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Norddeutsche Neueste Nachrichten

09. Dezember 2016 | 04:58 Uhr

Elbdorf Unbesandten : Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

vom

Gemeinnütziger Verein Maschinen-Performancegruppe BBM restauriert den denkmalgeschützten Hof Fick im kleinen Elbdörfchen Unbesandten

Ein weiteres, völlig marodes Bauerngehöft erwacht im Elbdörfchen Unbesandten (Lenzerwische)   aus seinem Dornröschenschlaf. Der denkmalgeschützte Hof Fick bestehend aus niederdeutschem Hallenhaus, Durchfahrtsscheune, Wirtschaftsgebäude und Wohnhaus, am Elbdeich 17 verwandelt sich  in ein malerisches Schmuckstück, erweckt von Mitgliedern der Maschinen-Performancegruppe BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen).

„Als gemeinnütziger Verein haben wir 2011  den Hof erworben, um ihn zu einem Rückzugsort zu machen und, um Projekte zu entwickeln“, erzählt Olaf Arndt, der BBM im Jahr 1989 mit Titus Kockel und CFN Werner gründete. In aller Ruhe und Abgeschiedenheit wollen sie hier   Projekte vorbereiten, auf den Flächen diverses austesten. Arndt spricht von bildenden Künstlern, von Akteuren der Theater- und Opernszene.

Die Suche nach einem geeigneten Objekt nahm  Zeit in Anspruch. „Wir haben an der Oder angefangen, doch die Region war zu weit entfernt für  Vereinsmitglieder aus Hannover  oder Bremen. Werder, Havelberg, Quitzöbel haben sie sich angeschaut.  „Je weiter wir nach Westen kamen, umso schöner wurde die Gegend“, sagt Arndt. Ein Inserat lenkte ihre Aufmerksamkeit schließlich auf Unbesandten.

Beim ersten Besuch sei alles    grau gewesen, das   Gehöft in einem jämmerlichen Zustand, so wirft Frederike Schönenbach ein. „Aber die Stimmung hat sofort gestimmt“, erinnert sich die spätere Hausherrin. Mehrere Interessenten hätte es für das Ensemble gegeben. „Unser Konzept hat  überzeugt. Die Eigentümer waren froh, dass sich jemand um das Objekt im Sinne ihres Großvaters kümmert“, sagt Olaf Arndt.

 Mit dem Bauernhof erbte der Verein  Dokumente und alte Fotos. Alles war sorgfältig in einem Koffer aufbewahrt und in Folie eingewickelt. Darunter ein Foto aus dem  Winter 1910. Auf diesem liegen vor dem Hallenhaus   zwei Eichen, mit denen das Haus repariert werden sollte.

Otto Fick, Besitzer bei Kriegsende,  hatte beide Söhne an der Ostfront verloren. Ab 1941 verwahrloste der Hof. 1949 fand Fick in Bruno Heinecke einen Hoferben, der seine Tochter Charlotte heiratete. Heinecke war Schmied in Wootz und kein Landwirt. Nur das Wirtschaftshaus wurde gepflegt, da es ihm als Hufschmiede und Schweinestall diente.

 Das Hallenhaus wurde mehrfach umgebaut,  den Bedürfnissen einer radikal verkleinerten Viehwirtschaft angepasst. Der Wohnteil diente als Metallwerkstatt – Heinecke war auch Brunnenbauer –, die Diele als Lager. Türen wurden aus den Stuben ausgebaut und zu Stalltüren umfunktioniert, Räume  neu zugeschnitten. 

Bei all dem wurde das vorhandene Baumaterialien genutzt. Das Gebäude wurde entweder 1825 errichtet, wie eine Inschrift in einem Balken vermuten lässt, oder aber bereits 1726, was eine zweite  Inschrift nahe legt.

Während der DDR-Zeit war der Zugang zum Reet aus dem Deichvorland abgeschnitten,   die Reetdächer im Hof  verfielen.  1975 und 1989 habe es die letzten nachweisliche Reparaturen im Hof Fick gegeben.

In den 90er Jahren baute  Heinecke das Dach   um  und legte   gebrauchte Futterbänder auf den First. Diese orangefarbenen, gewebeverstärkten Transportbänder aus der Rinderzuchtanlage sind ortstypisch auf allen unrestaurierten Hallenhäusern zu finden. „Unser Dach wurde zuletzt um das  Jahr 2000 geflickt und durchfeuchte gebrochene Balken notdürftig repariert. Damals war Heinecke bereits 84 Jahre alt und fast blind“, erzählt Lars Vaupel.

Wiederaufbau mit

Fördermitteln realisierbarDass der Wiederaufbau des Bauerngehöfts, neben handwerklichem Geschick und viel Liebe zum Detail, auch eine Menge Geld erfordere, wussten er und Frederike Schönenbach. Rund 450 000 Euro veranschlagten die Vereinsmitglieder als Kosten für die Restaurierung. 2013 gab es für das Vorhaben diverse Fördermittel, unter anderem von der EU, (gepaart mit Mitteln des LELF), dem Landkreis sowie Bundesmittel aus einem Denkmalschutzprogramm. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hatte das Vorhaben bereits   2012 maßgeblich mit unterstützt, so Arndt. 

In enger Kooperation mit der Unteren Denkmalbehörde und dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege wird   nun behutsam saniert. Ziel dabei sei es, den Hof als ein einzigartiges Dokument der Wirtschaftsgeschichte zu erhalten. „Die Kosten konnten wir relativ niedrig halten, weil der Verein das Eichen- und Eschenholz aus dem Ferbitzer Forst auf dem Hof hat gattern lassen“, sagt Friederike Schönenbach. „Wir wollten laut Umbaukonzept zudem nur regionale Materialien verwenden, keine neuen Steine.“

Auf der Suche nach altem Baumaterial kam dem Verein auch der Zufall zu Hilfe.  Nach einem Tipp wurden die Künstler in Laaslich fündig. Hier sollte ein einsturzgefährdetes Haus aus der gleichen Zeitperiode wie ihr Gehöft abgerissen werden. „Wir haben elf Leute zusammengetrommelt und das gesamte Haus Stück für Stück zurückgebaut. 7000 Biberschwanzdachziegel, die über 200 Jahre alt sind, 11 000 Steine und eine große Portion Fachwerk“, listet Olaf Arndt auf und spricht von einem echten  Glücksfall.

Mit der Dorfbevölkerung haben sich die Neu-Unbesandtener nach eigenen Angaben  bestens arrangiert. So entfernten die Vereinsmitglieder mit Hilfe der Wootzer Verwandtschaft der früheren Hauseigentümer   40 Kubikmeter feuchtes Heu aus der Scheune. Nach der Bindetechnik zu urteilen, dürften einige der Garben  über 100 Jahre alt gewesen sein.

Das Hallenhaus wurde inzwischen von einem Familienunternehmen aus dem Stettiner Haff mit Reet gedeckt, das auch den Dachstuhl repariert hat,  befindet sich innen aber noch im Rohbau. „Wir wollen im Inneren eigentlich gar nicht viel verändern“, erzählt Olaf Arndt. „Wir werden die Stuben einrichten, wie sie einmal waren, und auch die Stromkabel wie damals oberhalb verlegen“, ergänzt Friederike Schönenbach ein.

Die Renovierung der Gebäude, auch der noch als Gerippe posierenden Durchfahrtsscheune, soll bis Jahresende abgeschlossen werden. „Den Feinschliff können wir in den kommenden Jahren   machen“, sind sich die Vereinsmitglieder  einig.

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erstellt am 02.Jul.2014 | 08:45 Uhr

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