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Der Prignitzer

10. Dezember 2016 | 09:52 Uhr

Mit dem Traktor zum Eisangeln

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ärzteehepaar Martina und Bernd Georgii wandert nach Schweden aus

Mancher träumt von einem Häuschen am Mittelmeer, von einem Lebensabend unter Palmen. Nicht so Martina und Bernd Georgii. Sie mögen es sonnig, aber nicht heiß, sie mögen es einsam, aber nicht völlig abgeschieden, und wenn im Winter der Schnee einen Meter hoch und mehr vor ihrer Tür liegt, stört sich das nicht. Ihr Traumland heißt Schweden, und dorthin werden sie auswandern.

Nach 35 Jahren als Chirurg gab Bernd Georgii Ende September seine Wittenberger Praxis auf, ging in den Ruhestand. Seine Frau folgt ihm bis Jahresende. Seit 1982 in der Kinderklinik des Krankenhauses, seit 1999 als niedergelassene Kinderärztin tätig, hat sie mittlerweile schon den Nachwuchs ihrer ersten Patienten behandelt. „Die Praxis bleibt bestehen, ich arbeite nur noch meinen Nachfolger ein“, sagt sie.

Gut möglich, dass Georgiis Weihnachtsbaum in diesem Jahr im 800 Kilometer entfernten Kreis Mariestad stehen wird. In der Nähe der 9000 Einwohner zählenden Stadt haben sie ihr Traumhaus durch einen Zufall gefunden. Die Entscheidung zum Auswandern ist in mehr als 20 Jahren gereift.

Mitte der 90er-Jahre verbrachten sie einen Urlaub in Norwegen. „Das hatte uns gefallen, wir hätten dort gerne ein Ferienhaus gekauft“, sagt Martina Georgii. Doch Ausländer durften damals keinen Grund und Boden erwerben. Anders in Schweden. Ganze Prospekte werben für Ferienhäuser im Grünen. Im Oktober 1995 verbrachten die Wittenberger eine ganze Woche in Mittelschweden. Statt Sehenswürdigkeiten besichtigten sie Ferienhäuser und wurden in der Region Mariestad fündig. „Wir hatten traumhaftes Wetter, Sonne und 19 Grad, in den Wäldern gab es Pilze“, erinnert sich Martina Georgii. Sie zögerten nicht.

Seitdem bezeichnen sie sich als Halbschweden. Mal ist es ein verlängertes Wochenende, mal eine Silvesterparty gewesen. Aber es verging kein Jahr ohne mehrere Aufenthalte. Sie fuhren mit Freunden nach Schweden, fanden dort neue Freunde, und ihre Kinder nutzten als Studenten nur allzu gerne das Domizil.

Ihren Wunsch nach einem großen Grundstück möglichst mit Fachwerkhaus behielten sie im Blick. „Es hätte auch in der Prignitz sein können oder in der Umgebung, aber wir fanden nie das Richtige“, sagt er. Schon gar nicht so ein wunderschönes Gehöft auf einem Hügel mit Sonne von allen Seiten und direkt an einem See gelegen. „Das wär’s“, sagte sie zu ihm, als sie eines Tages eine andere Straße zu ihrem Ferienhaus fuhren.

Monate später saßen sie in ihrem Wittenberger Wohnzimmer, stöberten im Internet auf einer schwedischen Immobilienseite. „Schau, das sieht doch so ähnlich aus“, sagte sie. Er schaute sich die Bilder, die Lage des Grundstücks an und sagte: „Das sieht nicht nur so aus, das ist es.“

Wie zuvor schon beim Ferienhaus zögerten sie nicht. Während sie mit ihrer Tochter eine geplante Fernreise antrat, fuhr er nach Schweden und kaufte das 4000 Quadratmeter große Grundstück. Sie haben es nicht bereut.

Fortan gab es keinen Urlaub mehr in Schweden, sondern Work and Travel: aufräumen, entrümpeln, Umbauten an allen drei Gebäuden. Angst vor dem endgültigen Schritt haben sie nicht. Ihnen gefällt das unkomplizierte Leben in Schweden. Das Wetter sei besser als die weitläufige Meinung über Schweden, die Tage sind kaum kürzer als in Deutschland und die Schweden sehr offen. Nur zwei von vielen Beispielen: „Unser Dorf zählt 200 Einwohner. Und als im vergangenen Jahr 50 Flüchtlinge aufgenommen wurden, gab es keine Diskussionen darüber.“ An ihrem Schwedisch müssen sie noch arbeiten, aber auch das ohne Druck: „Dort können alle Englisch sprechen, auch auf den Behörden.“

Sie kennen die Nachbarn, ist gibt eine kleine deutsche Kommune dort, und Langeweile stehe gewiss nicht auf dem Programm. Sie möchte gärtnern, es gilt ein Waldstück zu pflegen und auf dem benachbarten See möchte er angeln gehen. „Im Winter fährt man dort auch schon mal mit dem Traktor aufs Eis zum Angeln.“

Ihre deutschen Freunde habe dieser letzte Schritt nicht mehr überrascht, die eigenen Kinder erst recht nicht. Ihre Tochter studierte in Stockholm, erwartet jetzt ihr erstes Kind. Auch der Sohn ist werdender Vater, und Ferien in Bullerbü sind mittelfristig fest eingeplant.

Die Distanz von 800 Kilometern sei gut mit einer Tagestour zu bewältigen, es gibt Flugzeuge und wer in Wittenberge morgens 8.05 Uhr mit dem ICE startet, ist abends um 21.35 Uhr in Mariestad. „Wir sind nicht aus der Welt“, sagen Bernd und Martina Georgii. 

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erstellt am 07.Nov.2016 | 12:02 Uhr

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