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Der Prignitzer

03. Dezember 2016 | 03:30 Uhr

Kritik nach Tierangriffen wächst : Wölfe in der Prignitz: Wann ist das Maß voll?

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Tierhalter diskutieren Lage nach den jüngsten Übergriffen und sehen die Politik in der Pflicht

„Wie viele Wölfe verträgt Brandenburg, vertragen die Kulturlandschaften in der Uckermark, der Lausitz oder auch in der Prignitz, ohne Schaden zu nehmen?“, Diese zentrale Frage stellte Christina Stettin, Geschäftsführerin des Prignitzer Kreisbauernverbands, im Pritzwalker Hof in Buchholz in den Raum. Hier trafen sich am Donnerstag (der „Prignitzer“ berichtete kurz) rund 80 Tierhalter aus Brandenburg und benachbarten Bundesländern. Sie diskutierten die Situation nach jüngsten Übergriffen der Wölfe (wir berichteten). Der Schafzuchtverein Prignitz hatte dazu eingeladen.

Wie akut sich die Situation in den vergangenen Wochen zugespitzt hat, zeigt das Beispiel von Schäfermeister Marc Mennle. 29 Tiere habe er verloren, sagte er. Der Wolf habe seine Herden an der Elbe angegriffen. Lothar Pawlowski aus Karstädt beklagt ein Kalb, und in Birkholz verlor ein Schafhalter ebenfalls mehrere Tiere im Oktober.

Mennle fordert von der Politik massive Unterstützung. Schäfer und Tierhalter würden die Kulturlandschaft Brandenburgs erhalten, die Deiche pflegen, aber werden selbst in ihrer Existenz durch eine geschützte Art bedroht. Seinen Schaden an den Zuchttieren beziffert er auf mehr als 18 000 Euro.

Berufskollegen würden ähnliche Erfahrungen machen. Mennle fordert einen ausgewogenen Schutz für den Wolf, der Wolf und Schäfer leben lässt.

Knut Kucznik, Vorsitzender des Brandenburgischen Schafzuchtverbands, sprach von täglich zwei bis drei Übergriffen auf Nutztierherden im Land. Dis bisher geltenden Regeln für Entschädigungen seien unzureichend und zu kompliziert. Problematisch sei, dass Tierhalter innerhalb von drei Jahren maximal eine Entschädigung von 15  000 Euro erhalten können. Wenn ein guter Zuchtbock schon etwa 4000 Euro kostet, können viele Schäden oft gar nicht reguliert werden, nannte Landwirt Lothar Pawlowski ein Beispiel.

Das Geld gibt es auch nur, wenn eindeutig nachgewiesen ist, dass Wölfe das Tier gerissen haben. Die Beweisführung sei komplex, bürokratisch und zeitlich aufwändig. Die Kosten für einen Zaunbau oder andere Sicherheitsmaßnahmen seien gar nicht abgedeckt.

Knut Kucznik kritisierte die Landesregierung in einem weiteren Punkt. Im Januar hätten rund 100 Tierzüchter Förderanträge für besseren Herdenschutz gestellt, sagte er. Die Anträge sollten von der Landesinvestitionsbank bearbeitet werden. Bislang sei aber nicht ein Bewilligungsbescheid ergangen.

Neben dem Herdenschutz stellen sich Fragen der Haftung. Die Haftung für Schäden durch den Wolf an den Tieren, aber auch für Schäden Dritter. „Wer haftet, wenn die Kuhherde vor dem Wolf auf die Autobahn flieht, andere Felder zertrampelt oder sogar Menschen zu Schaden kommen?“, fragte ein Teilnehmer.

Auf diese und andere Fragen scheint es noch keine Antworten zu geben. Vor Ort konnten sie jedenfalls nicht beantwortet werden, weil trotz Einladung keine Vertreter der Landesregierung anwesend waren. Die Tierhalter halten der Regierung Blauäugigkeit und ein falsches Herangehen an den Wolf vor.

„Der Wolf ist ein Raubtier. Er springt über Zäune und tötet, um zu leben. Wenn nicht genug schwaches Wild da ist, fällt er in unsere Herden ein. Es muss trotz des Artenschutzes möglich sein, Wölfe zur Strecke zu bringen, wenn sie Probleme bereiten“, warf ein Vertreter aus dem Spreewald in die Runde.

Manche Tierhalter fordern deshalb eine Änderung im Jagdgesetz, so dass der Wolf als bejagbares Wild eingeordnet wird. Sie fürchten eine ähnliche Entwicklung wie beim Waschbären. Einst streng geschützt, gilt er heute als eine Plage. Es sei zu befürchten, dass die Politik erst aufwacht, wenn niemand mehr eine freie Herde auf den Grünflächen sieht und niemand mehr allein durch den Wald streifen mag.

Ähnlich besorgt äußerte sich Hartmut Laube aus Rüdersdorf (Märkisch-Oderland). Der Traum von der eigenen Herde sei zum Albtraum geworden. Immer wieder gebe es Einbrüche von Wölfen in die Herde, gebe es Panik unter den Tieren, und die gesunde Weidehaltung werde mit dem Wolf nicht mehr möglich sein.
Der Landtagsabgeordnete Thomas Domres (Linke) sicherte den Tierhaltern Unterstützung zu und will das Thema auf der nächsten Sitzung des Landwirtschaftsausschusses ansprechen.

Er bekam den Auftrag, die Forderung der Tierhalter nach Rechtssicherheit und Verbindlichkeit sowie nach einem Rechtsanspruch auf Entschädigung bei Wolfsrissen mit nach Potsdam zu nehmen.
 

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erstellt am 04.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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