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Der Prignitzer

10. Dezember 2016 | 19:33 Uhr

Perleberger Museumsnacht lockt : Wo ist die Turmspitze geblieben?

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Antwort: Im Museum. Manch Interessantes rund um den Kirchturmbrand gibt es bei der 9. Museumsnacht am 30. Oktober

Am kommenden Sonntag laden von 19 bis 22 Uhr das Oldtimer- und Technikmuseum, das Stadt- und Regionalmuseum wie auch das Rathaus und die Pfarrkirche St. Jacobi zur nunmehr 9. Museumsnacht ein. In diesem Jahr findet die Eröffnung um 19 Uhr in der St. Jacobi-Kirche statt, im Gedenken an den verheerenden Kirchturmbrand vor 100 Jahren. Übrig blieben damals die Spitze mit Turmkopf und Wetterhahn. Doch wo befinden sie sich heute?

Die aus den Trümmern geborgene und erheblich beschädigte Kirchturmspitze wurde zunächst im Rathaus deponiert und später dem Museum übergeben, wo sie heute noch auf dem Hof ihren Platz hat. „Anfangs waren da noch Reste der hölzernen Verankerung, doch die sind im Laufe der Zeit komplett verwittert“, weiß Günther Seier, der viele Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum wirkte.

Am 27. November 1916 vernichtete der verheerende Brand den Turm und die fünf bronzenen Glocken. Eine Perlebergerin schickte am 20. Dezember 1916 ihrer Schwester, einer Pastorin in Friedrichshagen, eine Ansichtskarte und schrieb unter anderem folgende Zeilen: „… um lieben Menschen diese interessante und doch so wehmütige Neuheit unserer Stadt vorzuführen“. „Am traurigsten sind wir, dass die so klangvollen alten lieben Glocken beim Brand herunterfielen und zerschellten. Ist das nicht abartig? Am Totensonntag erschallte ihr Geläut noch und dann dieser Brand.“

Günther Seier berichtet in der Broschüre „Von Ziegeln, Tabakspinnern und andrem“ über die Geschehnisse am Morgen des 27. Novembers 1916, dass zwei Postbeamte auf dem Weg zum Dienst das Feuer bemerkten und Alarm schlugen. Die Feuerwehr unter Leitung von Branddirektor und Ratsherr Grunick ist schnell zur Stelle, kann aber wegen der Stärke des Feuers vorerst nicht eingreifen. Die Flammen sollen eine Höhe von 100 Meter und mehr erreicht haben. Augenzeuge Otto Wolff sprach von einer „gewaltigen Brandfackel“.

Kurz nach 7 Uhr stürzt der Turm ein, wobei er das Kirchendach durchschlägt und das Gebälk entzündet. Um 11 Uhr ist der Brand gelöscht. Dachstuhl und Kirchenschiff konnten gerettet werden, der Turm brannte vollständig aus. Die Brandursache blieb allerdings ungeklärt. Da erwiesenermaßen zuerst die Uhrkammer brannte, fiel der Verdacht auf einen Uhrmacherlehrling, der tags zuvor – es war Totensonntag – die Uhr aufgezogen und nach eigener Aussage dort geraucht hatte. Beweise gab es dafür jedoch nicht.

In der Broschüre erfährt man zudem, dass sich drei Kapseln mit sieben verschiedenen Schriftstücken im Turmkopf befanden und unbeschadet den Brand überstanden. So eine Denkschrift über die Turmerneuerung 1826. Hier erfährt man neben Angaben zum Bau und zu den Kosten auch etwas über das Leben im Perleberg jener Tage.Die Stadt hatte damals ca. 600 Häuser und 3300 Einwohner. „Die Gewerbe sind nicht blühend, man hofft aber Verbesserung, sobald die Chaussee von Berlin nach Hamburg, welche auf der Linie Perleberg bis Warnow in diesem Herbst zu bauen angefangen wurde, fertig sein wird.“ Das schrieb der damalige Bürgermeister Eggebrecht.

Die Denkschrift über die Erneuerungsbauten von 1851/54, die ebenfalls im Turmkopf steckte, offeriert Einzelheiten zur Turmerneuerung. Der Turm erhielt damals an Stelle des alten Fachwerkaufbaus eine massive Spitze. 38 000 Taler kostete die Renovierung. Die Bauoberleitung hatte damals der königliche Hofarchitekt und Geheime Oberbaurat Stüler aus Berlin, die Bauausführung lag in den Händen des königlichen Bauführers Eduard Wronka aus Allenstein, ist in dem Beitrag von Günther Seier zu lesen. Übrigens, die eigentlichen Arbeiten wurden von Perleberger Handwerkern ausgeführt. Die Turmspitze von Ratszimmermeister Stoßfalk, sein Sohn legte dabei die Meisterprüfung ab. Der Glockenstuhl war die Prüfungsarbeit eines künftigen Zimmermeisters, den Turmhahn fertigte der Kunstschlosser Heinrich Behrens an, die Vergoldung von Hahn und Kugel übernahm Malermeister Carl Thielow, die Zinnarbeiten am Turm Klempnermeister Rudolf Wiese.

Viel Interessantes über das Leben und den Alltag aus jenen Tagen vermitteln die Dokumente, die in der Kugel deponiert waren – gedacht für die Ewigkeit. Der Brand aber brachte den Turm zum Einsturz und mit ihm stürzte die Spitze zu Boden. Die Spuren sieht man heute noch deutlich.

In alter Schönheit soll die Turmspitze samt Geläut nun wiederentstehen. Einher damit gehen muss die komplette Sanierung des Holztragwerks, all das hat sich der Förderverein Kirchturmspitze auf die Fahnen geschrieben.

Zur Geschichte des Gotteshauses und zum Kirchturmbrand, unterlegt mit Zitaten aus historischen Dokumenten und Fotos, erfährt man zudem Interessantes in der vom Perleberger Jens Nering im Eigenverlag herausgegebenen Broschüre „Kirchturmbrand zu Perleberg 1916-2016“.  

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erstellt am 26.Okt.2016 | 05:00 Uhr

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