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Der Prignitzer

28. Juni 2016 | 03:53 Uhr

Forschung : Eine fast perfekte Sensation

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Archäologen überzeugt: Drei Amphoren aus der Bronzezeit stammen aus Seddin. Letzter Beweis wäre die Entdeckung der Werkstatt

Die archäologische Sensation ist fast perfekt: Eine dritte Amphore aus Unia (Woj. Wielkopolskie, Polen) weist verblüffende Ähnlichkeiten mit zwei weiteren Amphoren aus der Bronzezeit (ca. 950 – 800 v. Chr.) auf. Sie alle zusammen könnten vom gleichen Handwerksmeister oder aus der gleichen Werkstatt stammen. Archäologe Jens May vermutet diese in Seddin. Er und weitere Experten präsentierten gestern die neuesten Forschungsergebnisse im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg.

Die jetzt untersuchte Amphore wurde bereits 1882 in Polen von einem Bauern gefunden. Durch einen Pflug ist sie stark beschädigt worden. „Wir kannten sie bisher nur von Abbildungen und Gipsabdrücken“, sagt May. Im Sommer jedoch konnten die Archäologen sie mit einer Laserscan-Methode rekonstruieren.

Die Ergebnisse verblüfften die Wissenschaftler. Gab es zwischen den Amphoren aus Seddin und Herzberg schon auffallende Parallelen, sind die Übereinstimmungen zwischen dem Herzberger und dem polnischen Artefakt noch frappierender. Daraus lasse sich die zentrale Frage ableiten: Noch ein großes Bronzegefäß aus der Prignitz?

Bronze sei sperrig, lasse sich schwer bearbeiten. Die Amphoren wurden nicht gegossen, sondern getrieben. „Dennoch stimmen die horizontalen Muster zu 99 Prozent überein“, sagt May. Das zeuge von einer enorm hohen Handwerkskunst, das spreche für die gleiche Meisterhand. May ist überzeugt, dass alle drei Gefäße aus Seddin stammen. Die räumliche Entfernung zu ihren Fundstätten widerspreche dieser These nicht.

Die Amphoren besitzen keine figürlichen Darstellungen, wie etwa Vogel-Sonnen- Barken, sondern relativ einfach strukturierte Dekore. Allen Amphoren ist jedoch eines gemein: ihre Dekore aus regelhaft angeordneten Buckeln. Sie symbolisieren Zeitabschnitte. Der einfache Buckel wird als Zeichen für einen 24-Stunden-Tag gedeutet. Ihre Summen ergeben natürliche Zeitabschnitte wie etwa ein Mondjahr zu 354 Tagen oder ein Sonnenjahr mit 365 Tagen, erläutert May.

Ob es sich tatsächlich um Kalender aus der Bronzezeit handelt, sei strittig. „Sie wollten die Zeit visualisieren, sie machen deutlich: Wir haben es drauf, wir haben es begriffen“, erklärt May seine These.

Die Forschungen seien noch nicht beendet. Im nächsten Schritt sollen die Arbeitsweise, die Technik der Handwerker analysiert werden. Sind die Buckel gleich groß? Wurde als Werkzeug die gleiche Punze benutzt?

Und dann gibt es ja noch eine vierte Amphore, die jetzt ins Visier der Archäologen gerät. Sie wird im Nationalmuseum Kopenhagen aufbewahrt, ihr Fundort liegt im dänischen Rørbaek. Wenn auch diese Amphore ihren Schwestern ähnelt, ist das Puzzle fast fertig. „Der letzte Beweis wäre die Werkstatt selbst“, sagt May.

Der für Seddin zuständige Gebietsarchäologe ist überzeugt, dass die Werkstatt irgendwo in der Prignitzer Erde verborgen ist. Sie freilich zu finden, sei eine ganz andere Sache. Nach mehr als 25 Jahren Berufstätigkeit glaubt May eher nicht an den Erfolg einer gezielten Suche. „Solche Dinge kann man nicht organisieren. Viel wahrscheinlicher wäre, dass die Werk statt eines Tages bei Meliorationsarbeiten gefunden wird.“  

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erstellt am 23.Sep.2015 | 21:00 Uhr

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