAL wird ein durch spezielle Adsorber aufgereinigtes Albumin verwendet, bei dem die einzelnen Moleküle noch mehr Bindungsstellen für Giftstoffe bieten und größere Mengen davon aus dem Körper befördern können. „Die Patientin schätzt, dass es ihr schneller half als unsere ursprüngliche Entwicklung MARS, die inzwischen etwas in die Jahre gekommen ist“, sagt Jan Stange. „Wir haben mit Prof. Steffen Mitzner, Leiter der Rostocker Nephrologie, MARS 1992 entwickelt und seit 1998 kommerzialisiert.“

Neue Verfahren hätten sich in der Medizingeschichte aber immer nur dann nachhaltig durchgesetzt, wenn sie mit dem technischen Fortschritt mithielten. „Ich schlafe wie ein Baby – und lasse meine Fußsohlen in Ruhe“, sagt Belkis Kambach und steckt ihre Kulturtasche zurück in ihren Koffer. Ihre Tochter würde der Mama gern einen Teil ihrer Leber spenden. Doch das kommt für Belkis Kambach nicht infrage. „Die Wahrscheinlichkeit ist leider groß, dass sie auch mal Leberprobleme bekommt.“

PBC bekommen fast ausschließlich Frauen – bei der ersten Periode, mit der Geburt des ersten Kindes oder zu Beginn der Menopause. Kambach vermutet darin einen Grund, warum bisher wenig in Erforschung neuer Therapien investiert wird. „Ein weiterer ist, dass ich eine schwarze Singlemutter bin, noch dazu mit Wurzeln in der Dominikanischen Republik. In den USA besteht kein Interesse daran, mir zu helfen.“ Paradox: Da ihre Krankenversicherung ihr als beruflich Reisende Auslandskrankenhausaufenthalte erstattet, konnte Jan Stange die Krankenkasse zu Weihnachten 2013 überzeugen, die Therapie in Rostock zu erstatten. Ist ein Auslandskrankenversicherter im Ausland stationär aufgenommen, ist der dortige Behandlungsstandard anwend- und abrechenbar. Belkis Kambach hat also schlicht Glück, so viel auf Achse zu sein.
 

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