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Norddeutsche Neueste Nachrichten

30. September 2016 | 03:29 Uhr

Blindenprojekt in Rostock : Chris erfüllt sich Tennistraum

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

In Rostock können Blinde und Sehbehinderte jetzt den Schläger schwingen. Fernziel sind die Paralympics.

„Super, Chris! Fast! Schade!“ – Tennistrainer Rick Timmermann kommentiert jeden Ball auf dem Sandplatz des Akademischen Rostocker Tennis Clubs 90. Das muss er auch, denn seine Schülerin ist blind: Mit Leidenschaft und einem Strahlen im Gesicht übt Chris Kaplan immer wieder Vorhand, Rückhand und Aufschläge mit einem rasselnden Spezialball aus Japan. „Das macht einen Mordsspaß und ist bei mir nicht Ehrgeiz getrieben, sondern einfach eine große dicke Freude“, sagt die 40-Jährige.


Vor dem Fernseher
die Regeln erschlossen


Sie ist von Geburt an blind und „absoluter Tennisfan seit meinen Teenagerjahren“, erzählt die Evershägerin. Eine ihrer vier älteren Schwestern hätte damals Bravo gelesen und für Andre Agassi geschwärmt. Den fand Chris Kaplan zwar auch cool, das Spiel an sich aber viel spannender. „Ich habe stundenlang vor dem Fernseher gesessen und mir durch die Kommentare und die Zählweisen die Regeln selbst erschlossen“, erinnert sie sich. Höhepunkt dieser Zeit war ein Besuch des Hamburger Tenniskomplexes Am Rothenbaum mit ihrer Mutter. „Wir saßen genau am Court, das war zum Hören ideal“, sagt Chris und erzählt weiter, dass sie „damals schon lange überlegt hat, wie und ob auch ein Blinder Tennis spielen könnte“.

Während des Studiums der Außenwirtschaft in Reutlingen hätte sie sogar versucht, mit ihrer Mitbewohnerin einen speziellen Ball zu bauen, der Blinden das Tennisspielen ermöglicht. Doch der entsprach nicht den Vorstellungen der Rostockerin, die daraufhin mit einem normalen Schläger und Bällen gegen die Wand ihres Zimmers spielte.

Dass sie wie mittlerweile auf einem Sandplatz in Rostock steht, erschien damals wie ein weit entfernter Traum, an dessen Erfüllung sie konsequent festhielt. 2011 entdeckte sie im Internet, dass in Japan und England schon länger Blindentennis gespielt wird. Nachfragen beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband verliefen aber ergebnislos. Erst im Frühjahr 2016 wurde Chris Kaplan nach Köln zu einem Workshop eingeladen. Ein Wochenende lang erklärten ihr zwei englische Blindentennis-Trainerinnen, wie das Spiel funktioniert und umgesetzt werden kann. Ziel des Workshops war, dass die Teilnehmer in ihren Heimatorten regionale Gruppen starten.

Chris Kaplan war Feuer und Flamme für die Idee, begeisterte dafür auch ihren Ehemann Pavel, ihren Kollegen Robert, mit dem sie zusammen beim Callcenter von Ikea arbeitet, und Freundin Simone. Über das HCC nehmen sie Kontakt mit dem Rostocker Tennislehrer Sven Timmermann auf, der sich bereit erklärt, das Quartett zu unterrichten. Als Unterstützung holt er seine Kinder Linn und Rick mit ins Boot, die ebenfalls Tennis spielen und trainieren. „Mein Vater kannte Blindentennis vorher auch nicht, hat das aber als Herausforderung gesehen und angenommen“, erinnert sich Rick.

Auch Chris Kaplan weiß noch, wie vor rund zweieinhalb Monaten alles begann – mit aus Köln geborgtem Material, weil die speziellen Rasselbälle aus Japan stammen und ihre bestellten noch nicht da waren. „Es war so ein großartiges Gefühl, auf dem Sandplatz zu laufen“, sagt sie und kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. „Ich finde den Klangball auf Schläger so toll – und es ist ein wunderschöner Ton, wenn er übers Netz geht“, sagt die 40-Jährige, die mittlerweile in einer Trainingsstunde neun Bälle übers Netz bekommt – Rekord der Rostocker Gruppe.


Nächster Schritt ist
die Vereinsgründung


Mit Trainer Rick ist immer Zeit für einen Plausch. „Er hat viel von dem Spezialwissen, was mich interessiert, zum Beispiel die Techniken bestimmter Spieler“, sagt Chris Kaplan, die Rafael Nadal für „wahnsinnig talentiert“ hält und den Spanier David Ferrer dafür bewundert, „wie viel er arbeitet“.

Auch wenn Blindentennis in Rostock noch in den Kinderschuhen steckt, hat Chris Kaplan große Pläne. Nächster Schritt sei die Gründung eines Vereins, für den ein Kassenwart gesucht wird. Für 2017 plant sie, mit Trainingspartner Robert nach England zu fahren und an einem Blindentennis-Turnier teilzunehmen. Fernziel sei, dass der Sport paralympisch wird – egal, ob sie dann live oder vor dem Fernseher dabei wäre. Um für ihren Sport zu werben, würde die Rostockerin am liebsten „auf Profiturnieren Demos spielen“, um noch mehr Blinde und Sehbehinderte für Tennis zu begeistern. Für Chris Kaplan ist der Sport aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. „Das ist mein Traum, ich wollte das schon immer und es gibt nichts, was ich mir so lange gewünscht habe“, sagt sie und freut sich, als der rasselnde Ball auf ihren Schläger trifft und sie ihn per Rückhand übers Netz bekommt.

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erstellt am 22.Sep.2016 | 12:00 Uhr

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