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Norddeutsche Neueste Nachrichten

01. September 2016 | 01:29 Uhr

60 Jahre Ostseestadion : Damals lief da die eine oder andere Ratte rum

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Fahnenstange, Steine vom Marathontor und Stadionturm, ein Holzsitz – Hansa-Urgestein Juri Schlünz und seine Erinnerungen an das alte Ostseestadion

Juri Schlünz, der sagenhafte 406 Pflichtspiele für den FC Hansa bestritt,
u. a. auch als Trainer der Profis erfolgreiche Arbeit leistete, hat natürlich einen ganz besonderen Bezug zum 60-jährigen Ostseestadion. Mit dem jetzigen Leiter der Nachwuchsakademie des Vereins sprach Peter Richter.

Herr Schlünz, Sie haben aus dem alten Stadion eine Fahnenstange, Steine vom Marathontor und Stadionturm sowie einen Holzsitz aufgehoben – ein halbes Museum. Was bedeuten Ihnen diese Gegenstände?

Juri Schlünz: Das ist alles verbunden mit Erinnerungen auch an Besuche mit meinem Vater, als ich zehn, elf, zwölf Jahre alt war (Schlünz verlor schon mit 14 seine Eltern – d. Red.), an die Zeit, als wir als Kinder über die halbe Fläche die Vorspiele bestreiten durften. Heute wollen alle Profi und Millionär werden – ich wusste, bis ich 17 war, nicht mal, dass man auch in der DDR Geld fürs Fußballspielen kriegen kann. Ich wollte einfach nur einmal mit den Großen in diesem Stadion auflaufen. Das war mein Ziel, warum ich überhaupt Fußball gespielt habe. Und
es war das Glücksgefühl schlechthin, als das dann im September 1979 in der DDR-Liga gegen Schiffahrt/Hafen Rostock wahr wurde und ich bei unserem 3:0-Sieg gleich zwei Kopfballtore erzielte.

An gleicher Stelle kamen Sie auch für die DDR-Olympia-Auswahl – 1983 beim 1:0 über Finnland – zum Einsatz. Und drei Jahre vorher in der U21-Nationalmannschaft. Das Duell mit Norwegen endete 0:4…

Oh ja, ich kann mich an beide Partien erinnern. Gegen Finnland machte ich mich auf dem Rasenstück unter dem Stadionturm zur Einwechslung warm, als auf einmal jemand „Juri, Juri!“ rief. Ich dachte erst, das käme aus dem Publikum. Es war aber Dieter Schneider (Hansa-
Urgestein, früherer DDR-
Nationaltorhüter – d. Red.), der sich aus dem Fenster des Turms unterhalb der Anzeigetafel beugte… In dem Norwegen-Spiel kam ich zur zweiten Halbzeit rein und hatte das Pech, ein Selbsttor zu erzielen, als ich in einer Zwei-Mann-Mauer stand und einen seitlichen Freistoß der Norweger mit dem Kopf ins eigene Tor abfälschte.

Woran erinnern Sie sich im Zusammenhang mit dem Ostseestadion am liebsten?

Am schönsten war wohl, als ich 2001 – dann schon im neuen Stadion – Interimstrainer war, der gerade eingewechselte Dietmar Hirsch vor 30 000 Zuschauern in der 86. Minute den 1:0-Siegtreffer gegen Bayern München erzielte und das ganze Stadion meinen Namen rief. Das war gigantisch. An 1991 – das 3:1 gegen Dresden mit zwei Freistoßtoren von mir, das uns zum letzten Ost-Meister machte – erinnere ich mich natürlich auch gern. Und an meinen Treffer in der Saison 1991/92 gegen Oliver Kahn, der damals noch beim Karlsruher SC war. Der Ball passte genau in den Dreiangel – da konnte selbst ein zukünftiger Titan nichts dran ändern!

Und woran denken Sie gar nicht gern zurück?

An die Stadionläufe oben auf dem Damm: Treppe runter, die nächste wieder hoch – und das fünf Runden lang. War ein bisschen anstrengend… Neben der Partie 1992 gegen Eintracht Frankfurt, als wir am letzten Spieltag trotz unseres 2:1-Sieges aus der 1. Bundesliga abstiegen, denke ich vor allem an 1983, an das 1:2 gegen den FC Karl-Marx-Stadt, als ich mir in
einem Zweikampf einen Innenbandriss im rechten Knie zuzog. In der damaligen Zeit ist man mit so was noch lange ausgefallen. Ich war ein Dreivierteljahr außer Gefecht. Das hat mich die Olympia-Teilnahme gekostet. Davon abgesehen wurden die Spiele 1984 in Los Angeles dann ja ohnehin boykottiert.

Was ist der wesentlichste Unterschied zwischen altem und neuem Stadion?

Die Bedingungen. Zu meiner aktiven Zeit hatten wir einfachste Verhältnisse. Das ist mit heutigen Standards nicht zu vergleichen. Damals ist da nachts schon die eine oder andere Ratte rumgelaufen und, als wir am nächsten Tag kamen, aus der Tasche eines Spielers gesprungen. Da wurden auch die Sachen nicht
jeden Tag gewaschen, die wurden nur zum Lüften aufgehängt. War nichts für empfindliche Nasen seinerzeit…

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erstellt am 27.Jun.2014 | 11:50 Uhr

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