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Der Prignitzer

29. August 2016 | 04:00 Uhr

Tschad-Serie : Ein Palast mit Samsung-Flatscreen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Urban Britzius und Hanno Taufenbach halten Audienz beim Sultan von Iriba

Der Wächter öffnet das vier Meter hohe Eisentor, wir fahren auf einen riesigen, grob gepflasterten Innenhof. Vor uns der langgezogene Palast von Sultan Tahir Haggar. Wir sehen ihn an der Giebelseite zusammen mit anderen Männern im Freien sitzen und gehen in ihre Richtung. Tahir Haggar erkennt Urban, winkt uns einladend heran. Wir schlüpfen aus unseren Latschen und betreten barfuß die auf dem Sand ausgebreiteten Matten.

Händeschütteln, Umarmung, Händeschütteln – es ist die übliche Zeremonie, völlig egal, ob wir unseren Fahrer, Nachtwächter oder jetzt den Sultan begrüßen. Urban und er tauschen Belanglosigkeiten aus, ich werde als Mitarbeiter von Help vorgestellt. Mein Auftrag: Ich soll die hiesige Arbeit dokumentieren und bewerten.

Ob ich seinen neuen Palast sehen möchte, fragt Tahir Haggar. Natürlich will ich und muss an das Märchen vom Kleinen Muck denken, sehe Brunnen und prächtige Räume vor meinem geistigen Auge. Die Realität im Palast von Tahir Haggar sieht anders aus. In seinem Büro steht ein Schreibtisch, dessen Glasplatte von Staub überzogen ist. Der kleine Computer wirkt antiquiert.

Groß ist die daneben liegende Empfangshalle. Riesige Teppiche bedecken den kühlen Fliesenboden, an der Decke hängen Ventilatoren, vor den Fenstern gelbe Vorhänge. Hier haben gut 200 Personen Platz. Direkt gegenüber der genauso große Salon, in dem breite Ledersessel stehen, ein großer Flachbildfernseher der Marke Samsung. Mehr Möbel gibt es nicht, man sitzt auf Teppichen. Beim Hinausgehen zeigt der Sultan auf eine geschlossene Tür, dort wohne eine Frau. Für seine weiteren Frauen gibt es ein extra Gebäude.

Wir nehmen im Schneidersitz auf den Matten Platz, trinken süßen Tee aus kleinen Gläsern. Fragen darf ich noch nicht stellen. Zuerst spricht der Sultan.

„Vielen Dank für Ihren Besuch, ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit in Iriba.“ Help habe viel Gutes bewirkt, für die Einwohner und die Flüchtlinge gleichermaßen. Das sei ihm wichtig zu betonen. Ob Pumpe, Brunnen oder Wadi-Passage – überall könne man die Ergebnisse sehen. „Keine der anderen Organisationen arbeitet so gut, und wir brauchen Help noch lange“, betont er. Sein Blick fällt auf Urban und ich spüre, dass immer, wenn der Sultan von Help spricht, er Urban meint. Shahib Almi nennen sie ihn hier, der Alte vom Wasser. In der arabischen Sprache ist das eine Ehrbezeichnung. Auch der Sultan spricht über Shahib Almi wie über einen Mann, den er schätzt, der in seiner Gunst steht.

Der Mann mit dem weißen Turban blickt mich an. Jetzt sei ich an der Reihe. Was noch zu tun sei, will ich wissen. „Die Schule, das Krankenhaus, mehr Staudämme. Ich kann gar nicht alle Wünsche aufzählen und Urban weiß, dass er hier nicht weg kann“, sagt er. Die Regierung sei zu weit weg, als dass sie sich ernsthaft engagieren würde.

Und er, was könne der Sultan leisten? „Ich garantiere den Schutz für die Help-Miarbeiter und vermittle zwischen ihnen und der Bevölkerung.“ Das sind etwa 142  000 Menschen, die in fast 4000 Dörfern leben. Der Sultan ist ihr traditionelles Oberhaupt und genießt uneingeschränkte Autorität, ist Befehlshaber und Richter zugleich. Der offizielle Vertreter der Regierung ist der hiesige Präfekt.

Urban und Tahir Haggar palavern vor unserem Abschied. Es gibt ein Problem mit einer Pumpe, Urban möge sich bitte darum kümmern, am besten gleich morgen. Mimik und Gestik des Sultans sind unverändert und doch ist es plötzlich nicht mehr der bloße Austausch von Floskeln. Der Sultan hat gesprochen, seine Bitte ist ein klarer Auftrag. Urban verspricht, sich darum zu kümmern. Nicht morgen, aber er wird es machen. Der Sultan wirkt zufrieden, die Hierarchie ist wieder hergestellt. In Iriba hat nur einer das Sagen. Unsere Audienz ist beendet.

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erstellt am 25.Jan.2015 | 08:45 Uhr

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