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Der Prignitzer

27. September 2016 | 22:39 Uhr

Truppenübungsplatz Glöwen : Ein Ort mit drei Vergangenheiten

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Truppenübungsplatz Glöwen war KZ-Außenstandort, beherbergte die NVA und wurde nach der Wende umfangreich entmunitioniert

Scharf geschossen wird in Glöwen nicht mehr. Wenn heute die Soldaten vom Panzerbataillon in Havelberg auf dem Standortübungsplatz ihre Manöver abhalten, kommt auf dem ungefähr 600 Hektar großen Gelände keine scharfe Munition zum Einsatz. Ein lange Geschichte mit explosiven Stoffen hat der Platz allerdings.

Bereits 1937 begann die Wehrmacht in Glöwen ein Wehrertüchtigungslager zu errichten. Mitglieder der Hitler-Jugend wurden hier auf den Militärdienst vorbereitet. Ab dieser Zeit befand sich in Nitzow ein Munitionsdepot. Damit begann der Aufstieg des versteckten Areals im Herzen der Prignitz zum Militärstandort, so beschreibt es Martin Kaule in seinem historischen Reiseführer „Brandenburg 1933-1945.“ In den Kriegsjahren fand sich dort ein Sprengstoffwerk der Dynamit AG unter dem Decknamen „Roland“. Das Werksgelände verfügte über einen Eisenbahnanschluss an den Fernverkehr über Glöwen, eine Werksbahn mit Ringverkehr und verschiedenen Lokschuppen, sowie eine Hafenanlage an der Havel. Ein eigener Kanal leitete die Werksabwässer über Quitzöbel in die Elbe.


Gefährliche Zwangsarbeit
 

Auch zirka 3000 Häftlinge, darunter 800 Juden, wurden während der NS-Zeit zur Zwangsarbeit in den Dynamitwerken eingesetzt. Genaue Opferzahlen gibt es nicht, man schätzt sie auf 500 weibliche und 270 männliche Opfer. Wer nach Glöwen kam, musste oft in der hoch gefährlichen „Delaborierungseinrichtung“ arbeiten, das hieß: Blindgänger und Beutemunition auseinandernehmen.

Schüler aus Bad Wilsnack hatten vor etwa zehn Jahren unter Leitung ihrer damaligen Lehrerin Ulla Seeger und dem Historiker Thomas Irmer eine Broschüre zum Lager angefertigt. Die „Erinnerungen an eine geliehene Zeit“ wurden unter anderem mit Hilfe der Sparkasse Prignitz und der Brandenburgischen Zentrale für politische Bildung gedruckt.

Der Außenstandort Glöwen sei kein Vernichtungs- sondern ein Zwangsarbeitslager gewesen, einige Häftlinge kamen aus Auschwitz und seien froh gewesen, dort weg zu sein, schätzt Historiker Thomas Irmer ein. Glöwen schien wie das kleinere Übel in dunkler Zeit. Das Schicksal von Antonia Gross hatte Thomas Irmer zusammen mit den Schülern in der Broschüre dokumentiert. „Sie gehörte zu denen, die schon viele Stationen hinter sich hatten, und nach diesem langen Weg ausgerechnet nach Glöwen kamen. Der ganze Krieg in all seinen Facetten war auf einmal hier, von allen Fronten und Kriegsorten kamen Menschen“, verrät er. Es sei beeindruckend zu hören gewesen, wie die Häftlinge versuchten, Kontakt untereinander aufzunehmen und Sachen über die Zäune warfen.

„Antonia Gross hat mit Freundinnen eine kleine Tasche gestrickt, in der man Kerzen für den Sabbat aufbewahren und verstecken konnte. Wie man Menschlichkeit in dieser Zeit bewahrt, das fand ich sehr berührend“, erinnert sich Irmer. Kurz vor der Befreiung wurden einige Häftlingsgruppen noch in die ARADO Flugzeugwerke Rathenow, in das KZ Sachsenhausen oder nach Bergen-Belsen auf Todesmärsche geschickt.


Ausbildung an der „Lehr-Grenze“
 

Auf dem als „Sprengfläche“ markierten Teil hätten dann nach 1945 sowjetische Soldaten die Reste aus der Munitionsfabrik beseitigt. „In Glöwen erzählte man sich, die Rote Armee hat die Sprengkörper zusammengetragen und mit Stroh angezündet, um sie zu vernichten. Durch die unkontrollierte Explosion verteilte sich alles in der Gegend“, weiß Henry Sternbeck zu berichten, der bis vor Kurzem zum Unterstützungspersonal des Standortältesten in Havelberg gehörte.

Die erste Nutzung nach dem Krieg erfolgte durch die kasernierte Volkspolizei, abgelöst von der NVA. Jene baute nach einer Beräumung an dieser Stelle eine originalgetreue Lehrgrenze auf den märkischen Sand, Grenztruppen probten daran den Fall der Grenzverletzung. Westlich des ehemaligen Beutegutlagers befand sich zudem ein großer Schießstand. Der Havelzugang an der Panzerfurt (großes Bild oben) ermöglichte es, Grenzsoldaten auf Patrouillenbooten zu schulen.


Das große Aufräumen nach der Wende
 

Nachdem die Bundeswehr den Platz im Wendejahr 1990 übernommen hatte, führte sie im Rahmen des Altlastenprogramms ausführliche Recherchen durch und ließ nicht nur Kampfstoffe, sondern auch die Verseuchung durch Öle und Fette kartografieren. Sprengstoffexperten zählten Glöwen/Nitzow zu den fünf am stärksten belasteten Orten in der Bundesrepublik. Im Jahr 1991 fing die Munitionsbergung an. Hunderte Tonnen holte man bis zur Jahrtausendwende aus dem Boden.

Die Räumtiefe an der alten Sprengfläche lag bei 6 Metern, so tief musste der verseuchte Boden umgewälzt werden. Noch heute zeigen Satellitenbilder hier eine Schneise im Wald. „Die Bundeswehr ist anders als die Armeen vor 1989“, meint Henry Sternbeck. Man habe sich den Umweltschutz groß auf die Fahnen geschrieben, führe im Umkreis regelmäßige Grundwasserproben durch. „Trotz der Entmunitionierungen stehen die Warnschilder noch da, weil man eine hundertprozentige Sicherheit nicht gewährleisten kann“, so Sternbeck. Und nicht nur Sprengstoffe, sondern auch Anlagenreste, Ruinen und Schächte können heute noch lebensgefährlich sein.


Immer weniger Übungsplätze
 

Deutschlandweit geht die militärisch genutzte Fläche immer weiter zurück, so auch in Glöwen. Im vergangenen Jahr baute die Bundeswehr die ehemaligen Schießanlagen auf dem Gelände zurück - sie hatte keine Verwendung mehr dafür und die Nutzungszwecke ändern sich. Die Soldaten, die derzeit auf dem Platz ausgebildet werden, erwarten Einsätze in Afghanistan oder in Nord-Mali. „Wir haben Zelte, Container und relativ umfangreiche Holzbauten aufgestellt, um ein afghanisches Dorf nachzustellen. Das unterscheidet sich deutlich von dem, was wir sonst hier gemacht haben“, bemerkt Bataillonskommandeur Markus Schulze Harling.

Gesprengt wird aber gelegentlich doch noch, denn der deutschlandweit einzige Übungssee für Unterwassersprengungen liegt hier an der Havel.

 

 

 

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erstellt am 23.Sep.2016 | 12:00 Uhr

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